Zeitung Heute : Geschenkt kriegt man nix

Harald Martenstein

Die Regierung will einen Rechtsanspruch auf einen Hauptschulabschluss einführen. Ey, Leute, jeder Deutsche kriegt demnächst von der Regierung einen Schulabschluss! Als ich das in der letzten Woche gehört habe, dachte ich zuerst, es ist Satire. Aber nein. Sonderbarerweise gab es bisher kaum Kommentare zu diesem vermutlich irrsten Gesetzesprojekt aller Zeiten. Alle sind immer noch ganz baff.

Die Regierung, namentlich der Arbeitsminister Scholz, hat festgestellt, dass Leute ohne Schulabschluss keine Jobs kriegen und folglich häufig arm sind. Na, dann geben wir ihnen halt den Wisch! Für wie dumm hält der Minister die Arbeitgeber? Vor zwei Wochen kam heraus, dass etwa 2000 deutsche Unternehmen ihre offenen Lehrstellen nicht besetzen können, weil sie keine geeigneten Bewerber finden. Die Bewerber – mit Hauptschulabschluss! – könnten in der Regel weder flüssig lesen noch schreiben, auch seien sie nicht in der Lage, regelmäßig und pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen. Schule und Eltern bringen ihnen das nicht mehr bei.

Dass ein Unternehmer jemanden, der morgens nicht zur Arbeit kommt, nicht einstellt, kann man ihm kaum verübeln. Auch wenn die SPD, was ihr leider zuzutrauen wäre, in Zukunft jedem Deutschen qua Regierungsbeschluss den Professorentitel verleiht, die Arbeitgeber werden diese Professoren trotzdem nicht einstellen, solange sie nicht lesen und schreiben können. Wer für diese Leute wirklich etwas tun will, muss dafür sorgen, dass auch die heutigen Hauptschüler wieder durchgängig gewisse Mindestqualifikationen besitzen, an Wissen und als Persönlichkeiten, Qualifikationen, die sie für Arbeitgeber interessant machen. Aber das macht natürlich Mühe, das kostet Geld, das ist nicht schnell bürokratisch hinzuhudeln wie der „Schulabschluss für alle“ oder die „Abschaffung der Hauptschule“ und ähnliche Scheinreformen, die darauf hinauslaufen, die Wirklichkeit schönzuschminken, statt sie zu verändern.

Wer den Abschluss an der Hauptschule nicht packt, soll ihn in einem Kurs bei der Arbeitsagentur kriegen. Wird es dann überhaupt noch eine Prüfung geben, wenn es doch sowieso einen Rechtsanspruch gibt? Na, ist wahrscheinlich egal. Was diese Reform für den ohnehin schwierigen Berufsalltag der Hauptschullehrer bedeutet, wage ich mir nicht vorzustellen. Die Lehrer werden noch häufiger verprügelt werden, dank Olaf Scholz. Die Schüler treten den Lehrern künftig mit dem Bewusstsein entgegen, dass sie Anspruchsinhaber sind und dass es egal ist, wie es in der Schule läuft, hinterher können sie ja zur Arbeitsagentur gehen und den Abschluss bekommen, einen Abschluss, der nichts wert ist. Denn man kriegt, wie schon meine Oma sagte, im Leben nix geschenkt.

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