Geschichte : Amerikas blutige Einheit

Vor 150 Jahren spalteten sich die USA. Sklaverei oder Fortschritt? Es kam zum Bürgerkrieg – mit modernen Waffen und Millionen Soldaten.

Erstmals waren Fotografen auf den Schlachtfeldern, sie benutzten Glasplatten – hier ein Original. Diese Konföderierten fielen am Antietam in Maryland.
Erstmals waren Fotografen auf den Schlachtfeldern, sie benutzten Glasplatten – hier ein Original. Diese Konföderierten fielen am...Foto: Library of Congress

Irgendwo von da drüben müssen die Kugeln gekommen sein. Vielleicht von der Ecke, wo jetzt ein Schnellimbiss Brathähnchen verkauft. Hätte der Schütze getroffen, an diesem 12. Juli 1864, wäre Abraham Lincoln, Präsident der Vereinigten Staaten, womöglich hier in einem Schützengraben am Stadtrand von Washington D.C. gefallen.

Fort Stevens ist heute eine gepflegte kleine Grünanlage inmitten eines überwiegend von Schwarzen bewohnten Viertels. Ein paar alte Geschütze erinnern noch an die dramatischen Ereignisse von damals. Das Fort war Teil des Festungsgürtels um die Hauptstadt. Und die angreifende Armee der Südstaaten war im Juli 1864 nur noch acht Kilometer vom Weißen Haus entfernt. Lincoln eilte an die nahe Front.

Ein Offizier soll den Präsidenten seinerzeit in die Deckung zurückgezogen haben. Vielleicht hat er damit die Union gerettet, wären die Vereinigten Staaten ohne Lincoln endgültig auseinandergebrochen. Der Schütze traf nicht. Die Südstaatler, wie man sie nannte, weil ihre Konföderation nur den Süden der Vereinigten Staaten umfasste, mussten sich zurückziehen. Und der Kampf Nord gegen Süd ging weiter, trat in seine brutalste Phase ein. Mindestens 600000 Amerikaner starben in diesem Krieg, der als einziger auf ihrem Territorium ausgetragen wurde, mehr als in beiden Weltkriegen, in Korea, Vietnam, Irak und Afghanistan zusammen. Vielleicht erklärt das, warum die Erinnerung an ihn in den USA auch nach 150 Jahren immer noch so präsent ist.

Auf Friedhöfen in Maryland, Virginia, Georgia oder irgendeinem anderen umkämpften Staat stößt man nicht selten auf Grabsteine mit dem Kürzel „CSA“ für Confederate States Army, die Truppen eines Landes, das nur vier Jahre existierte. Oft steckt vor diesen Gräbern ein frisches Fähnchen mit den Stars and Bars in den roten und blauen Farben der Südstaatler. Allein das alte Schlachtfeld bei Gettysburg in Pennsylvania, das „Stalingrad“ der Konföderierten, zieht heute noch Jahr für Jahr über eine Million Besucher an.

Zuerst waren es sieben US-Staaten, die sich am 4. Februar 1861 zu den Konföderierten Staaten von Amerika zusammenschlossen. Am 9. Februar wählten sie mit Jefferson Davis ihren Präsidenten. Vier weitere Südstaaten schlossen sich im Verlauf des Jahres diesem Bündnis an.

Eigentlich traten Abraham Lincoln, seit November 1860 gewählter Präsident der Vereinigten Staaten, und seine neu gegründete Partei, die Republikaner, gar nicht für die sofortige Abschaffung der Sklaverei ein. Lincoln konnte es sich gar nicht leisten: In fünf der 24 in der Union verbliebenen Staaten war die Sklaverei weiterhin legal. Aber in den Gebieten des Westens, die in absehbarer Zeit den USA beitreten würden, sollte es keine Sklaven mehr geben. Das allein werteten die Südstaaten als Angriff auf ihre Lebensgrundlage.

