Geschichte : Nacht für Nacht My Lai

Am 16. März 1968 richteten US-Soldaten in einem vietnamesischen Dorf ein Blutbad an. Lawrence Colburn stellte sich seinen Kameraden entgegen. Erstmals erzählt er seine Geschichte einer deutschen Zeitung.

Andreas Austilat

Der Rotor lief noch. Flap, flap, flap machten die Blätter, während sie sich im Kreis drehten. Vielleicht hielt das die anderen Soldaten zurück, „wenn so ein Hubschrauber am Boden steht, hält man automatisch ein bisschen Abstand“. Während Lawrence Colburn das sagt, senkt er den Kopf, als ob wieder ein Helikopter hinter ihm ist, wie damals in Vietnam, und er den Luftdruck im Nacken spürt. Vielleicht blieben die anderen aber auch wegen Hugh Thompson weg, dem Piloten. Denn Thompson brüllte. Weil er außer sich war. Aber er musste auch brüllen, um den Hubschrauber zu übertönen. Und so konnten ihn alle hören, als er Lawrence und Glenn, seinen zwei Bordschützen, zurief, „schießt sie ab, wenn sie näher kommen, blast sie weg“.

Wegblasen? Colburn war verstört, die anderen – sieben, vielleicht acht Soldaten – trugen die gleiche Uniform wie er, grün, mit dem Aufnäher US-Army. Einem winkte er sogar zu. Aber er hatte die M 60 aus ihrer Halterung genommen, das Maschinengewehr war mit einem elastischen Band am Kanzeldach befestigt, und nun stand er vor dem Helikopter, die Waffe schwer im Arm. Sie war geladen, das konnte jeder sehen, der Patronengurt hing 30, 40 Zentimeter lang seitlich aus dem Verschluss. Neben ihm Glenn Andreotta, der zweite Schütze, auch er hielt sein Maschinengewehr in der Hand.

War er entschlossen zu schießen? „Auf die eigenen Kameraden“, Lawrence Colburn presst die Lippen zusammen, und so klingt es ein wenig gequetscht, als er weiterspricht, „würdest du auf deine Leute schießen?“ Nach einem kurzen Moment guckt er hoch und fügt hinzu, „das ist die 64 000-Dollar-Frage“.

Wer weiß das schon? Wer weiß schon, wie er selbst handeln würde, wenn er gesehen hätte, was Lawrence Colburn gerade gesehen hatte? Mord, begangen von den eigenen Leuten, die doch die Guten waren. Mord an Frauen und Kindern. „Auch Babys?“, wurde später der Soldat Paul Meadlo im amerikanischen Fernsehen gefragt. Meadlo war dabei gewesen, hatte mitgeschossen, „ja, auch Babys“, antwortete er. Babys, die noch an der Mutterbrust hingen, Gesichter, zerfetzt vom Einschlag der Geschosse, Körperteile, abgerissen und zerschmettert von Salven aus Schnellfeuergewehren, 40, 50, vielleicht 100 Leichen. Wer weiß schon von sich, was er tun würde, wenn er einen Offizier dabei beobachten müsste, wie der eine Frau am Boden erst mit dem Fuß anstößt und ihr dann, wenn sie schützend die Hand hebt, in den Kopf schießt. Würde er die Augen schließen und es geschehen lassen? Oder würde er die Waffe auf seinen Offizier richten, sich den Kameraden in den Weg stellen – notfalls auch allein?

18 Jahre alt war Lawrence Colburn, als er in einem kleinen Dorf in Vietnam diese Frage für sich beantworten musste. „Pinkville“ hieß der Ort bei den Amerikanern nach der Farbe auf den Stabskarten – oder My Lai Nummer 4, weil eigentlich keiner so genau wusste, welcher von insgesamt vier Orten wirklich My Lai war, und weil für sie sowieso alle gleich aussahen: Bambushütten zwischen Bäumen und drumherum die Reisfelder. Mit dem Namen konnte damals niemand etwas anfangen. Das änderte sich erst, als bekannt wurde, was hier am 16. März 1968 geschehen war. 105 amerikanische Soldaten rückten an diesem Tag in My Lai ein, um eine Schlacht zu schlagen. Nach vier Stunden sollte es nur drei Helden geben: Hugh Thompson, Glenn Andreotta und Lawrence Colburn. Alle drei wurden drei Wochen später ausgezeichnet, für Tapferkeit vor dem Feind. Dieser Feind, der für sie wie ein Geist war, der selbst entschied, ob er aus der Deckung trat, er hatte sich gar nicht blicken lassen. Die über 500 Vietnamesen, die an diesem Tag gestorben waren, sie waren allesamt unbewaffnete Zivilisten. Vier Stunden hatte das Morden gedauert, bis Hugh Thompson und seine beiden Bordschützen auftauchten.

