Geschichte : Glorreiche Bastarde

Sie waren Deutsche. Juden. Geflohen vor Hitler, nach England. In britischen Uniformen kehrten sie zurück und kämpften gegen die Nazis. Es ging ihnen nicht um Vergeltung, sagen sie. „Es ging um die Gänsehaut“

Jens Mühling Jan Zappner[London]
Perry
Geoffrey Perry gehört zu den rund 10.000 deutschen Flüchtlingen, die im Zweiten Weltkrieg in der britischen Armee dienten. -Foto: Jan Zappner

Mai 1944. Der Hafen von Portsmouth, Südengland. Die HMS Bellona, ein Panzerkreuzer der britischen Navy, 150 Meter lang, 6000 Tonnen schwer, bereitet sich auf die Landung in der Normandie vor. Bill Howard ist 25 Jahre alt, als er das Schiff betritt, sein Marschbefehl ist wenige Tage alt. Er hat gerade sein Zeug unter Deck verstaut, als er zum Captain zitiert wird.

„Cheffunker William Howard, Seeaufklärung, meldet sich zum Dienst, Sir!“

Captain Norris, ein Respekt einflößender Mann, sieht Howard prüfend an.

„Was sind Ihre Aufgaben?“, fragt er.

„Feindlichen Funkverkehr in Gefechtszonen abfangen, Sir!“

„Sie sprechen also fließend Deutsch?“

„Aye aye, Sir!“

„Wo haben Sie die Sprache gelernt?“

„In der Schule, Sir!“

„Was für eine Schule war das?“

„Die Hindenburg-Oberrealschule, Sir!“

„Wo befindet die sich?“

„In Deutschland, Sir!“

„Aber Sie sind Brite?“

„Nein, Sir!“

Howard sieht die Skepsis in Norris’ Augen. Der Captain schüttelt den Kopf. „Ich hoffe, die Admiralität weiß, was sie tut“, sagt er. „Erzählen Sie das nur nicht den Jungs unter Deck. Wegtreten!“

Bill Howard lacht, es ist ein erprobtes Lachen, er hat die Geschichte hundert Mal erzählt, wenn nicht tausend Mal. Nie hat sie ihre Wirkung verfehlt, auch heute nicht: Willy Field lacht, Harry Rossney lacht, Geoffrey Perry lacht, obwohl jeder von ihnen die Geschichte auswendig kennt. Es ist ein sonniger Vormittag, in Willy Fields Wohnzimmer im Londoner Nordwesten wandern Fotos von Hand zu Hand, vergilbte Vergangenheit, Erinnerungen in Sepia. Junge Männer in Uniformen. Glatte Gesichter, wache Augen, die einmal ihre waren, sie können es selbst kaum noch glauben. Bilder vom Krieg, Zerstörer vor der normannischen Küste, Panzerkolonnen in Frankreich. Schließlich Berlin, die Siegesparade Unter den Linden, Endpunkt einer langen, seltsamen Reise, die vier Männern den Namen geraubt hat.

Willy Field hieß einmal Wilhelm Hirschfeld. Harry Rossney war Helmuth Rosettenstein. Geoffrey Perry nannten sie früher Horst Pinschewer. Und William Ashley Howard wurde geboren als Horst Adolf Herzberg.

Sie waren Deutsche. Juden. Geflohen vor Hitler, nach England. In britischer Uniform kämpften sie gegen die Nazis, sie waren vier unter Tausenden. Ihr müsst eure alten Namen vergessen, hieß es, als man ihnen die Armeebücher gab. Wenn sie euch gefangen nehmen und herausfinden, wer ihr seid, bringen sie euch um.

Willy Field ist bei einem der alten Bilder hängen geblieben, es zeigt das Geschäft seines Vaters, das „Modehaus Kronprinz“ in Bonn. Vor der Eingangstür steht die Mutter, umringt von Angestellten, dazwischen Willy in kurzen Hosen, acht Jahre ist er alt. Heute, mit 89, ist er der Einzige, der sich in diesem Bild wiedererkennen kann. Alle anderen sind tot, ermordet.

Willy selbst wurde am 10. November 1938 verhaftet, es war der Morgen nach der Pogromnacht, man brachte ihn ins Konzentrationslager Dachau. Drei Monate lang lebte er in Todesangst, bevor es seinem nach England geflohenen Arbeitgeber gelang, den britischen Behörden Einreisepapiere abzuringen, mit denen Willys Freilassung erzwungen wurde. Er war 18, als er auf der Reise nach London ein letztes Mal seine Familie sah. Seine Eltern, sein Bruder, ein Onkel, eine Tante starben wenig später in einem Vernichtungslager in Weißrussland.

