Zeitung Heute : Geschichte aus dem Untergrund

Dieter Lenzen

Was ist eine U-Bahn? Ein Transportmittel. Mehr als ein Bus, zweifellos, etwas Metropole. Schnell, Menschen verschwinden im Untergrund und tauchen wieder auf aus der Finsternis, irgendwo in der großen Stadt, im Südwesten zum Beispiel, auf dem Campus der Freien Universität. Wenn sie dorthin wollen, müssen sie wissen, wie die Straße heißt, unter der sie aussteigen müssen. Eine Station, mitten auf dem Campus, heißt Thielplatz. Wenn man ausgestiegen ist, oben zu ebener Erde, gibt es aber gar keinen Thielplatz. Nur ein paar Straßen: Brümmerstraße, Faradayweg, Löhleinstraße.

Die U-Bahnstation trägt den Namen eines Platzes, den es nicht gibt. Es lag deshalb nahe, auch beflügelt durch das Ergebnis des Exzellenzwettbewerbs, BVG und Senatsverwaltung für Stadtentwicklung um eine Umbenennung der U-Bahnstation zu bitten. Verhalten positive Reaktion beim Vorstand der BVG: „Kann man machen, aber bitte erst mit dem nächsten Fahrplan, wegen der Kosten. Aber zuständig ist gar nicht die BVG, sondern der Senat von Berlin, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.“ Noch einmal, die BVG bestimmt nicht, wie die Station heißt, an der sie hält. Also, Senatsverwaltung fragen. Ablehnung auf allen Ebenen, bis zur Senatorin. Grund: Es gibt nirgendwo Verkehrsstationen, die nach Universitäten benannt werden. Neues Schreiben an die Senatorin: Wir liefern 30 Beispiele! von Verkehrsstationen in Deutschland, die nach einer Universität benannt sind. Vergeblich.

Neues Gegenargument: Drei U-Bahnstationen befinden sich im Bereich des Campus der Freien Universität. Wenn nur eine so heißt, sind die U-Bahnfahrenden verwirrt. Wenn keine so heißt, offenbar nicht, auch dann nicht, wenn der Platz gar nicht existiert, nach dem die Station benannt ist, die so gerne „Freie Universität Berlin“ heißen möchte.

Neue Runde: Der Wissenschaftssenator schreibt einen gewichtigen Brief an die Stadtentwicklungssenatorin mit der freundlichen Bitte, doch zu prüfen, ob man nicht umbenennen könne. Erneute Antwort: Njet.

Unterstützung aus dem Bezirksparlament Steglitz-Zehlendorf: Einstimmiger Beschluss über alle Parteien hinweg: Die U-Bahnstation soll „Freie Universität“ heißen. Reaktion aus dem Senat: Es bleibt beim Nein.

Was kann man da machen? Alle Signale auf grün stellen und die Züge nicht halten lassen. Denn die Freie Universität gibt es offenbar nicht im Bewusstsein der Verantwortlichen. Dann braucht auch niemand auszusteigen. Oder: Freundliche Studentinnen und Studenten tragen auf den Bahnsteigen Schilder mit der Aufschrift „Freie Universität Berlin“. Man könnte auch die vorhandenen Schilder übermalen oder überkleben oder einfach demontieren. Alles nicht so recht legal.

Wie pfiffig ist dagegen der Vorschlag eines Bezirksverordneten: Der Platz um die U-Bahnstation herum bekommt einen Namen: „Platz der Freien Universität“. Basta. Nach menschlichem Ermessen müsste dann auch die U-Bahnstation so heißen.

Der Autor ist Präsident der Freien Universität Berlin

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