Geschichte : Aufstand der Indianer

Lange waren die verarmten Ureinwohner der USA duldsam, doch 1973 griffen Sioux bei Wounded Knee zu den Waffen. Für Monate besetzten sie einen Handelsposten, schossen auf FBI-Agenten und waren in allen Nachrichten.

Oscar Bear Runner vom Stamm der Sioux demonstrierte Kampfbereitschaft, während hinter ihm das Verhandlungszelt aufgebaut wurde.
Oscar Bear Runner vom Stamm der Sioux demonstrierte Kampfbereitschaft, während hinter ihm das Verhandlungszelt aufgebaut wurde.ullstein bild

Agnes Gildersleeve hatte gerade das Abendessen abgeräumt, als sie vor ihrem Fenster Seltsames bemerkte. Da waren Indianer auf der anderen Straßenseite. Einige drangen in das Ladengeschäft des kleinen Handelspostens ein, andere schossen draußen auf die Laternen. Glas splitterte, dann gingen die Lichter aus. Minuten später hatte der diensthabende Beamte im Polizeirevier von Pine Ridge die aufgeregte 68-Jährige am Apparat, sie versuchte ihm klarzumachen, dass gerade eben, am ziemlich frostigen Abend des 27. Februar 1973, Indianer Wounded Knee überfallen würden, einen winzigen Ort im US-Bundesstaat Süd Dakota. Tatsächlich stürmten die Indianer alle zehn Häuser und die Kirche, sie nahmen die anwesenden Bewohner gefangen, mit dem Pfarrer und Mrs. Gildersleeve waren es elf. Schließlich blockierten sie die vier Zufahrtstraßen.

„Heute Nacht ist etwas Ungewöhnliches passiert, das wir schon sehr lange nicht mehr erlebt haben“, begrüßte am nächsten Morgen der Nachrichtensprecher des Fernsehsenders NBC die USA, „eine Gruppe Indianer hat einen Handelsposten in Süd Dakota besetzt und hält ihn immer noch.“ Vor Ort richteten Agenten des FBI ihre Ferngläser auf das Geschehen und wurden beschossen. Kein Zweifel, die Oglala Lakota, oder auch Sioux, wie sie von den Weißen genannt wurden, befanden sich auf dem Kriegspfad. Verstärkung wurde angefordert. Noch mehr FBI-Agenten und Beamte des US Marshall Service, einer Abteilung des amerikanischen Justizministeriums, umstellten den Ort in einem Radius von 24 Kilometern, Schützenpanzer gingen in Stellung, und zwei Düsenjets der US-Luftwaffe stiegen auf, um Wounded Knee in geringer Höhe zu überfliegen, begleitet vom vereinzelten Gewehrfeuer der Indianer.

Rasch stellte sich heraus, dass es die Beamten keineswegs nur mit aufständischen Bewohnern der Pine Ridge Reservation zu tun hatten, zu der Wounded Knee gehörte. Die dort heimischen Lakota wurden unterstützt von der AIM, American Indian Movement, einer militanten indianischen Bewegung, die seit ihrer Gründung 1968 bereits an einigen spektakulären Aktionen beteiligt gewesen war. Aktivisten des AIM hatten das historische Schiff Mayflower besetzt, mit dem einst erste Siedler ins Land gekommen waren, und Mount Rushmore, jenen Fels, in den die Weißen Konterfeis von vier Präsidenten gehauen hatten. Dabei lag Mount Rushmore in den für Sioux heiligen Black Hills.

Ihre Militanz hatte der AIM bei ihren Gegnern den Ruf einer kommunistisch unterwanderten Terrororganisation eingebracht. Und Gegner gab es viele, selbst unter Indianern, die nichts hören wollten von den Erweckungsparolen der Bewegung, ihrer Besinnung auf die Kultur der Vorväter. Andererseits schafften es die charismatischen Anführer Dennis Banks und Russell Means mit ihren Auftritten immer wieder, die Medien auf sich aufmerksam zu machen. Das kam gut an bei indianischen Jugendlichen, die keinen Platz fanden in der weißen Gesellschaft. Und während die Schwarzen Amerikas im Kampf um ihre Bürgerrechte 1973 schon viel erreicht hatten, waren die Indianer lange stumm geblieben. Bis Banks, Means und ein paar andere indianischen Stolz beschworen.