Erst nach anderthalb Jahren wurde My Lai in der Öffentlichkeit bekannt. Die Army tat viel dafür, es geheim zu halten. Doch dann wurde der Name zum Synonym für ein Massaker, von dem sich bis dahin niemand vorstellen konnte, dass amerikanische Soldaten zu so etwas fähig wären. Viele von ihnen leisteten dort ihre Wehrpflicht ab, die Wehrpflicht wurde in den USA erst nach Vietnam abgeschafft. Jungs, die eben noch aufs College gegangen waren, Baseball gespielt und ihre Freundin im Autokino geküsst hatten. „Ich habe ihnen einen guten Jungen gegeben“, sagte die Mutter des Soldaten Meadlo, „sie haben einen Mörder aus ihm gemacht.“ My Lai war ein Schock in den USA. Bis dahin hatten die vietnamesischen Opfer in den Medien dort kaum eine Rolle gespielt. „Wir haben das Entscheidende verpasst“, schrieb nun Neil Sheehan von der „New York Times“, und sein Kollege vom „New Yorker“ befand: „Wenn wir uns daran gewöhnen, dergleichen hinzunehmen, gibt es nichts mehr, was wir nicht hinnehmen.“ Wie sollte man nach My Lai noch glauben können, es gehe in diesem fernen Land um irgendetwas moralisch Sinnvolles? In diesem Krieg, der schon viel zu lange dauerte.

40 Jahre später in Atlanta, US-Bundesstaat Georgia: Colburn kramt ein Foto aus der Schublade, ein altes Polaroid, das zwischen einem Haufen anderer Papiere gelegen hat. Es ist geknickt, viel scheint ihm an diesem Bild nicht zu liegen. Darauf ist ein junger Mann zu sehen, schlaksig lehnt er sich an einen Hubschrauber. Er trägt das dunkelblonde Haar ziemlich lang für einen Soldaten. Heute ist Colburn 58. Schlank ist er immer noch.Die Haare sind grau geworden, das glatte, fast noch kindliche Gesicht von damals hat die rotbraune Farbe eines Mannes angenommen, der viel draußen war im Leben. Colburn ist der Einzige, der von den dreien noch übrig ist, die sich an jenem Tag vor 40 Jahren den eigenen Leuten in den Weg stellten. Andreotta bekam drei Wochen nach My Lai eine Kugel in den Kopf. Thompson starb vor zwei Jahren an Krebs.

Nie zuvor hat Lawrence Colburn mit einem deutschen Journalisten gesprochen. Er spricht überhaupt nicht gern über Vietnam, eigentlich tut er es nur wegen Hugh Thompson. „Er war der Held, er verdient es, dass man sich an ihn erinnert.“ Warm ist es in dem kleinen Arbeitszimmer unter der Dachschräge seines Hauses. Draußen ragen die Äste der Weißeichen und der Dogwood-Sträucher winterkahl in den blauen Himmel, aber durch das offene Fenster riecht es schon nach Frühling.

Der 16. März 1968 fing auch sehr schön an. Colburn mochte den frühen Morgen in Vietnam, wenn die Luft noch nicht so feucht war. Dunst stieg auf aus den Reisfeldern, die sie in Höhe der Baumwipfel überflogen. Eine größere Abteilung Vietcong wurde in dieser Gegend vermutet, deren Standort sollten sie ausfindig machen. Vietcong oder Charlie Cong, wie sie damals sagten, das war die südvietnamesische Untergrundarmee. Eine Guerilla, die bei Nacht das ganze Land kontrollierte und bei Tag nicht zu sehen war.

Dieser Krieg war für die Amerikaner unübersichtlich: Da gab es den kommunistischen Norden Vietnams, in den sie nicht einmarschieren konnten, weil das China und die Sowjetunion herausgefordert hätte. Es gab den Süden, in dem sich ein korruptes Regime nur halten konnte, weil es durch die amerikanische Militärpräsenz – 1968 standen 500 000 US-Soldaten im Land – als Bollwerk gegen den Kommunismus am Leben erhalten wurde. Und es gab den Vietcong, die Guerillatruppe, die im Süden zu Hause war und massiv aus dem Norden unterstützt wurde.