Im Süden prosperierte die Plantagenwirtschaft mit ihrer Baumwolle, von Sklaven billig gepflückt. Amerikanische Baumwolle war praktisch konkurrenzlos, die Preise stiegen ebenso rasant wie die Nachfrage in Europa. Der Norden hatte derweil 1860 bereits einen Anteil an der Welt-Industrieproduktion erreicht, der nur noch von England, dem Mutterland der industriellen Revolution, deutlich übertroffen wurde. Das Schienennetz der USA – und die meisten Gleise lagen im Norden – war inzwischen länger als im Rest der Welt zusammen. Einkommen, Lebenserwartung und Alphabetisierungsrate waren im Norden höher als in fast allen europäischen Staaten. Während die Gesellschaft des Südens sich seit dem Unabhängigkeitskrieg kaum verändert hatte, zeichnete sich im Norden das Entstehen eines modernen Industriestaats ab.

Der suchte den riesigen Binnenmarkt durch Zölle zu schützen. Zölle, durch die der Süden seine Märkte in Übersee bedroht sah. Im Norden war der freie Arbeiter Konsument jener Produkte, die seine Fabriken in immer größerer Zahl herstellten. Zwei Drittel der Südstaatler hatten gar keine Sklaven, aber solange es welche gab, standen sie nicht am Ende der Hierarchie, waren sie Angehörige einer irgendwie besser gestellten Schicht.

Harriet Beecher-Stowe schrieb mit „Onkel Toms Hütte“ einen Millionenbestseller. In South Carolina, Georgia oder Alabama sah man die Geschichte eines Sklaven, dessen Familie in alle Winde verkauft wird, als Pamphlet der Krämerseelen in Boston, New York oder Chicago, las lieber „Uncle Robin in His Cabin in Virginia and Tom Without One in Boston“: Robin in Virginia hat wenigstens eine Hütte, Tom in Boston nicht.

Wofür zogen beide Seiten in den Krieg? Über diese Frage wird seit 150 Jahren gestritten, schreibt James McPherson, einer der renommiertesten Bürgerkriegsforscher. Am Anfang kämpften sie wohl vor allem dafür, dass alles so bleiben sollte, wie es war. Dem Süden sollte Washington keine Vorschriften machen dürfen. „Freiheit des Eigentums“ lautete die Parole, die Sklaverei nannte man verdruckst „our peculiar institution“ – was besonders, aber auch sonderbar heißen kann. „Freiheit der Arbeit“ hieß es im Norden, nicht jeder verstand darunter die Aufforderung zur Befreiung der Sklaven. Aber die Vereinigten Staaten sollten weiterbestehen, kein Mitglied einfach austreten können.

Wie sollten sie es verhindern, fragten sich damals Beobachter aus Europa. Zwar war der Norden in der Industrieproduktion turmhoch überlegen, hatte mit über 20 Millionen auch mehr Einwohner als der Süden mit seinen 5,5 Millionen Weißen und 3,6 Millionen schwarzen Sklaven. Doch der Süden musste nicht gewinnen, er musste nur so lange durchhalten, bis Lincoln die nächste Wahl verlor. Das würde er aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn der Krieg erst einmal Opfer kostete.

Am 12. April 1861 fielen die ersten Schüsse. Sie galten Fort Sumter, einer von Nordstaatlern besetzten Hafenfestung vor Charleston, South Carolina – tief im Süden also. Die Garnison wurde gezwungen, ihre Festung zu übergeben.

Im Frühjahr 1861 verfügten die USA über eine Armee von nur 15000 Mann – ein Drittel lief in den Süden über. Horden bewaffneter Vagabunden, die sich gegenseitig durchs Land trieben, soll Preußens Generalstabschef Helmuth von Moltke über die in aller Eile aufgestellten Armeen beider Seiten gesagt haben. Tatsächlich waren sie am Anfang nicht einmal einheitlich uniformiert – später trugen Unionssoldaten blau, die Konföderierten, wenn sie eine Uniform besaßen, grau. Ausländische Militärbeobachter hatten nur ein geringes Interesse an diesem Krieg. Ein Fehler, sie hätten etwas lernen können.

Es wurde der blutigste Konflikt des 19. Jahrhunderts. Beide Seiten stellten binnen kurzem Millionenheere auf, eine Million im Süden, zwei im Norden, eine Leistung, die die USA in beiden Weltkriegen wiederholten. Dieser Krieg sah die ersten Eisenbahngeschütze, zum ersten Mal lieferten sich Panzerschiffe Gefechte, die Konföderierten brachten das erste U-Boot zum Einsatz. Bei Cold Harbor und vor Richmond gruben sich ganze Armeen ein und nahmen den Horror der Schützengräben des Ersten Weltkriegs vorweg.