Jeder für sich hatten die beiden einen für Indianer des 20. Jahrhunderts geradezu typischen Lebenslauf. Banks, ein 1937 im Leech-Lake-Reservat in Minnesota geborener Indianer vom Stamm der Chippewa, war mit fünf Jahren wie 100 000 andere indianische Kinder in ein Internat gesteckt worden, getreu der Politik der Assimilierung, die die USA zwischen 1890 und 1960 verfolgten. Im Internat wurden die Indianer zwangsweise christianisiert, sie sollten Englisch statt ihrer indianischen Sprache sprechen. Russell Means, ein Oglala Lakota, wurde 1939 als Brave Eagle in der Pine Ridge Reservation geboren. Der Vater trank zu viel, er selbst beschrieb sich später als Schulabbrecher und Herumtreiber, der Probleme mit Alkohol und Drogen hatte, bevor er Aktivist wurde. Banks und Means hatten sich 1972 am Trail of Broken Treaties beteiligt, dem Zug der gebrochenen Verträge. Der war im November mit der Besetzung und Verwüstung des dem US-Innenministerium unterstellten Büros für indianische Angelegenheiten in Washington zu Ende gegangen.

Im Februar 1973 wurde das AIM in Süd Dakota aktiv. Im kleinen Ort Custer, kaum 100 Kilometer von Wounded Knee entfernt, war ein junger Indianer von einem Weißen erstochen worden. Der mutmaßliche Täter wurde des Totschlags angeklagt und gegen Zahlung einer Kaution von 5000 Dollar auf freien Fuß gesetzt. Für die AIM bewies der Fall einmal mehr, dass die weiße Rechtsprechung zweierlei Maß kannte. Indianer wären kaum mit Totschlag und einer geringen Kaution davongekommen. Bei der gerichtlichen Anhörung stürmten indianische Aktivisten das Gericht, dabei brannte die dem Gebäude benachbarte Handelskammer nieder. Und das ausgerechnet in Custer.

Der Ort trug seinen Namen zu Ehren von Colonel George Armstrong Custer, einem Haudrauf in Uniform, der 1876 zum 100. Geburtstag der USA das Indianerproblem auf seine Weise lösen wollte. Doch sein Centennial-Feldzug endete desaströs. Custer attackierte mit seiner Truppe am Little Bighorn die vereinigten Sioux, er selbst und alle seine Männer kamen dabei um. Der Name Custer und Little Bighorn bekamen damit für die Amerikaner des 19. Jahrhunderts einen symbolischen Klang, wie Pearl Harbour im 20. oder Nine-Eleven im 21. Jahrhundert. Die Sioux jedoch, mit ihren Adlerfedern, ihrer Jägerkultur und den spitzen Zelten, galten fortan als Inbegriff des Indianers schlechthin.

Ein Ruhm, der ihnen nichts nutzte, sie wurden unnachsichtig verfolgt. Bis 1890 der letzte ihrer Trupps, der nicht im Reservat bleiben wollte, von amerikanischen Soldaten bei Wounded Knee gestellt wurde, ungefähr 300 Meter von jenem Platz entfernt, an dem Agnes Gildersleeve 80 Jahre später aus dem Fenster guckte. Die Indianer, etwa 300 Männer, Frauen und Kinder, sollten ihre Waffen abgeben. Dabei löste sich ein Schuss, und im anschließenden Trommelfeuer aus vier Schnellfeuerkanonen starben nach offiziellen Zahlen 146 Indianer und 25 Soldaten – weshalb das Ereignis in der amerikanischen Geschichtsschreibung als letztes Gefecht in den Indianerkriegen betrachtet wird. Die Indianer zählten ein paar Opfer mehr und werteten Wounded Knee als letzten Akt in einem Völkermord. Jedenfalls waren von den geschätzten drei bis vier Millionen Indianern, die zur Zeit der Entdeckung in Nordamerika gelebt haben sollen, nur noch ungefähr 250 000 übrig.