Was wusste der junge Colburn über dieses Land? „Dass sie Buddhisten sind dort drüben und dass es eine Beleidigung ist, wenn du jemand anderem deine Fußsohlen zeigst.“ Aber sonst? Woher soll ein 17-Jähriger aus Coupeville im Staat Washington etwas über Vietnam wissen? So alt war er, als er im Sommer ’66 mit Steve Hayes in der Konservenfabrik jobbte. Steve besaß einen hellblauen 55er Chevrolet Bel Air mit Haifischschnauze und Heckflossen. Auf einer ihrer gemeinsamen Fahrten hatte Larry, wie sie ihn nannten, das erste Mal erzählt, dass er zur Army gehen würde. Und im Autoradio hatten sie Bob Dylan gehört, den „Mr. Tambourine Man“ und „Like a Rolling Stone“.

Steve heiratete bald, wer verheiratet war, brauchte nicht zum Wehrdienst. Larry hatte sich gerade von seiner Freundin getrennt, sein Vater war seit drei Jahren tot und seine Mutter, „die hatte es nicht eben leicht mit mir“. Also verpflichtete er sich zusammen mit zwei Freunden für drei Jahre. Das schien eine gute Idee zu sein, er würde bei der Army den GED kriegen, den Zugang zur Hochschule, und er würde später studieren können, unterstützt von der Army. Dass es vielleicht doch kein so guter Gedanke war, schwante ihm bereits nach drei Tagen. Da wurden die drei Freunde getrennt. „Sie geben dir eine zu kleine Uniform, sie schneiden dir die Haare ab, du machst nicht dein Ding mit denen, die machen ihr Ding mit dir.“

Worum es in diesem Krieg ging, war in den USA nicht leicht zu vermitteln. Es gab in Vietnam keine Bodenschätze, das abgelegene Land hatte auch keine große strategische Bedeutung. Aber es gab die Theorie, dass Vietnam wie ein Dominostein wäre: Wenn der falle, dann könne das eine globale Kettenreaktion auslösen.

So etwas wie eine Kampfzone hatte Lawrence Colburn erwartet, als er im Dezember 1967 vor dem Strand von Quy Nhon in ein Landungsboot umsteigen musste, voll ausgerüstet. „Das ist ein komisches Gefühl, wenn du in so einem Ding auf den Strand zufährst.“ Colburns Vater war im Zweiten Weltkrieg in der Normandie gelandet, vielleicht ging ihm das durch den Kopf, als sie auf die Küste zuhielten. Am Strand von Quy Nhon lagen GIs in Badehose in der Sonne und lachten über die Neuankömmlinge, die da durch die Brandung wateten.

Es gab nur sehr selten eine erkennbare Front in diesem Krieg. Die Charlie-Kompanie der Task Force Barker, die am 16. März 1968 in My Lai einrückte, hatte in den Wochen zuvor 28 Mann verloren, ohne einen Gegner zu Gesicht zu bekommen. Die Soldaten waren auf Minen getreten, in Bombenfallen geraten, oder Scharfschützen erschossen sie aus dem Hinterhalt. Die Strategie des Vietcong und seiner nordvietnamesischen Verbündeten war einfach: Jedes Feld, jeder Deich, jeder Baum, jeder Strauch muss von den Eindringlingen als tödliche Gefahr begriffen werden. Die Strategie der Amerikaner bestand in der Formel „Search and Destroy“, Suchen und Zerstören. Und ihr Erfolg wurde mit dem sogenannten Body Count gemessen, dem Zählen der toten Vietnamesen. Denn, so die Überlegung des amerikanischen Oberkommandos, wenn die Kämpfer des Gegners schneller getötet würden, als dieser neue rekrutieren könne, müsse der Krieg irgendwann gewonnen werden.