Schuld war die Minié-Kugel, Erfindung eines französischen Offiziers. Die Kugel hatte eine Vertiefung an ihrer Basis, beim Explodieren der Ladung jagte höherer Gasdruck das Projektil mit größerer Geschwindigkeit durch den Lauf, in dem neuartige Rillen das Geschoss in Rotation versetzten. Es bohrte sich so regelrecht durch die Luft.

Wie in napoleonischer Zeit 50 Jahre zuvor rückten die Truppen zunächst in geschlossenen Formationen gegeneinander vor. Aber seinerzeit war ein Schütze auf etwa 80 Meter treffsicher. Bevor er ein zweites Mal geladen hatte, stand der Angreifer vor ihm. Die neue Minié-Kugel war auf 400 Meter tödlich, gute Schützen trafen auf 700. Ein weiter, mörderischer Weg für die anrennende Infanterie.

In Frederick, Maryland, befindet sich das Nationale Museum für die Medizin des Bürgerkriegs. Der Museumsführer, der mit seinem zauseligen Vollbart selbst aussieht wie ein Bürgerkriegsveteran, zeigt auf alten Aufnahmen anschaulich, was die Minié-Kugel anrichtete: Sie riss riesige Wunden und zerschmetterte die Knochen. 94 Prozent aller Verwundungen im Bürgerkrieg rührten von Gewehrkugeln her. In sieben von zehn Fällen waren Arm oder Bein betroffen. Die Ärzte hatten keine Ahnung von den Ursachen der Wundinfektion. Einzig erfolgversprechende Behandlung war die Amputation. Wurde dem Verletzten der Arm abgenommen, starb er in 24 Prozent aller Fälle trotzdem. Sein einziger Trost war, dass die Operation meist schmerzfrei verlief. Anders als in vielen Western, in denen der Patient nur einen Whisky oder ein Stück Holz zwischen die Zähne bekommt, hatte das während des Bürgerkriegs auf beiden Seiten erst gegründete Sanitätskorps Chloroform und Morphium reichlich zur Verfügung. Um den Preis, dass man die Zahl der Morphinisten auf beiden Seiten nach dem Krieg auf 400 000 schätzt.

Der Süden erzielte Anfangserfolge, doch bald zeigte sich die materielle Überlegenheit des Nordens. Seine Fabriken produzierten massenhaft Gewehre, nähten Millionen Uniformen – und erfanden dabei die Konfektionsgröße. In seinen Werften lief Schiff um Schiff vom Stapel. Obwohl die Küstenlänge des Südens der zwischen Hamburg und Genua entspricht, waren binnen zwei Jahren alle seine Häfen blockiert. Doch selbst unter diesen Bedingungen nährte vor allem ihr Chefstratege Robert E. Lee die Hoffnung auf einen konföderierten Sieg.

Im September 1862 rückte Lees Armee sogar im Nordstaat Maryland ein, bedrohte damit Washington. Am Fluss Antietam trafen Nord und Süd aufeinander. Lincoln brauchte einen Sieg, andernfalls drohte die Gefahr, dass Europas Mächte die Konföderierten Staaten anerkannten, vielleicht in den Konflikt hineingezogen würden. 23 000 Mann wurden an nur einem Tag getötet oder verwundet, was oft bedeutete, dass das Opfer wenig später starb. Niemals wieder gab es so viele amerikanische Opfer an nur einem Tag. Bis heute wird das Schlachtfeld als Gedenkstätte erhalten, die Häuser, die Zäune, vor denen man auf alten Fotos die Gefallenen liegen sieht. Selbst das Maisfeld gibt es noch. Damals stand der Mais so hoch, dass die Soldaten sich oft erst sahen, wenn sie sich Auge in Auge gegenüberstanden.

Die Konföderierten zogen sich zurück. Lincoln nutzte den Sieg von Antietam für eine Proklamation: In allen Staaten, die am 1. Januar 1863 noch zur Konföderation stünden, sollten die Sklaven von diesem Tag an frei sein. Nun war der Krieg tatsächlich einer zur Befreiung der Sklaven. Und vor allem England würde sich jetzt kaum mehr an die Seite der Konföderation stellen können, ohne die eigene Bevölkerung gegen sich aufzubringen.