Tausende von Flüchtlingen gelangten auf ähnlichen Wegen wie Willy nach England. Für sie alle war der 1. September 1939 ein schwarzer Tag: Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden deutschstämmige Einwanderer in Großbritannien als Enemy Aliens klassifiziert – als feindliche Ausländer. Premierminister Winston Churchill ließ sie als potenzielle Nazi-Kollaborateure internieren: Rund 30 000 Flüchtlinge wurden in Lager eingewiesen, umzäunt von Stacheldraht, umringt von bewaffneten Posten. Willy wurde in ein australisches Lager verschifft, aus dem er erst ein Jahr später wieder freikam, als Churchill den Internierungsbefehl aufhob – es schien, als habe die britische Regierung plötzlich erkannt, dass die Enemy Aliens im Kampf gegen die Nazis keine Gefahr, sondern hoch motivierte Verbündete waren. Man ermöglichte ihnen nun den Eintritt in die Armee, wenn auch zunächst nur ins Pioneer Corps, eine unbewaffnete Arbeitseinheit. Rund 10 000 Flüchtlinge meldeten sich freiwillig. „Wir waren überglücklich, endlich wie Menschen behandelt zu werden“, erinnert sich Willy.

Die deutschstämmigen Freiwilligen wurden im südwestenglischen Ort Ilfracombe stationiert, darunter viele ältere Juden, die im Ersten Weltkrieg noch auf deutscher Seite gekämpft hatten. Ihrer militärischen Erfahrung wegen machte man sie zu Vorgesetzten, obwohl ihr Englisch miserabel war – Willy erinnert sich noch gut an die Kommandos, die er täglich zu hören bekam: „Wisch auf the floor! Take the broom and kehr!“

Auch dies ist eine der hundertfach, tausendfach erzählten Geschichten, über die die Männer in Willy Fields Wohnzimmer immer noch lachen können. Alle vier waren sie in Ilfracombe stationiert. Begegnet sind sie sich dort nie. Für die meisten Flüchtlinge war das Lager eine Durchgangsstation, die sie hinter sich ließen, als die Regierung ihnen 1942 den Eintritt in bewaffnete Einheiten ermöglichte. „Wir wollten kämpfen“, sagt Willy. „Es war unsere Pflicht.“

Kennengelernt haben sich Willy, Harry, Geoffrey und Bill erst vor einigen Jahren, als die britische Historikerin Helen Fry ein Buch über deutsche Freiwillige in der britischen Armee schrieb: The King’s Most Loyal Enemy Aliens. Viele der Männer und Frauen, die Fry bei ihren Recherchen zusammenführte, treffen sich seitdem regelmäßig. Oft sitzen sie dann zusammen und diskutieren Fragen, die sie auch Jahrzehnte nach dem Krieg nicht loslassen. Es sind Fragen, wie sie auch „Inglourious Basterds“ aufwirft, der Film von Quentin Tarantino, der heute ins Kino kommt. Er erzählt Lebensgeschichten, die den ihren vage ähneln. Geschichten von Juden, die nicht getötet wurden, sondern töteten.

„Ich habe so viele gute Erinnerungen an Deutschland“, sagt Harry. Einen Moment lang wechselt er ins Deutsche: „Das Vaterland, you know?“

Bill: „Harry! Vergiss nicht, wie die Deutschen auf die Nazis reagiert haben. Sie sind durchgedreht.“

Willy: „Sie haben sich alle das Gehirn waschen lassen!“

Als Wilhelm Hirschfeld zu Willy Field geworden war, diente er als Panzerfahrer im Royal Armoured Corps. Seine Staffel landete am 9. Juni 1944 an der französischen Küste, unter heftigem Beschuss rückten sie durch die Normandie vor. Sie kämpften sich durch besetzte Dörfer, nahmen Haus für Haus ein, Willy lenkte, der Schütze feuerte.

