Geschichte : Putsch der alten Garde

Sie wollten kein modernes Spanien – und nahmen das Parlament als Geisel. Wie vor dreißig Jahren die Demokratie vor dem Aufstand der Militärs gerettet wurde.

In Uniform und mit gezogener Pistole unterbricht Tejero die Sitzung im Parlament.
In Uniform und mit gezogener Pistole unterbricht Tejero die Sitzung im Parlament.Foto: picture-alliance/ dpa

Am Abend des 23. Februar 1981 fegt ein kalter Wind aus den Bergen durch die Straßen Madrids. Seit 17 Uhr versammeln sich die Abgeordneten im Kongresspalast. Sie wollen einen neuen Ministerpräsidenten wählen. Sein Amtsvorgänger ist vor einem Monat zurückgetreten, die junge Demokratie erlebt ihre erste Krise.

Fast 40 Jahre lang hatten der Diktator Francisco Franco und das Militär Spanien vom Rest Europas isoliert, nachdem sie im Bürgerkrieg gegen die Republik die Oberhand behalten hatten. Krieg und Diktatur lasten wie ein Trauma auf der Nation. Auch sechs Jahre nach Francos Tod und dem Übergang zur parlamentarischen Monarchie ist Spanien tief gespalten.

Die erste demokratische Regierung liberalisiert das Scheidungsrecht, hebt das Verbot der Kommunistischen Partei auf und verärgert damit die konservativen Eliten und das immer noch mächtige Militär. Spanien steckt in einer Wirtschaftskrise und wird von Terroranschlägen erschüttert, allein 1980 ermordet die baskische Eta 124 Menschen. König Juan Carlos I. entzieht der Regierung schließlich sein Vertrauen. Statt den Weg in die Europäische Gemeinschaft und in die Nato fortzuführen, droht das Land im Chaos zu versinken.

Um 18.22 sitzen 350 Abgeordnete, Parlamentsdiener und Journalisten im schummrigen Licht des neoklassizistischen Plenarsaals mit seinem imposanten Deckengemälde und der dunklen Holztäfelung. Von der Rednertribüne aus liest der Parlamentssekretär die Namen der Abstimmenden vor, die aufstehen und mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. Plötzlich sind von den Gängen rund um den Saal Schreie zu hören. Die Parlamentarier beugen sich aus ihren Ledersitzen vor. „Was ist los?“, ruft der Sekretär.

Aus einer Tür unter der Pressetribüne tritt Antonio Tejero Molina in den Saal. Der Oberstleutnant ist eine gedrungene Gestalt mit dichtem Schnauzbart, über seinen stämmigen Körper spannt sich die olivgrüne Uniform der spanischen Militärpolizei, der Guardia Civil, wie beiläufig hält er in seiner rechten Hand eine schwarze Pistole.

Er blickt sich um, geht die Treppe zum Rednerpult hinauf, bleibt stehen und ruft mit schnarrender Stimme: „Alle ruhig!“ Die Abgeordneten starren auf Tejero, der mit seinem schwarzen Dreispitz aus lackiertem Leder auf dem Kopf aussieht wie eine Mischung aus Torero und Pirat.

Tejero ist zu diesem Zeitpunkt 49 Jahre alt und seit 30 Jahren beim Militär. Vor Jahren wurde er im Baskenland Augenzeuge eines Bombenanschlags, der seine Kameraden zerfetzte. Wie entrückt küsste er damals die blutigen Leichen. Es war sein Erweckungserlebnis. Tejero ist voller Hass auf Terroristen, die von ihm als schwächlich verachtete Demokratie, die Linke und den Sittenverfall. Der Oberstleutnant ist entschlossen, Spanien wieder zurück zum Glanz des Franco-Regimes zu führen.

Zehn Sekunden lang herrscht gespenstische Stille im Plenarsaal. Dann stürmen Dutzende Soldaten mit Maschinenpistolen in den Saal, alles schreit durcheinander, auch Tejero, „Ruhe!“, „Alle auf den Boden!“, und schließlich, „Würden Sie sich setzen, verdammte Scheiße!“

Parlamentarier und Schreiber werfen sich nieder. Die Stimmung ist so gespenstisch, als kauerten im deutschen Bundestag Frank-Walter Steinmeier, Guido Westerwelle und Jürgen Trittin ängstlich auf dem Boden. Nur der alte General und Vizepremier Manuel Gutiérrez Mellado erhebt sich von seinem Sessel und läuft wild gestikulierend auf Tejero zu. Die Gardisten versuchen, den 68-Jährigen zu Boden zu reißen. Tejero fasst sich unschlüssig an seinen Dreispitz, dann streckt er seine Pistole zur Decke. Ein Knall hallt durch den Saal und durch unzählige Haushalte in ganz Spanien.