Auch der Name Wounded Knee bekam fortan symbolische Bedeutung. Johnny Cash schrieb 1972 ein Lied darüber. Und die AIM hatte bereits bewiesen, dass sie ein Gespür für historische Orte hatte. Und während die Aktivisten in Custer für Aufruhr sorgten, hatten die Oglala Lakota im Pine Ridge Reservat ihre eigenen Probleme. Es war das zweitgrößte Reservat der USA, aber 50 Prozent der 15 000 Einwohner waren dauerhaft arbeitslos, im Winter waren es sogar 70 Prozent. Das Durchschnittseinkommen war landesweit das niedrigste, die durchschnittliche Lebenserwartung lag unter 50 Jahren, 53 Prozent der Bewohner waren jünger als 18. Vollblutindianer waren in der Minderheit, sie stellten nicht ganz die Hälfte der Einwohner. Und nicht wenige beklagten sich darüber, dass Dick Wilson, der Chef der Reservatsverwaltung, nur die Interessen derer vertrat, die sich von der indianischen Lebensweise abgewandt hatten. Wilson, ein kräftiger gelernter Klempner, der gern mit schwarzer Sonnenbrille auftrat, verfügte über beträchtliche Macht. Er hatte eine bewaffnete Truppe um sich geschart und bestimmte über Jobs und Lebensmittelschecks. Doch mit einem Abwahlverfahren gegen ihn waren die Traditionalisten unter den Indianern gescheitert. Nun wandten sie sich an die AIM.

200 Indianer besetzten darauf Wounded Knee. Und als das FBI anrückte, übergab Russell Means ihre Forderungen: Die Vorwürfe gegen Wilson müssten untersucht werden, und von Washington wurde verlangt, dass die mit den Indianern geschlossenen und gebrochenen Verträge Gegenstand eines Untersuchungsausschusses sein sollten. Ein traditionelles Zelt wurde aufgebaut, in dem man verhandeln wollte.

Nach acht ergebnislosen Tagen und diversen nächtlichen Schießereien, bei denen niemand verletzt wurde, verkündeten die Behörden, sie hätten genug. Wenn die Indianer nicht binnen zwei Tagen verschwänden, würde man den Ort stürmen. Doch aus indianischer Sicht war Wounded Knee für eine derartige Konfrontation günstig gewählt. Denn vor den Augen der Weltpresse, die inzwischen ihre Vertreter nach Süd Dakota geschickt hatte, ließ sich mit Gewalt nicht viel machen. Vor allem nicht, wenn man Gefahr lief, dass die Sache ausgerechnet auf diesem belasteten Boden in einem Indianer-Massaker enden könnte. Außerdem hatte die US-Regierung gerade genug anderes zu tun. Präsident Nixons Berater Henry Kissinger bemühte sich, den Vietnamkrieg irgendwie zu Ende zu bringen. Nixon selbst sah sich zunehmend in die Watergate-Affäre verstrickt. Und so musste man erleben, wie langhaarige Indianer, von denen viele inzwischen Kriegsbemalung angelegt hatten, in den Abendnachrichten auf Ponys posierten, die Winchester in der erhobenen Faust. In Umfragen geriet das FBI prompt in die Defensive. Die Mehrheit der Amerikaner war der Meinung, den Indianern sei übel mitgespielt worden, und sie hätten recht.

Nach zehn Tagen versuchten die Belagerer eine neue Taktik. FBI und US Marshals zogen ab, hofften, es würde den Indianern irgendwann zu blöd und den Journalisten auch. Doch stattdessen strömten Indianer und auch ein paar weiße Bürgerrechtler aus dem ganzen Land nach Wounded Knee. Das AIM erklärte den Ort für unabhängig. Der 70-jährige Häuptling Fools Crow machte sich gar auf den Weg nach New York, um bei den UN vorzusprechen. Empfangen wurde er freilich nicht.

