Geschichte : Die Quadratur des Tisches

Rund war er nicht, aber er bot allen ein Kopfende: SED, Blockparteien, Bürgerrechtler und Kirchen nahmen vor 20 Jahren Platz am Runden Tisch. Wie die Demokratie das Sitzen lernte.

Kerstin Decker

Zuerst fällt ihm der Hausmeister ein, der aufgeweckte Hausmeister. „Nachts um halb eins habe ich an seine Tür geklopft und gefragt, ob er eine Schreibmaschine hat“, sagt der Kaplan Seiner Heiligkeit – den Titel hat Karl-Heinz Ducke von Johannes Paul II. Niemand war zur Geburtsstunde der Demokratie in der DDR mit einer Schreibmaschine erschienen, nicht einmal die Journalisten. Die soeben beschlossene Geschäftsordnung des Runden Tisches musste aber festgehalten werden, und er, Monsignore Ducke, war hier der Moderator. Noch zwölf Stunden zuvor, als er den Betsaal der Herrnhuter Brüdergemeinde zum ersten Mal betreten hatte, konnte er das nicht wissen.

Heute ist das Bonhoeffer-Haus in der Ziegelstraße ein Drei-Sterne-Hotel. Zuerst liegt in Monsignore Duckes Blick etwas vom Fremden im eigenen Reich, aber dann tritt er über die wohlvertraute Schwelle, und eine gewisse Ungläubigkeit steht im Gesicht des Glaubensmannes. Der Saal ist noch da, er heißt jetzt Tagungs- statt Betraum, aber fast alles ist, wie es war: das Licht der alten Kronleuchter wie damals einen Schein zu feierlich, der runde Tisch noch immer provokant viereckig. Dennoch, man bräuchte bloß Platz zu nehmen und alles könnte wieder beginnen. Nur eines stimmt nicht: „Der Stern fehlt!“, sagt der Mann in Schwarz. Der Stern der Herrnhuter ist fort, den alle als Adventsstern sahen.

Ducke schaut in die nun leere Mitte des Raumes: „Wir haben immer gesagt: Rund war der Tisch nie, aber er stand unter einem guten Stern.“

Am 7. Dezember 1989 fand im evangelischen Gemeindehaus hinter dem Friedrichstadtpalast in Berlin der erste Zentrale Runde Tisch der DDR statt. Er wollte, ohne selbst Macht zu beanspruchen, doch die Modrow-Regierung nicht mit der Macht alleinlassen. Denn noch war nichts entschieden. Die Konterrevolution schläft nicht, hätten Marx und Lenin gesagt. Nur dass die zu fürchtenden Konterrevolutionäre nun die Marxisten und Leninisten selber waren.

Bis zu den ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 trat der Runde Tisch 16 Mal zusammen und brachte über 100 Gesetzesentwürfe auf den Weg. Gleich nach diesem ersten gründeten sich im ganzen Land tausende Runde Tische, manche waren dem unterm Herrnhuter Stern sogar zuvorgekommen. Den Zentralen Runden Tisch sah das Volk seit Januar 1990 auch live im Fernsehen. Das etwas andere Frühstücksfernsehen für den aufgeweckten Staatsbürger. Tua res agitur! Deine Sache steht auf dem Spiel.

Advent, die große Zeit der Erwartung. Nie war das so spürbar wie damals, als alle plötzlich wie die Kinder waren. Jeden Tag öffneten sie ein neues Kalenderfenster, und immer war etwas darin. Bald sah auch Helmut Kohl ein Fenster aufgehen, ein Vereinigungs-Zeitfenster.

Fenster, Tisch und Stühle. Es ist oft gesagt worden, dass sich die Demokratie der Runden Tische nicht mit dem Vokabular des repräsentativen Parlamentarismus beschreiben lässt. Versuchen wir es also mit der Sprache der Inneneinrichtung.

Zuerst der Tisch, seine spezifische Geometrie. Die kommt wohl von König Artus, der mit seinen Rittern in der Tafelrunde saß, gewissermaßen als erster Gleicher unter Gleichen, im 6. Jahrhundert. „Der Tisch musste neutral sein und in einem neutralen Raum stehen“, erklärt Ducke die Bedingungen, die seit Artus’ Tagen hinzugekommen sind. Der Monsignore setzt sich auf den Stuhl des PDS-Mitglieds und vormaligen Dresdener Oberbürgermeisters Wolfgang Berghofer, überlegt einen Augenblick, ob er wieder aufstehen soll und ergänzt dann: „Sie und Ihre Tasche belegen übrigens die Sitze der Blockparteien.“