Lees Armee aber kam zurück, rückte 1863 noch weiter vor, bis zum kleinen Ort Gettysburg in Pennsylvania. Lee verlor über 20 000 Mann, der Norden noch mehr, und doch war es für den Süden eine Katastrophe. Seine wichtigste Armee hatte ihre Angriffskraft verloren.

Die Konföderierten gruben sich vor ihrer Hauptstadt Richmond in Virginia ein und hofften auf die Präsidentschaftswahlen im November 1864. Der Norden, dem es nicht gelang, die konföderierten Bastionen zu überrennen, war längst kriegsmüde, Lincoln sah sich einem Gegenkandidaten gegenüber, der zum Waffenstillstand bereit war. Und der Süden schickte noch einen Wahlhelfer besonderer Art. Mit 15 000 Mann gelangte der Südstaatengeneral Jubal Early an allen Feindtruppen vorbei nach Maryland und tauchte plötzlich vor Washington auf, bis er vor Fort Stevens gestoppt wurde. Wäre es ihm gelungen, die Hauptstadt niederzubrennen, vielleicht hätte sich die öffentliche Meinung wirklich gegen Lincoln gedreht. Wenig später fiel Atlanta, die größte Stadt Georgias. Lincoln gewann die Novemberwahl mit großem Vorsprung.

Der Krieg wurde noch radikaler. Der Süden setzte jetzt auf Partisanenangriffe aus dem Hinterhalt. Die Nordarmee zog derweil eine Spur der Vernichtung durch die Südstaaten Georgia, South und North Carolina. Für sie kämpften inzwischen schwarze Soldaten in eigenen Regimentern. Gerieten sie in die Hände der Konföderierten, wurden sie entweder massakriert oder in die Sklaverei verkauft. Der Norden stellte darauf den bis dahin üblichen Austausch von Gefangenen ein. Es gab Stimmen, die Lincoln dafür kritisierten. Denn Nordstaatler, die im konföderierten Lager Andersonville interniert wurden, vegetierten unter unmenschlichen Bedingungen. Etwa 100 unterernährte Gefangene starben dort täglich. Lincoln lehnte trotzdem jeden Austausch ab, solange schwarze Gefangene nicht behandelt würden wie Weiße. Der Kommandant von Andersonville wurde später im einzigen Kriegsverbrecherprozess zum Tode verurteilt.

Der Krieg wurde ausgefochten bis zur Kapitulation des Südens am 9. April 1865. Fünf Tage später wurde Abraham Lincoln von einem Attentäter niedergeschossen, der Präsident starb am Tag darauf.

Am Ergebnis änderte das nichts. Seinem Nachfolger, Vizepräsident Andrew Johnson, dem man Sympathien für den Süden nachsagte, gelang es gegen den Kongress, das Gesetz zur Gleichstellung der schwarzen Staatsbürger zu verzögern. Es trat trotzdem in Kraft, selbst in den Südstaaten, die zeitweise unter Militärverwaltung standen, bis 1870 auch der letzte wieder in die Union aufgenommen wurde. Bis zur tatsächlichen Gleichberechtigung war es noch weit. Es dauerte 100 Jahre, bis schwarze Bürger in den Südstaaten ihre Rechte wirklich frei ausüben konnten.

Für den Historiker James McPherson markiert der Bürgerkrieg den Übergang der Vereinigten Staaten in die Moderne. Bei seinem Amtsantritt habe Lincoln noch von der „Union“ gesprochen, und die Republik nur im Plural genannt: „Die Vereinigten Staaten sind eine Republik.“ Bei seinem zweiten Amtsantritt ersetzte er „Union“ durch „Nation“ und beschwor einen neuen Nationalismus – in der die zentrale Regierung künftig die Richtung vorgeben würde. Das föderale Gleichgewicht verschob sich zugunsten des Nordens mit seiner industriellen Arbeitsethik. Die besondere Rolle des Südens war fortan nur noch Folklore, in vielen Büchern lange gepflegt. Wie in „Vom Winde verweht“. Das sollte noch erfolgreicher werden, als es „Onkel Toms Hütte“ je war.

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