Ende März ließen die Behörden Strom und Wasser abstellen, die Medien wurden ausgesperrt. Wounded Knee sollte in den Nachrichten nicht mehr stattfinden. Dann kamen die Oscar-Verleihung und der Auftritt von Sacheen Littlefeather. Die Indianerin vom Stamm der Apachen verkündete vor laufender Kamera, Marlon Brando würde den Oscar für seine Rolle in „Der Pate“ nicht annehmen. Er sei stattdessen auf dem Weg nach Süd Dakota, um sich dem Kampf der Indianer anzuschließen. Er kam dort nie an, aber das Medienecho war ungeheuer.

Anfang April, am 38. Tag der Besetzung, sah es endlich so aus, als ob man sich einigen könne. Sogar die Friedenspfeife wurde geraucht. Eine dreiköpfige Delegation mit Russell Means an der Spitze ging nach Washington, um die Sache dort zu vertreten. Doch weil die Indianer in Wounded Knee sich weigerten, ihre Waffen abzugeben, wurde Means verhaftet. Und in Wounded Knee flogen die Kugeln. Ein FBI-Agent wurde so schwer verletzt, dass er querschnittsgelähmt blieb. Die Auseinandersetzung nahm an Schärfe zu. Ein Indianer wurde in den Kopf geschossen, ein weiterer, Buddy Lamont, bekam eine Kugel ins Herz. Lamont kam aus dem Pine Ridge Reservat, seine Großmutter hatte als kleines Mädchen das Massaker von 1890 überlebt. Sein Tod war ein Signal: Gegen den Willen der AIM entschieden die Häuptlinge der Oglala Lakota, die Besetzung nach 71 Tagen aufzugeben.

Im Nachhinein wurde ihre Aktion von vielen Indianern als Erfolg gewertet. Sie hätten ihnen den Stolz wiedergegeben, ein Zeichen gesetzt, sagte Russell Means, und selbst Gegner stimmten ihm zu. Tatsächlich traf das Nachspiel die AIM hart, es soll über 500 Anklagen gegeben haben. Am Ende wurde kaum jemand verurteilt, auch Banks und Means kamen wegen Verfahrensfehlern frei, doch die AIM teilte sich in verschiedene Fraktionen. Selbst über Morde in den eigenen Reihen wurde spekuliert, andere hielten das für Verschwörungstheorien und Folge einer Desinformationskampagne seitens des FBI.

Noch schlimmer erging es den Oglala im Pine Ridge Reservat. Reservatschef Dick Wilson führte seine Geschäfte weiter, kündigte vor laufender Kamera sogar Vergeltung an. Tatsächlich erwarb sich Pine Ridge in den folgenden drei Jahren bis 1976 mit über 60 Opfern den Ruf, der Ort mit der höchsten Mordrate in den USA zu sein. Unter den Toten waren zwei FBI-Agenten, die meisten aber waren Gegner von Wilson. Den Lakota wurde 1980 vom obersten amerikanischen Gericht eine Entschädigung in Höhe von 106 Millionen Dollar für ihr verlorenes Land zugesprochen, das nach dem Vertrag von Fort Laramie im Jahre 1868 eigentlich für alle Zeiten ihnen gehören sollte. Die Lakota lehnten das Geld ab und erklärten ihr Land für unverkäuflich, wollten es stattdessen wiederhaben. Pine Ridge zählt heute immer noch zu den ärmsten Gebieten der USA, mit der niedrigsten Lebenserwartung.

Russell Means zog sich von der AIM zurück und hatte einigen Erfolg als Schauspieler. An der Seite von Daniel Day Lewis war er 1992 als „Der letzte Mohikaner“ im gleichnamigen Film zu sehen. Es folgten weitere Rollen, darunter in Oliver Stones „Natural Born Killers“. 2007 machte er noch einmal als Indianeraktivist von sich reden. Er stützte sich auf den Rat der traditionellen Familien und rief die unabhängige Republik Lakota aus, die Teile von Süd und Nord Dakota, Nebraska, Wyoming und Montana für sich beansprucht. Doch der durch das Büro für indianische Angelegenheiten autorisierte Stammesrat sprach Means die Legitimation für solch einen Schritt ab. Means starb im vergangenen Jahr an Speiseröhrenkrebs.

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