Die Mission an diesem 16. März war für Lawrence Colburn und seine beiden Kameraden einfach. Sie waren als Tontaube unterwegs. Ihr OH 23 war ein ziemlich kleiner Hubschrauber, die Kanzel sah aus, wie eine gläserne Blase, „Bubble“ wurde er auch genannt. Während Colburn dies erzählt, rückt er auf den Rand seines Schreibtischstuhls, „es war eng, wir mussten uns zu dritt zwei Sitze teilen“, weshalb er mit der linken Schulter an Thompson drückte, das rechte Bein stützte er draußen auf der Kufe ab. In einiger Entfernung hinter ihnen flog Warlord 1 und über ihnen Warlord 2, zwei „Kanonenboote“ wie die größeren, schwer bewaffneten Hubschrauber genannt wurden. Die gläserne Kanzel sollte den Lockvogel abgeben, der gegnerisches Feuer provozierte, auf das sich die beiden Warlords mit ihren Bordkanonen, Raketenwerfern und Maschinengewehren einschießen würden.

Colburn weiß noch, wie er das erste Mal Mündungsfeuer gesehen hatte, wie er begriff, da legt einer auf ihn an, wie er schießen wollte, aber das Maschinengewehr klemmte. Automatisch wich er zurück, bis er dem Piloten fast auf dem Schoß saß. Der gab die Koordinaten des Heckenschützen durch, und das Planquadrat wurde dann mit Artillerie belegt. Ein toter Vietcong kostete den amerikanischen Steuerzahler durchschnittlich 185 000 Dollar in diesem Krieg, in dem mehr Munition verfeuert wurde, als an allen Fronten des Zweiten Weltkriegs.

Hat er getötet? „Ja“ – Oft? – „Das ist eine sehr persönliche Frage.“ Colburn geht zur Tür, guckt, wo sein Sohn ist. Der 16-jährige Connor sitzt mit seiner Mutter in der Küche. Er habe beiden nicht alles erzählt, was in Vietnam passiert sei. Ja, auch er habe Striche gemacht, auf einer Kreidetafel – Body Count. Und den meisten seiner Opfer sei er sehr nahe gekommen, „wir sind gelandet, um denen die Waffe abzunehmen“. Die Waffe, das sei das Wichtigste gewesen, „schieß nur auf Bewaffnete“, habe Thompson ihm eingeschärft, „das hilft dir, es vor dir zu rechtfertigen, damit überhaupt fertig zu werden.“

Ja, er habe getötet. „Sie bringen dich dazu, es zu tun, in jedem Krieg, es gibt keinen Krieg ohne Opfer, auch wenn sie manchmal so tun.“ Er habe sogar Leute gesehen, die sexuell erregt waren, während sie schossen. Und der Hass, „Hass ist ein sehr starkes Gefühl.“ Heute würde er sich davor hüten, auch nur dieses Wort zu benutzen. Es gebe Leute, die sagen, sie hassten schlechtes Wetter, „wenn ich ,hassen‘ sage, dann meine ich damit, jemanden töten zu wollen.“ Wie damals, als Glenn starb, „ich sah seinen Helikopter ausgebrannt am Boden liegen“, oder als John fiel, sein Freund, „glaub mir, du willst dann jemanden töten.“

An diesem Morgen sichteten sie nur einen einzigen Bewaffneten, der beim Auftauchen die Flucht ergriff. Als sich ihr Helikopter My Lai näherte, beobachtete Colburn eine größere Gruppe, Frauen, Kinder und Alte, die das Dorf verließen. Auf der anderen Seite hatten Transporthubschrauber die Bodentruppen abgesetzt, die Charlie-Kompanie. Es war ein Samstag, und da viele Dorfbewohner da unten Körbe trugen, nahmen sie an, dass die Gruppe unterwegs zum Markt sei. Erst nach ungefähr einer halben Stunde erreichten sie wieder dieselbe Stelle. Vom Ort war nicht viel zu erkennen. Dichter Rauch stand über dem Dorf. Dann sahen sie die Leichen. Eine Gruppe lag in und um einen Bewässerungsgraben, als hätte man sie erst herangeführt und dann erschossen. Die Körbe lagen auf dem Weg verstreut. Thompson ging bis auf zwei Meter runter. Colburn konnte gar nicht hinsehen, einige der Opfer waren übel zugerichtet. „Es bleibt nicht viel von einem kleinen Kind, wenn es aus nächster Nähe getroffen wird.“ Er flüstert fast und guckt dabei zur Tür.

