Zeitung Heute : Geschichte des Frauenstudiums: Zarte Veranlagung, unschickliches Streben

Elke Lehnert Hannah L

Die Friedrich-Wilhelms-Universität als Vorgängerinder Humboldt-Universität ist für die Geschichte des Frauenstudiums besonders aufschlussreich. Sie war durch fünf unterschiedliche Gesellschaftssysteme eine Einrichtung von Weltruf und zugleich eine der letzten Bastionen einer rein männlichen Wissenschaft. Und es ist kein Zufall, dass ihr Name mit denen international bekannter Wissenschaftler verbunden ist, wie Albert Einstein, Max Planck, Otto Hahn. Was, fragten Frauenforscherinnen mit Recht, ist mit Lise Meitner? Die Frauen dieser Universität wurden bisher kaum gewürdigt.

1908 war Preußen das vorletzte Land im Deutschen Reich, das Frauen zum Hochschulstudium zuließ. Die Akten im Universitätsarchiv spiegeln den jahrzehntelangen Kampf der Frauen um das Recht auf Bildung wieder - in seitenlangen Petitionen, wissenschaftlichen Gutachten zur "Studierfähigkeit der Frau an sich", Ausnahmeanträgen und Genehmigungen seitens liberaler Professoren. Dank der neuen Datenbank ADA können Internet-Nutzer jetzt Einblick in die Akten nehmen: Neben Gesuchen von Hedwig Dohm werden sie dort auch ihre Einordnung durch den Polizeipräsidenten als "verfassungskritisch" finden. Und neben Karriereschritten wie Promotion und Habilitation ist in ADA auch die Waldeyersche These von "der fehlenden Oberflächenvergrößerung der grauen Hirnsubstanz bei Frauen" dokumentiert. Die Forscherinnen förderten auch einige zu Unrecht vergessene "Projekte" zutage. Die Idee einer Frauenuniversität beispielsweise - erst im letzten Jahr in Hannover umgesetzt - wurde bereits 1902 entwickelt. Die Erfinder waren Berliner Theologieprofessoren, die allerdings lediglich das weibliche Bildungsstreben kasernieren wollten - in einem Gebäude "vor den Toren der Stadt".

Als Motor für die Emanzipation der Frau in akademischen Berufen erwiesen sich die Kriegszeiten. Während die Männer an der Front kämpften, durften Wissenschaftlerinnen erstmals Laboratorien leiten und Vorlesungen halten.

Das Projekt ADA, das aus datenschutzrechtlichen Gründen mit dem Jahr 1968 endet, brachte zahlreiche interessante Fakten zur DDR-Frauengeschichte ans Licht, die jetzt in weiterführenden wissenschaftlichen Projekten überprüft werden können. Neben offiziellen Frauenförderungsplänen tauchen in den Akten sowohl Erklärungen zur bereits "gelösten Frauenfrage" als auch Eingaben zu fehlenden Krippenplätzen auf, die Frauen ihr Studium unterbrechen ließen.

Gleichermaßen beeindruckend ist die Langlebigkeit einiger Argumente gegen Frauen in der Wissenschaft - und die Zähigkeit einiger Frauen, dagegen anzugehen. Dass Frauen, die wissenschaftlich arbeiten wollen, von ihrer natürlichen Veranlagung und den wesentlichen Aufgaben innerhalb der Familie abgelenkt würden, formulierte bereits der Gründungsvater der Universität, Wilhelm von Humboldt, um 1805. 100 Jahre später erschien es dem Medizinprofessor Johannes Orth mit der zarten Veranlagung der Frauen unvereinbar, sie Pathologie studieren zu lassen - abgesehen von den Konsequenzen für die Schicklichkeit, wenn junge Frauen an nackten männlichen Leichen arbeiteten. Mehr als 76 000 Datensätze und eine Wanderausstellung zur Geschichte des Frauenstudiums sind das Ergebnis der vierjährigen Forschungen. Eine Dokumentensammlung und ein Katalogband zur Ausstellung sind in Vorbereitung.

Finanziell noch nicht abgesichert ist die datentechnische Aufarbeitung der umfangreichen Bildersammlung des Archivs. Es ist zu hoffen, dass es rechtzeitig vor dem Universitätsjubiläum im Jahr 2010 gelingt, die wissenschaftliche Arbeit von Frauen ihrem gleichberechtigten Platz gemäß zu dokumentieren.

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