Geschichte : Herbst in Kairo

Er war die Hoffnung des Westens, Landsleute hassten ihn: Anwar as Sadat. 1981 wird Ägyptens Präsident ermordet. Es ist der Beginn von Mubaraks Herrschaft

Kristian Brakel
Ein Bild vom Angriff auf die Tribüne, auf der auch Sadat saß.
Ein Bild vom Angriff auf die Tribüne, auf der auch Sadat saß.Foto: AFP

Die erste Granate zündet nicht. Schlägt Meter vor der Tribüne auf dem Boden auf, rollt weiter, bleibt auf dem Asphalt liegen. Die Ehrengäste zucken zusammen. Gehört die Handgranate zum Paradenprogramm?

Der Mann, der sie geworfen hat, heißt Khalid Islambuli und wird später aussagen, er habe an diesem Tag kein Verbrechen begehen, sondern einen Verbrecher zur Strecke bringen wollen. Khalid Islambuli trägt Uniform, das Abzeichen der 333. Artillerie-Brigade. Er ist auf der Ladefläche eines Trucks vor die Tribüne gefahren, in der langen Kolonne der Lastwagen und Reiter, der Blasorchester und marschierenden Soldaten.

Anwar as Sadat harrt zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Stunden unter dem Tribünendach aus. Links der Verteidigungsminister, rechts sein Vize. Zwischendurch hat Sadat Pfeife geraucht, gescherzt, hat zum Himmel geschaut, wo französische Mirage-Kampfjets Figuren fliegen. Alle paar Minuten erhebt er sich von seinem Stuhl, um den Gruß salutierender Soldaten zu erwidern. Er reckt auch die Hand, um Khalid Islambuli zu grüßen. Den Mann, der ihn gleich ermorden wird.

Wenn Ägypter heute, fast 30 Jahre später, an die Parade im Osten Kairos denken, dann steht dieser 6. Oktober 1981 für die meisten nicht nur für die Ermordung ihres Präsidenten Anwar as Sadat. Sondern auch für den Beginn einer weiteren, ungleich längeren Despotenherrschaft, die erst im Februar 2011 auf dem Tahrir- Platz ihr Ende findet. Denn Sadats junger Vize übersteht das Attentat fast unbeschadet, verletzt sich nur an der linken Hand. Sein Name ist Husni Mubarak.

Die Ehrentribüne steht in Sichtweite einer 30 Meter hohen Pyramide. Sadat hat das Denkmal selbst in Auftrag gegeben, zur Ehrung aller Soldaten, die acht Jahre zuvor, im Oktober 1973, im Jom-Kippur- Krieg ums Leben kamen. Mit einem Überraschungsangriff überquerte Ägyptens Armee damals den Suezkanal, nahm die von Israel besetzte Halbinsel Sinai ein. Syrien eroberte gleichzeitig die Golanhöhen. Tage später konnte Israel seine Gegner zurückdrängen, nach zwei Wochen vereinbarten die Kriegsparteien Waffenstillstand – dennoch gilt der Angriff als der erste, der nicht mit einem Triumph Israels endete und der den hochgerüsteten Staat militärisch in Bedrängnis brachte. Sadat verliert in diesem Krieg seinen jüngeren Bruder. Er selbst wird als Stratege und Mann der Tat bejubelt.

An den Feldzug, der Israel seinen Nimbus der Unbesiegbarkeit nahm, erinnert auch die jährliche Parade. Gleichzeitig lässt sich der Präsident selbst feiern: Eine Rakete schießt Tausende Sadat-Porträts in den Himmel, die an kleinen Fallschirmen langsam zu Boden sinken.

Die erste Kugel, die Sadat an diesem frühen Nachmittag trifft, feuert ein Komplize Khalid Islambulis von der Ladefläche des Trucks ab. Islambuli rennt geduckt Richtung Tribüne, bleibt kurz davor stehen. In seinen Händen hält er ein Sturmgewehr, die rechte am Abzug, die linke stützt den Lauf. Dann feuert er das Magazin leer. Die Ärzte, die später im Militärkrankenhaus Sadats Tod feststellen, zählen 37 Einschusslöcher im Körper. Die meisten am Torso, eines am Nacken. Eine weitere Kugel zerfetzt Sadats Hauptschlagader. Außer dem Präsidenten sterben sieben weitere Ehrengäste, darunter amerikanische Militärbeobachter, der kubanische Botschafter und Sadats Hausfotograf. Auf der Tribüne bricht Panik aus. Die Sicherheitskräfte erwidern das Feuer erst, als den Attentätern bereits die Munition ausgegangen ist. Ein Angreifer wird erschossen, drei verletzt. Am Himmel drehen die Kampfjets noch minutenlang Pirouetten. Die Piloten haben nicht mitbekommen, was sich unten ereignet.