Der Vorschlag des Runden Tisches kam von den Bürgerrechtsgruppen. Die hatten ihn nicht direkt von König Artus übernommen, sondern von seinen Nachfolgern in Polen und Ungarn. Vertreter der alten Macht und der neuen Noch-nicht-Macht sollten sich in jeweils gleicher Zahl versammeln. PDS und Blockparteien waren die Vertreter des Gestern. Blieb die Schwierigkeit, einen Nachfolger des Artus zu finden, einen Tischherrn, der das Tischgebet am noch ganz und gar ungedeckten Tisch spricht. Ohne Eigeninteresse. „Und da kamen die Oppositionsgruppen auf die Kirchen“, erklärt Ducke. Bischof Forck von der Evangelischen Kirche beschloss: Wenn wir das machen, dann machen wir es demokratisch, also ökumenisch. Schon darum traten die Moderatoren von Anfang an als Trinität auf: Duckes Kollegen waren Oberkirchenrat Martin Ziegler und Pastor Martin Lange. Ducke selbst wurde zwei Tage vor Beginn eigens von der Katholischen Bischofskonferenz in dieses allerseltsamste, höchst kurzlebig gedachte Amt gewählt. „Verstehen Sie“, erklärt Ducke, „wir sollten die Teilnehmer einladen und sie begrüßen, mehr nicht.“

Ducke ahnte nicht, welche Popularität er erlangen sollte – und dass „die drei Moderatoren“ am Ende so etwas sein würden wie „die drei Tenöre“. Allein Duckes Titel, dieses Monsignore, war eine vertrauensbildende Maßnahme. Denn das Bewusstsein, dass Revolutionszeiten eigentlich Schreckenszeiten, zumindest Krisenzeiten sind, griff um sich. Und wenn das Volk die drei Gottesmänner lächeln sah, dachte es: Solange die noch lachen können, brauchen wir keine Angst zu haben.

Wahrscheinlich hatte Papst Johannes Paul II. dem Flüchtlingskind aus dem Sudetenland den Titel ein Jahr zuvor verliehen, weil Ducke sei Dank in der DDR immer noch katholische Theologen ausgebildet wurden. Er hatte das einzige katholische Priesterseminar der DDR geleitet, fern aller Universitäten im Land. Anders als beim Papst aber hätte in Duckes Leben alles auch anders kommen können. „Wäre unser Zug bis nach Fulda gefahren, wären wir wohl in Fulda geblieben“, erinnert er sich an die Flucht seiner Familie aus dem Sudetenland. Aber der Zug fuhr nicht nach Fulda, er kam nur bis Apolda. Also blieben sie dort.

Auffällig katholisch ist in Duckes Familie nie jemand gewesen. Doch seine besten und klügsten Freunde in Apolda waren katholisch oder evangelisch. Ducke ging nicht in die FDJ. Überraschenderweise wurde er trotzdem zur Erweiterten Oberschule zugelassen. Anfangs war dort auch kaum die Hälfte der Schüler in der FDJ, bis ein neuer Direktor erschien und ein ehrgeiziges Ziel verkündete: „Zu Ehren des 10. Jahrestags der DDR treten alle geschlossen in die FDJ ein!“ Das machten sie dann, bis auf Ducke und seinen besten Freund. Ein Schultransparent meldete zum 10. Republikgeburtstag: „Wir haben unseren Plan zu 99,8 Prozent erfüllt!“ Die fehlenden 0,2 Prozent, das waren Ducke und sein Freund. Zur Strafe relegierte der Direktor beide von der Schule. Nun waren es wieder 100 Prozent. So funktionierte sozialistische Ökonomie.

Ducke erfuhr damals schon, was so viele im Herbst ’89 mit Erstaunen lernten. Von welchen Zufällen oft abhängt, was aus einem wird. Aus einem Einzelnen, aus einem Tisch, aus einem Land. „Jemand hat eine Idee, und eine Weiche wird gestellt“, sagt Ulrike Poppe, die damals am Runden Tisch „Demokratie Jetzt!“ vertrat. „Und hätte der Richtige nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtige Idee gehabt ...“ Ulrike Poppe sieht im Arbeitszimmer ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg einen alten Film. „Jonas, willst du dir das nicht mal ansehen?“ Jonas ist Ulrike Poppes Sohn und muss gleich weg. Außerdem ist er gewarnt. Allein der erste Teil von dem, was seine Mutter da anschaut, dauert über zehn Stunden, so lange wie der erste Runde Tisch. „Ich muss jetzt los“, sagt Jonas und gibt seiner kleinen Tochter einen Kuss. Die sitzt auf dem Schoß ihrer Großmutter, malt auf das große P des Buches „Vom Runden Tisch zum Parlament“ einen Hasen und sagt, dass sie lieber Bugs Bunny sehen möchte. Elisa wird mit der demokratischen Mehrheit von zwei zu eins überstimmt, kann aber durchsetzen, dass sie während der Szenen vom ersten Runden Tisch ihr Liederbuch vortragen darf. Sie schaut auf die große Menschenunordnung auf dem Bildschirm und erkennt ihre Oma nicht. „Jeder setzt sich auf seinen Stuhl!“ Kinder verstehen das. Erwachsene eher nicht, sieht Elisa.