Thompson hat später erklärt, dass er das Gefühl hatte, „da unten läuft so ein Naziding“. Aussprechen wollte den unfassbaren Verdacht keiner an Bord. Weil sie auch Verwundete ausmachen konnten, markierten sie die Stelle wie in solchen Fällen üblich mit grünem Rauch, ein Zeichen für die Sanitäter am Boden, dass dort jemand Hilfe brauchte. Als sie die Stelle bei ihrem nächsten Anflug erreichten, waren auch diese Menschen tot. 200 Meter weiter lag eine junge Frau halb auf dem Deich am Rand des Reisfeldes. Sie hob eine Hand. Und an Bord des OH 23 beobachteten sie, wie eine Gruppe US-Soldaten sich näherte, ein Mann mit den zwei Captainsstreifen auf dem Helm stieß sie an, trat einen Schritt zurück und schoss. „Son of a bitch“, sagten die drei im Hubschrauber gleichzeitig. Es muss Captain Medina gewesen sein, der Anführer der Charlie- Kompanie. Ein paar Meter weiter hatten sich weitere Soldaten neben den Toten zur Pause niedergelassen.

Thompson landete seinen Hubschrauber, nahm den Gurt ab und stieg aus. Der Leutnant, mit dem er sich dann anlegte, stand in der Militärhierarchie über ihm, Thompson war warrant officer, „aber das war Hugh vollkommen egal.“ Der Mann war Leutnant William C. Calley, zwei Jahre nach dem Massaker musste er sich vor dem Kriegsgericht verantworten. „Was ist hier los, Leutnant“, soll Thompson gefragt haben. „Ich befolge Befehle“, antwortete Calley. „Befehle, wessen Befehle. Das sind menschliche Wesen, unbewaffnete Zivilisten, Sir.“ – „Steig in deinen Hubschrauber und kümmere dich um deinen Kram.“ Der wütende Thompson kam zurück, stieg wieder ein. Als sie abhoben, beobachtete Andreotta, wie ein Sergeant in den Graben feuerte. „Wir wussten jetzt, was hier vor sich ging.“

Aus der Luft bemerkten sie zehn Vietnamesen, die in einem Erdbunker Zuflucht suchten. Soldaten näherten sich ihnen. Wieder landete Thompson. Diesmal wies Thompson seine beiden Schützen an, auf die Amerikaner zu zielen, bevor er zu deren Offizier rüberging. Colburn dachte für einen Moment, es käme gleich zu einer Prügelei mit dem unbekannten Leutnant, aber Thompson ließ ihn stehen, ging unbewaffnet zu dem Erdbunker. „Alle guckten ihm hinterher und dachten, das ist doch Selbstmord, einfach so, auf einen Bunker zuzulaufen.“ Schließlich kam er zurück und forderte Warlord 1, den schwerbewaffneten Begleithubschrauber, über Funk auf zu landen. Das war eigentlich streng verboten, doch der Helikopter kam tatsächlich runter und nahm die zehn Dorfbewohner aus dem Erdbunker an Bord.

Wieder in der Luft, sah Andreotta, dass sich in dem Entwässerungsgraben etwas rührte. Noch einmal landeten sie. Andreotta stieg hinab in den Graben. „Dort lagen an die hundert Tote, immer drei, vier übereinander, Andreotta stand bis zu den Hüften im Blut.“ Er fand einen kleinen Jungen, unverletzt. „Ich hielt ihn für vier, so klein, wie er war, tatsächlich war er acht,“ Colburn musste erst den Jungen rausziehen und dann Andreotta, der keinen Halt fand zwischen all den blutigen Leibern. Sie brachten den Jungen in ein Waisenheim, erst später erfuhren sie, dass er sich allein auf den Weg zurück in sein Dorf machte, wo er dann half, seine Eltern und seine Geschwister zu beerdigen.

Das Hubschrauberkorps der Division hatte seinen Stützpunkt in Chu Lai, rund 90 Kilometer von der Basis der Bodentruppen entfernt, in Vietnam damals schon eine Halbtagesreise. Sie hatten also keinen weiteren Kontakt zur Charlie-Kompanie. Thompson machte bei seinen Vorgesetzten Meldung, alle drei wurden dann befragt, weiter geschah nichts. Bis zu jenem Tag drei Wochen später, als sie einen Bronze Star verliehen bekamen, das heißt, Andreotta erhielt den Orden postum. In der Begründung hieß es, sie hätten Zivilisten aus dem Kreuzfeuer gerettet während eines Gefechts mit dem Feind, bei dem 128 Vietcong gefallen seien.