Am nächsten Tag wird der Verteidigungsminister erklären, bei den vier Terroristen – alle unter 30, alle studiert – handele es sich definitiv um Einzeltäter, sie gehörten keiner politischen oder religiösen Gruppierung an. Das muss er bald revidieren: Die Gefassten sind Mitglieder des „Tanzim al Jihad al masry“. Der Organisation des ägyptischen islamischen Jihads. Sie wollen nicht nur Sadats Tod, sondern den Sturz der gesamten Regierung – die islamische Revolution. Dutzende weitere Männer werden in den folgenden Tagen verhaftet, gefoltert, zu ihnen gehört der Kairoer Chirurg Ayman al Zawahiri. 20 Jahre später wird al Zawahiri einer der meistgesuchten Terroristen der Welt sein. Man nennt ihn die rechte Hand von Osama bin Laden.

Der Westen ist über das Attentat entsetzt. Den USA gilt Sadat als enger Verbündeter und Friedensbringer. Im November 1977, vier Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg, ist Ägyptens Präsident nach Jerusalem gereist, sprach als erster arabischer Führer vor der Knesset und handelte schließlich in Camp David, unter Vermittlung von US-Präsident Jimmy Carter, ein Friedensabkommen aus. Kurz darauf wird ihm der Nobelpreis verliehen. Sadat selbst sieht sich als „Willy Brandt der arabischen Welt“, das hat er schon Jahre zuvor in einem Interview mit dem Magazin „Newsweek“ erklärt.

In der arabischen Welt ist er dagegen isoliert. Das Abkommen von Camp David wird als Separatfrieden gegeißelt, der den Interessen der Palästinenser schade. Ägypten verliert sein Mandat in der Arabischen Liga. Entsprechend wird das Attentat gefeiert: PLO-Chef Jassir Arafat gratuliert den Schützen, auf Fernsehbildern sieht man ihn singen und tanzen. Syriens Staatszeitung verkündet, von Sadats Tod profitiere die gesamte Region. In Libyen und im Libanon jubeln Massen. Zu seiner Beerdigung schicken nur Sudan, Somalia und Oman Gesandte, die übrigen arabischen Staaten bleiben fern. Dafür reisen mit Jimmy Carter, Gerald Ford und Richard Nixon gleich drei ehemalige US-Präsidenten an, der aktuelle, Ronald Reagan, sagt wegen Sicherheitsbedenken ab.

Auch in der eigenen Bevölkerung hat Sadat in den Jahren vor seinem Tod stark an Popularität eingebüßt. Das liegt aber, anders als heute oft im Westen behauptet, nicht allein am Friedensschluss.

Anwar as Sadat kommt im Oktober 1970 an die Macht. Sein Vorgänger ist Gamal Abdel Nasser, Sozialist und Verfechter der panarabischen Idee: der Vereinigung aller Araber vom Atlantik bis zum Persischen Golf in einem Nationalstaat. Sadat teilt diese Vision nicht, er beendet auch die engen Beziehungen zur Sowjetunion, lässt moskautreue Gefährten Nassers verhaften, weist mehrere Tausend sowjetische Militärberater aus.

Stattdessen wendet sich Sadat der Marktwirtschaft zu. Er erlässt die „Infitah“, die „Reformen der offenen Tür“, die ausländisches Kapital anlocken sollen. Er dereguliert den öffentlichen Sektor, errichtet landesweit Sonderwirtschaftszonen, in denen Arbeitsnormen außer Kraft gesetzt sind. Dank der Milliardenhilfen der USA kann die Wirtschaft schnell wachsen, zeitweise um bis zu neun Prozent. Doch die meisten Projekte, die westliche Konzerne in Joint Ventures anschieben, haben nicht lange Bestand. Gleichzeitig nimmt die Korruption stark zu, von ihr profitieren vor allem Staatsangestellte und das Militär.

Jedes Jahr verlassen 40 000 Absolventen die Universitäten des Landes. Der Arbeitsmarkt kann nur einen kleinen Teil von ihnen aufnehmen. Jeder vierte Ägypter ist ohne Beschäftigung. Das Land gerät zunehmend in Abhängigkeit vom Erdölexport. Zudem explodiert die Inflation, in manchen Jahren misst sie 30 Prozent. Viele Familien mit kleineren und mittleren Einkommen rutschen in die Armut ab. Die ökonomischen Strukturen, die Anwar as Sadat in den 70er Jahren anlegt, sind dieselben, deren Auswirkungen 30 Jahre später im arabischen Frühling Zehntausende junge Ägypter auf die Straßen Kairos treiben werden.

In der Bevölkerung gilt Sadat bald als Kopf einer neuen, korrupten Elite. Das verkörpern auch die Maßanzüge, in denen sich der Mann zeigt, der zu Beginn seiner Karriere stets Volksnähe betonte. Er ist eines von 13 Kindern, aufgewachsen in einem Dorf am Nildelta, bescheiden und gläubig.