Auch Monsignore Karl-Heinz Ducke wusste bald: Das hier könnte schwierig werden. Spätestens als er kurz vorm Bonhoeffer-Haus eine junge Frau mit Kind und Plakat in der Hand sah: Theologen verhindern Frauen am Runden Tisch!

Fenster, Tisch und Stühle. Noch dachte die Trinität, sie würde die Gäste begrüßen und dann wieder nach Hause gehen. 35 Stühle waren da, aber sie waren schon belegt, von den Falschen. Bloß was konnte falsch sein am Volk? Und was hieß, es stünde nicht auf der Liste? Auf der Liste der Herrschenden stand es bis eben auch nicht.

Einer der unvergesslichsten Teilnehmer des Runden Tisches, Wolfgang Ullmann, hat einmal erklärt, was einen Tisch rund macht: dass alle relevanten Interessengruppen an ihm sitzen. Nie hielt das Volk sich für relevanter als in diesen Tagen. Monsignore Ducke schaut 20 Jahre später auf die hohen Fensterreihen zu beiden Seiten des Saals, als warte er auf etwas. Vielleicht auf die Stimmen der 4000 Demonstranten draußen, die keinen Platz mehr auf den 35 Stühlen gefunden hatten.

Ducke und seine beiden Mittheologen wussten nun, sie würden hier nicht die Begrüßenden, sondern zuerst die Rausschmeißer sein. Am Ende waren nur noch zwei Widerspenstige übrig. Ein Lüneburger Professor, der hier empirische Studien zur Entwicklung der Demokratie treiben wollte, und der Unabhängige Frauenverband. Ersterer blieb unentdeckt. Letzterer erklärte, er habe sich eben erst gegründet, weshalb er gar nicht eingeladen werden konnte. Schließlich durfte der Frauenverband bleiben.

Frauen ja, Arbeiter nein? Der uneingeladene Abgesandte der Einheitsgewerkschaft forderte, den Standpunkt von neun Millionen Arbeitern vertreten zu dürfen. „Du, ja, gerade du!“, flüstert Ulrike Poppe gegen den Bildschirm, mit der gleichen Empörung wie damals. Als ob der FDGB je die Arbeiter vertreten hätte! Beim nächsten Runden Tisch würden die Bauern des Landes vor den Fenstern demonstrieren. Arbeiter ja, Bauern nein?

Der erste Runde Tisch beschloss die Ausarbeitung eines neuen Verfassungsentwurfs, die kontrollierte Auflösung der Staatssicherheit, die Erarbeitung eines Wahlgesetzes, Wahltag: 6. Mai. Man betonte die „Eigenständigkeit“ der DDR, was sich weniger gegen die Wiedervereinigung richtete als gegen das drohende Chaos, Unschärfen durchaus beabsichtigt. Und dass die DDR ihre eigene Last noch lange würde tragen müssen, glaubte zu diesem Zeitpunkt selbst Helmut Kohl. Sein 10-Punkte-Plan sprach im Dezember von realistischen 10 Jahren bis zur Wiedervereinigung.

Als die Großparteien West schließlich den Wahlkampf Ost übernahmen und aus der Konsensorientierung des Runden Tisches Dissensorientierung, also Wahlkampf wurde, schwand das Interesse von Publikum und Beteiligten. Die Vertreter der Blockparteien erwachten zu neuem Selbstbewusstsein. Im Falle einer Blockpartei ist das vor allem ein Anlehnungsbewusstsein. Sie galten nun nicht mehr als das, was sie waren: Mächte von gestern. Kohl machte sie mit seiner „Allianz für Deutschland“ zur Macht von morgen.

„Den neuen Verfassungsentwurf haben wir nicht einmal mehr besprochen, sondern gleich an die Volkskammer weitergegeben“, sagt Ducke. „Das war ein großer Fehler.“

Ulrike Poppe sucht bei Youtube für Elisa „Die Geschichte vom Maulwurf“. „Viele wollen uns zu Verlierern machen, weil wir am Ende nicht viel mehr hatten als uns selbst und vielleicht ein Telefon“, sagt sie. Aber das sei nicht wahr. Tausende Runde Tische im Land hätten bewiesen, dass das fast Unmögliche möglich ist: dass das Volk nicht nur friedlich eine Revolution machen, sondern sie sogar friedlich verteidigen kann.

Der aufgeweckte Hausmeister fand am Morgen des 8. Dezember 1989 doch noch eine Schreibmaschine. Die ersten Sätze der Geschäftsordnung, Punkt 1 Selbstverständnis, lauteten: „Die Teilnehmer des Runden Tisches treffen sich aus tiefer Sorge um unser in eine tiefe Krise geratenes Land, seine Eigenständigkeit und seine dauerhafte Entwicklung.“

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