Heute muss Colburn überlegen, wo er den Orden hingelegt hat. Er findet ihn in einer Truhe in der Ecke des Arbeitszimmers. „Captain Colburn“ steht auf dem Deckel, es ist die alte Militärkiste seines Vaters. Warum hat er die Auszeichnung akzeptiert, warum hat er nicht gesagt, das sei alles gelogen, es hätte in My Lai kein Gefecht gegeben und es seien auch keine Vietcong getötet worden? „Ich war 18,“ sagt Colburn, „sollte ich einem General widersprechen?“ Hugh Thompson machte mehrere Eingaben, sie hielten ihn hin. „Ich will nichts unterstellen, aber sie schickten ihn auf eigenartige Missionen, Flüge ohne bewaffneten Begleitschutz und so.“ Thompson wurde über Vietnam abgeschossen, schwer verletzt verbrachte er längere Zeit im Krankenhaus, bevor er in die USA zurückkehren konnte.

Dort sagte Thompson später vor einem Kongressuntersuchungsausschuss aus, der Untersuchungsführer gab ihm deutlich zu verstehen, dass er derjenige sei, der für My Lai bestraft werden müsse. Thompson war es auch, der anonyme Anrufe bekam, mit dem Tod bedroht wurde, dem man verstümmelte Kaninchen auf die Terrasse legte. Aber My Lai ließ sich nicht verheimlichen. Nach anderthalb Jahren wurde ein Verfahren vor dem Militärgericht eingeleitet. Gegen 49 von 105 beteiligten Soldaten wurde ermittelt. Der Rest hatte sich passiv verhalten. Einer weigerte sich, einem Befehl Calleys Folge zu leisten, ein weiterer schoss sich in den Fuß, wie es hieß, um nicht mehr mitmachen zu müssen. Erstaunlich war die Bereitwilligkeit, mit der Beteiligte grausamste Details preisgaben. Als ob ein Damm gebrochen wäre, sprachen sie über Vergewaltigungen und grausamste Verstümmelungen.

Zivile Gerichte waren für Verbrechen auf Kriegsschauplätzen nicht zuständig. Wer aber inzwischen aus dem Militärdienst ausgeschieden war, der fiel auch nicht mehr unter die Militärgerichtsbarkeit. Andere beriefen sich auf Befehlsnotstand, was in den USA eine Debatte darüber auslöste, ob dies nicht etwas sei, was man Nazitätern in Nürnberg nicht zugebilligt hatte. Anfang März 1971, drei Jahre nach der Tat, wurde allein der inzwischen 27-jährige Leutnant William Calley zu lebenslanger Haft verurteilt. Wieder gab es eine Debatte: Wurde hier jemand zum Sündenbock gemacht? Waren es nicht die Kommandeure, die dieses Massaker zu verantworten hatten? Weil sie es billigend in Kauf genommen hatten mit einer Strategie, die es darauf anlegte, möglichst viele Menschen zu töten? Und waren es nicht höhere Offiziere als Calley, die mit ihrem Gerede von Rache und Vergeltung bei der Besprechung am Vorabend des Einsatzes der Charlie-Kompanie einen Freibrief ausgestellt hatten? Calley saß dreieinhalb Jahre ab, die meiste Zeit in Hausarrest, dann wurde er begnadigt. Heute hat Calley ein Juweliergeschäft in Georgia.

Lawrence Colburn nahm tatsächlich ein Studium auf, englische Literatur und Kulturanthropologie. Drei Jahre, für länger reichte die Unterstützung durch die Armee nicht. Allerdings sagt er von sich, er sei nach Vietnam sowieso nicht mehr für die Universität zu gebrauchen gewesen, auf nichts habe er sich konzentrieren können. Albträume habe er gehabt, immer wieder. Meistens kam darin ein Graben vor, aus dem sich die Toten plötzlich erhoben und mit dem Finger auf ihn zeigten. Und er habe dann gerufen, „ich war es nicht“.

Er habe danach vieles angefangen, in der Fischerei in Alaska gearbeitet und als Maurer, nichts war von Dauer. Schließlich fand er einen Job in einem Skiort in Oregon, dort lernte er seine Frau kennen. Heute vertreibt er orthopädische Geräte für die Reha. Für Veteranen? „Wenn ich nur Veteranen als Kunden hätte, wäre ich schon verhungert.“ Wie sollten die ihn bezahlen?