In den Jahren seiner Amtszeit verachtfachen sich die Auslandsschulden Ägyptens. Auf Druck des Internationalen Währungsfonds muss das Regime Anfang 1977 Subventionen für Grundnahrungsmittel kürzen – die Brotpreise steigen. Bei den folgenden Unruhen sterben 80 Menschen. In dem Maß, wie der Widerstand gegen seine Regierung wächst, nimmt auch die Repression zu: Sadat beschneidet die Pressefreiheit, lässt foltern. Einen Monat vor der Parade befiehlt er die Verhaftung von 1500 mutmaßlichen Islamisten, dazu zahlreichen Journalisten. Er sagt, es gebe eine Liste mit 7000 weiteren Personen. Auch die wolle er inhaftieren, falls die Proteste nicht aufhörten.

Der Westen mischt sich nicht ein, zu wichtig ist ihm Sadats Rolle als Friedenspartner Israels und Garant regionaler Stabilität, ein Prinzip, das bis heute in der westlichen Nahostpolitik fortdauert. Im Frühjahr 1981 darf Ägyptens Präsident als erster arabischer Staatschef im Parlament der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sprechen. Er fordert Israelis und Palästinenser auf, sich zügig anzuerkennen.

Die Frage, die den Westen am Tag des Attentats am drängendsten interessiert, lautet: Wird sein Nachfolger den Separatfrieden mit Israel fortführen? Noch am Abend lädt Husni Mubarak zu einer Pressekonferenz. Seine Hand ist bandagiert. Er sagt, er werde nicht von Sadats Linie abrücken, auch internationale Vereinbarungen achten. Das ist der „New York Times“ eine Titelschlagzeile auf Seite eins wert: „Der Vizepräsident bekräftigt alle Verträge.“

Gleichzeitig kündigt Mubarak die Wiedereinführung von Notstandsgesetzen an, die Sadat erst ein Jahr zuvor außer Kraft gesetzt hatte. Sie verbieten Demonstrationen, erlauben das Inhaftieren von Verdächtigen ohne Anklage. Der Ausnahmezustand soll helfen, Ägypten vor Saboteuren zu beschützen, sagt er. An diesem Abend erklärt Husni Mubarak, dass die Notstandsgesetze nur ein Jahr lang gelten sollen. Er wird sie bis zu seinem Sturz nicht mehr aufheben.

Der Prozess gegen die Attentäter beginnt im November 1981 vor dem höchsten Militärgericht. 24 Angeklagte werden in vier Gruppen aufgeteilt, sitzen in Stahlkäfigen vor dem Richter. Einige schwenken Ausgaben des Korans, andere spreizen ihre Finger zum Victory-Zeichen. Khalid Islambuli, der Hauptangeklagte, hat sich im Gefängnis einen Bart wachsen lassen. Er nennt Sadat einen „Hund“ und „Tyrannen“ und sagt, er habe getötet, um alle „Herrscher zu warnen, die nach ihm kommen“. Andere Angeklagte behaupten, sie wollten vor allem eine Diktatur beenden, den Ägyptern Freiheit bringen. Ab dem dritten Verhandlungstag ist die Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen. Aus Gründen der nationalen Sicherheit, heißt es.

Am Ende werden fünf Angeklagte zum Tode verurteilt, 17 zu Gefängnisstrafen, darunter auch Ayman al Zawahiri, der spätere Al-Qaida-Drahtzieher. Ihm kann keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden, wegen Waffenbesitzes muss er drei Jahre in Haft. Khalid Islambuli wird auf ein Militärgelände in der Wüste gebracht und zur Mittagsstunde erschossen. In militanten Kreisen gilt er bald als Märtyrer. 20 Jahre später wird Al Qaida eine Brigade nach ihm benennen, ebenso die tschetschenischen Rebellen. Auch in Ägypten ist der Terrorist nicht vergessen. Eine junge Hackergruppe operiert unter seinem Namen. Sie brüstet sich damit, allein 2011 mehr als Tausend israelische Webseiten lahmgelegt zu haben.

Die jährliche Militärparade im Osten Kairos findet immer noch statt, jeweils am 6. Oktober. Wenn die Soldaten diesmal die Strecke entlang marschieren, werden sie vor dem Pyramidendenkmal Blumen ablegen. Sadat ist hier beigesetzt worden. Einen schwarzen Marmorblock ziert ein Spruch, den sich der Präsident bereits vor seinem Tod ausgesucht hatte: „Held des Krieges und des Friedens. Er lebte für die Sache des Friedens, er starb für seine Grundsätze und Werte.“

Ob Sadats zehnjährige Amtszeit Fluch oder Segen war, darüber wird bis heute gestritten. Sadats Familie versucht, sein Ansehen zu wahren, verklagt Ägypter, die in der Öffentlichkeit schlecht über den Präsidenten reden. Ein Regisseur wollte einen Hund in seinem Film „Sadat“ nennen, der Richter verbot es. Die jungen Revolutionäre haben wenig Sympathien für Anwar as Sadat. Immerhin hat noch niemand versucht, die U-Bahn-Station umzubenennen, an der sich in Kairo die Metrolinien 1 und 2 kreuzen und die Sadats Namen trägt. Sie liegt direkt unter dem Tahrir-Platz.

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