Zeitung Heute : "Geschichte eines Deutschen": Im Rausch des Widerlichen

Richard Herzinger

Sebastian Haffner hat seine Jugenderinnerungen schon Anfang 1939 im englischen Exil aufgeschrieben, sie aber nie veröffentlicht. Schwer begreiflich, denn sie sind nicht nur ein bestechendes Dokument analytischer Originalität, sondern auch ein hinreißendes Stück Erzählliteratur - eine Preziose deutscher Prosakunst. Der Text wurde im Nachlass des 1999 gestorbenen großen Historikers gefunden. Doch trotz der immensen Verspätung hätte er kaum zu einem passenderen Zeitpunkt veröffentlicht werden können. Sind wir doch mit dem Erstarken eines Rechtsextremismus konfrontiert, angesichts dessen sich unsere Gesellschaft - ungeachtet aller offiziellen Wachsamkeitsrhetorik - ziemlich rat- und hilflos zeigt. Haffners Bericht aber, der aus der radikal subjektiven Perspektive den Weg der Deutschen in die Katastrophe der nationalsozialistischen Machtergreifung schildert, schärft die Sinne nicht nur für die Historie, sondern auch für die Gefahren, die der heutigen demokratischen Zivilisation drohen.

Das liegt nicht etwa daran, dass es zwischen den politischen und sozialen Verhältnissen der Weimarer Republik und der Gegenwart allzu große Ähnlichkeiten gäbe - es gibt sie kaum. Doch gerade deshalb muss die Aktualität Haffners erschrecken. Für ihn ist der Absturz der deutschen Gesellschaft in den Nationalsozialismus nicht das Ergebnis "objektiver" politisch-ökonomischer Determinanten, sondern einer kollektivpsychologischen und mentalitätsgeschichtlichen Disposition.

Die Deutschen, meint Haffner, verfielen dem Nazi-Wahnsinn, weil sie sich nach der Herrschaft des Wahnsinns gesehnt hatten. Genauer: weil die Generation, die ihre prägenden Erfahrungen in der propagandistischen Scheinwelt des Ersten Weltkriegs, im Chaos von Revolution, Konterrevolution und der Entwertung aller vertrauten Werte im Inflationsjahr 1923 machte, die Wirklichkeit mit einem blutigen Karneval, mit einem wüsten Abenteuerspiel verwechselte. Und weil sie den Rauschzustand brutalisierter Irrealität verewigen wollte. Diesen Wunsch schienen ihr die Nazis erfüllen zu können.

Den tieferen Grund für diese Bereitschaft, sich den Kräften der Gesetzlosigkeit und der Zerstörung in die Arme zu werfen, sieht Haffner in der Unfähigkeit der Deutschen, sich im privaten, zivilen Leben heimisch und erfüllt zu fühlen - eine verblüffende Umkehrung der These vom deutschen Innerlichkeitskult als der Wurzel politischen Versagens. Haffner sieht gerade in der Fähigkeit zur lustvollen Kultivierung und Verteidigung des Privaten als der Bastion individueller Würde und Freiheit den Quell der Zivilisationsleistungen demokratischer Nationen.

Spätestens hier muss einem beim Lesen der Schreck in die Glieder fahren. Die Verhältnisse haben sich seitdem zwar grundlegend geändert. In Deutschland gibt es heute eine gefestigte rechtsstaatliche Demokratie, und die Geschichte hat damit zumindest eine Diagnose Haffners von 1939 widerlegt: Die Deutschen seien grundsätzlich zur demokratischen Lebensform ungeeignet. Dennoch, einen Grundzug kann man auch bei den heutigen Deutschen noch erkennen: ihre bohrende Unzufriedenheit mit der Normalität, ihr kulturpessimistischer Hang zur klagenden und anklagenden Katastrophenstimmung, ihr selbstquälerisches Unbehagen am guten Leben, das ausländischen Beobachtern immer wieder als seltsam surreal und frivol aufstößt. Könnte es sein, dass sich in dieser schwelenden Zivilisationsverdrossenheit noch immer - oder einmal mehr - eine geheime Selbstzerstörungs- und Untergangssehnsucht, gar ein untergründiger Vernichtungswunsch verbirgt?

Sicher, die akute Bedrohung für den Bestand der Demokratie, der heute von rechtsradikalen Schlägerbanden und Terroristen ausgeht, ist minimal im Vergleich zur Zeit der Hitler-Bewegung. Doch auch damals wurde die Gefahr geradezu zwanghaft unterschätzt, bis Passivität und Selbstbetrug umschlugen und den geheimen Wunsch freigaben, sich von der Barbarei überwältigen zu lassen. Auch für dieses Phänomen findet Haffner eine beunruhigende Erklärung: "Die meisten der Leute, die (Hitler) 1930 im Sportpalast zuzujubeln begannen, hätten es wahrscheinlich vermieden, sich von diesem Mann auf der Straße Feuer geben zu lassen. Aber hier zeigte sich bereits das Seltsame: die Faszination des ganzen Widerlichen, Pfuhlhaften, triefend Eklen - wenn es auf die Spitze getrieben wird."

Haffner schreibt: "Ich, das war Anfang 1933 ein junger Mann von 25 Jahren, gut ernährt, gut angezogen, gut erzogen, freundlich, korrekt, schon ein wenig abgeschliffen und geglättet, jenseits der eigentlichen schlenkrigen Studentenjugendlichkeit, aber im Ernst noch unausprobiert - ein Durchschnittsprodukt der deutschen bürgerlichen Bildungsschicht im ganzen und im übrigen ein ziemlich unbeschriebenes Blatt." Dieser junge Mann betrachtet das Versagen der zivilen Sicherungssysteme gegenüber dem höhnischen Anspruch nackter Gewaltherrschaft mit den Augen eines unpolitischen Bürgersohns, der fassungslos eine ganze Welt in Schutt und Asche fallen sieht. Eine bürgerliche Welt, die allen politischen Irrsinn um sich herum wie durch eine Milchglasscheibe des Urvertrauens wahrnimmt, demzufolge menschliche Grundwerte wie Anstand und Mitgefühl von äußerlichen Erschütterungen nie berührt werden können. Als der Triumph der Nazis ihren Glauben jäh zerstört, findet sich diese bürgerliche Welt wehrlos wieder.

Von Anfang an erkennt Haffner im Nazismus die radikale Negation all dessen, was das menschliche Leben menschlich macht. Haffner betrachtet die Entwicklung im Grunde unpolitisch und nachgerade egoistisch. Aber gerade deshalb, gerade weil er, der weder rassisch noch ideologisch Verfolgte, nicht ausreichend philosophisch geschult ist, um seine existenzielle Abscheu vor der totalitären Gleichschaltung dialektisch relativieren zu können, bleibt er in seiner primären Abwehrhaltung unbestechlich. Und illusionslos genug, zu begreifen, wie einsam eine solche Haltung macht.

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