Zehn Jahre dauerte es, ehe er das Geschehen einigermaßen verkraftet hatte. Andere brauchten dafür sehr viel länger. 1998 etwa, da kam er noch mal in die Zeitungen. Zum 30. Jahrestag hatte die Army ihm und Hugh Thompson die „Soldiers Medal“ verliehen, diesmal in Anerkennung für die Rettung von Zivilisten. Danach rief ihn ein ihm völlig unbekannter Weltkriegsveteran an, gestand ihm, dass er im Häuserkampf versehentlich Frauen und Kinder getötet hätte, die Szene verfolge ihn bis heute. Und drei Jahre später meldete sich Jack bei ihm, ein Kamerad aus Vietnam. „Larry“, habe der gesagt, „was soll ich machen. Ich kann nicht mehr vor die Tür gehen.“ – „Du brauchst eine Therapie“, antwortete ihm Colburn, aber das Amt für die Veteranenbetreuung hat erst einmal abgelehnt. „Die haben bestritten, dass Jack überhaupt in Vietnam war.“ Dieselbe Behörde hat Lawrence Colburn 1972 für tot erklärt, den Fehler dann aber korrigiert.

Warum ist seine Geschichte nie verfilmt worden? „Vielleicht, weil das keiner sehen will?“ Immerhin, Regisseur Oliver Stone arbeitet an „Pinkville“, hat sich auch von Colburn beraten lassen. Bruce Willis sollte mitspielen, der ist aber inzwischen abgesprungen. Colburn selbst hält nicht viel von Kriegsfilmen. „Sie wären erst authentisch, wenn sie auch den Geruch wiedergeben könnten, diesen Gestank von Blut und Verwesung, den Gestank des Todes.“ Dann erst hätte man eine Ahnung davon, was im Krieg passiere. „Niemand zu Hause weiß, was ein Bombenschock ist, was mit deinem Kopf passiert, wenn neben dir eine Granate explodiert. Niemand denkt daran, dass im Krieg aus normalen Menschen Soziopathen gemacht werden, die nicht mehr alltagstauglich sind. Wenn sie das alles wüssten, würden sie sehr, sehr lange überlegen, bevor sie sich irgendwo einmischten.“ Colburn war gegen den Krieg im Irak, „sie wollen das nicht, dass wir ihnen erklären, wie sie zu leben haben, sie werden uns das nie verzeihen“ . Und er ist auch gegen den Krieg in Afghanistan.

In der US-Armee wirkte My Lai lange nach. 1991, im Golfkrieg, beendete ein Divisionskommandeur seine Einsatzbesprechung mit den Worten: „Ich möchte kein My Lai erleben.“ Bis heute ist My Lai Thema während der Ausbildung junger US-Soldaten. Umso größer der Schock, als 2005 US-Marines im irakischen Haditha 24 Irakis töteten, darunter Frauen und Kinder. Amerikanische Medien zogen sofort den Vergleich mit My Lai. Die Verhandlung vor dem Militärgericht ist bis heute nicht abgeschlossen.

Lawrence Colburn wird den 16. März dieses Jahr in My Lai verbringen. Es ist sein vierter Aufenthalt dort und der erste ohne den Freund Hugh Thompson, an den künftig eine Stiftung erinnern soll. Noch allerdings kämpft Colburn um deren Anerkennung. In My Lai haben sich die amerikanischen Quäker für den Bau einer Schule engagiert. Beim letzten Mal hat Colburn auch den Jungen besucht, den sie damals unter den Leichen hervorgezogen und gerettet haben. Inzwischen ist er ein Mann, 48 Jahre alt, aber der Kontakt ist abgerissen, er wird ihn wohl nicht wiedersehen.

Wahrscheinlich wird es ohnehin Colburns letzte Reise nach Vietnam sein. Warum? Inzwischen lebt dort eine neue Generation, die mit dem Krieg nichts mehr zu tun haben will. Und er weiß nicht recht, was er dort noch soll, ob er überhaupt dorthin gehört, in ein Land, in dem er verstehen könnte, wenn sie ihn am liebsten tot sehen würden. Hat er auch Angst, vor dem Graben zu stehen, dass dann alles wieder ist wie in seinen Albträumen? „Die Bilder waren doch nie weg.“ Sie sind längst ein Teil von ihm.

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