Willy: „Ich saß in einem Panzer, Harry! Ich konnte nicht mal sehen, ob wir Schweine oder Menschen abknallen. Man kann über solche Fragen im Krieg nicht nachdenken.“

Harry: „Aber ich musste darüber nachdenken! Ich bin Halbjude, drei meiner Cousins waren in der Wehrmacht. Deshalb bin ich nie einer Kampfeinheit beigetreten. Ich hatte Angst, gegen meine Verwandten kämpfen zu müssen.“

Willy: „Meinst du, das hätte mich geschert? Wir hatten doch keine Wahl! Man konnte nicht die Hälfte der Deutschen bekämpfen. War ich traurig, als ich das zerbombte Berlin sah? Nein, kein Bedauern!“

Harry: „In der ersten Nacht in der Normandie musste ich deutsche Gefangene bewachen. Es war die Rede von einem geplanten Ausbruch, und ich hoffte fast, dass es so kommen würde, weil ich plötzlich einen schrecklichen Hass spürte. In dieser einen Nacht hätte ich geschossen. Ich bin froh, dass es nicht dazu kam.“

Als Helmuth Rosettenstein zu Harry Rossney geworden war, blieb er im Pioneer Corps. Er verbrachte den gesamten Krieg in der Arbeitseinheit. Als gelernten Schildermaler ließ man ihn in Frankreich die Kreuze gefallener Alliierter bemalen – es waren Tausende. Eines Tages entdeckte Harry zufällig an einer französischen Landstraße das Grab eines deutschen Soldaten. Er zuckte zusammen, als er den Namen des Toten las: Es war einer seiner Schulfreunde.

Harry: „Ich habe nie gekämpft. Ich kannte zu viele gute Deutsche, die ich nicht töten wollte. Die Deutschen und die Nazis, das waren verschiedene Menschen für mich.“

Willy: „Das kannst du nicht sagen! Sie waren alle Nazis!“

Harry: „Sie waren dumm und naiv. Aber nicht alle waren Nazis.“

Als Horst Adolf Herzberg zu William Ashley Howard geworden war, diente er in der Navy. An Bord der HMS Bellona erlebte er die Landung in der Normandie. Monatelang lauerte er vor dem Funkgerät auf feindliche Übertragungen. Manchmal kam es vor, dass Nazi-Funker im Äther die Positionen ihrer Schiffe ausplauderten, dann schlug Bills Stunde: Er gab die Daten an die Gefechtsstationen durch, und Minuten später konnte er die deutschen Funker im Äther schreien hören.

Bill: „Wir mussten kämpfen, Harry! Die Nazis hatten den Juden ein Ultimatum gestellt, es ging um unser Überleben. Hitler hat selbst gefragt: Wollt ihr den totalen Krieg?“

Willy: „Den haben sie bekommen!“

Geoffrey: „Und wenn dein Leben einen Punkt erreicht wie diesen Krieg, dann hat der Feind kein Gesicht mehr.“

Als Horst Pinschewer zu Geoffrey Perry geworden war, diente er in der Eliteeinheit „T Force“, die im Mai 1945 das Hamburger Radiohaus einnahm. Geoffrey verlas dort die erste Rundfunkbotschaft der Alliierten – am selben Mikrofon, an dem Tage zuvor der britische Nazi-Überläufer William Joyce seine letzte Propagandabotschaft verlesen hatte. Ein paar Tage später streifte Geoffrey durch ein Waldstück in der Nähe von Hamburg. Zufällig kam er mit einem Spaziergänger ins Gespräch, dessen Stimme ihm merkwürdig bekannt vorkam. Er fragte: „Ihr Name ist nicht zufällig William Joyce?“ Der Mann wurde kreideweiß, er ließ die rechte Hand in die Hosentasche gleiten. Geoffrey zog schneller, zielte auf die Hand des Mannes, drückte ab. Sein Gegenüber brach wimmernd zusammen, die Kugel hatte ihm beide Gesäßbacken durchschlagen. Als deutscher Flüchtling in britischer Uniform hatte Geoffrey den berüchtigtsten Überläufer des Königreichs gestellt. Ein knappes Jahr später wurde Joyce wegen Hochverrats gehängt.

Geoffrey: „Ich war 13, als ich Deutschland verließ. Zehn Jahre später betrat ich zum ersten Mal wieder deutschen Boden, in britischer Uniform. Es war ein sehr emotionaler Moment, aber Zorn spielte da keine Rolle. Es war eher ... (Geoffrey wechselt ins Deutsche) ... Gänsehaut.“

Willy: „Rache, Vergeltung, das waren nicht meine Motive. Ich wollte etwas zurückgeben. Dem Land, das mein Leben gerettet hatte.“

Geoffrey: „Warum wir so handelten, wie wir handelten, damals, als wir 20 waren – das war nie eine Frage des Hasses. It was a question of Gänsehaut.“

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