Die Putschisten haben nicht bedacht, dass die Radiosender landesweit live übertragen. Zudem halten zwei Parlamentskameras für 35 Minuten alles fest, was geschieht. Es ist der erste multimediale Putsch in Europa.

Nun heben auch die Gardisten ihre Maschinenpistolen und schießen Löcher ins Deckengemälde. Rosa Staub wirbelt auf, Putz fällt herab, vier Abgeordnete werden leicht verletzt. Das war nicht geplant. Die Besetzung des Parlaments sollte gewaltfrei ablaufen, um es dem König, der Öffentlichkeit und den Parteien zu ermöglichen, den Staatsstreich anzuerkennen. Doch der Widerstand des Vizepremiers Gutiérrez hat aus der Aktion einen Gewaltakt gemacht.

Ein Hauptmann der Guardia Civil kündigt unbeholfen an, dass bald der zuständige Befehlshaber erscheinen würde, „ein Militär, natürlich“. Tejero hat derweil den Plenarsaal verlassen und telefoniert in einem Parlamentsbüro mit Generalkapitän Jaime Milans del Bosch in Valencia. Der Mann mit dem strengen Schnurrbartstrich im Gesicht ist eine lebende Legende im Heer, Milans hat an der Seite Francos im Bürgerkrieg gekämpft und an der Seite der Nazis in Russland, ist viermal verwundet und unzählige Male ausgezeichnet worden. Dass man ihn nach der Demokratisierung als Militärgouverneur nach Valencia abgeschoben hat, schmerzt den stolzen Offizier.

„Das Gebäude wurde ohne Zwischenfälle eingenommen“, meldet Tejero. „Gut. Alles geht weiter nach Plan“, antwortet Milans. Der König soll gezwungen werden, eine Militärjunta unter Milans’ Vorsitz anzuerkennen, Spanien soll wieder Diktatur werden. In Valencia verhängt Milans den Ausnahmezustand und lässt seine 40 Panzer und 1800 Soldaten durch die Stadt patrouillieren.

Die Schüsse im Parlament sind auch aus den Radios im Zarzuela-Palast gedrungen, dem Wohnsitz des Königs. Juan Carlos spielt gerade eine Partie Squash, als er über die Vorfälle informiert wird.

Der König ist bis dahin vielen Spaniern verhasst, er gilt als Marionette Francos, seit der Diktator den damaligen Prinzen 1969 zu seinem Nachfolger bestimmt hat. Dass Juan Carlos nach Francos Tod 1975 demokratische Reformen zulässt, hilft dem Image des Königs wenig. Einige Verschwörer behaupten später, Juan Carlos habe zuvor Sympathien für eine Militärregierung gezeigt, wenn sie ihn als König anerkennt.

Sollte er je Sympathien für einen Putsch gehabt haben, dann hat er sie nach dem Gewaltakt im Kongresspalast definitiv nicht mehr. Juan Carlos beruft einen Krisenstab in seinem Arbeitszimmer ein. Dann folgt das vielleicht entscheidende Telefonat jenes 23. Februars. Der Sekretär des Königs telefoniert mit José Juste, dem Kommandeur der Madrider Panzerdivision Brunete. Juste ist nicht allein. Juste wird von einem weiteren General, einem Oberst und einem Major umringt. Wenn die Panzer der Division Brunete erst einmal über die Straßen der Hauptstadt rollen, ist der Putsch nicht mehr aufzuhalten. Der Panzergeneral fragt: „Ist Armada denn nicht bei euch?“

Gemeint ist Alfonso Armada. 20 Jahre lang war er enger Vertrauter des Königs, einst sogar sein Ausbilder. Ein Höfling alter Schule, doch vor vier Jahren hat ihn sein geliebter König auf Drängen der Regierung entlassen; dass Juan Carlos ihm seine jetzige Position als stellvertretender Stabschef des Heeres verschafft, tröstet ihn wenig.

„Armada ist nicht hier, und wird auch nicht erwartet“, antwortet der Sekretär des Königs. „Das ändert die Lage ganz entscheidend“, sagt General Juste.

Tatsächlich hatten seine Militärkameraden Juste überzeugt, dass Armada die Aktion vom Königspalast aus mit Billigung des Monarchen leite und Unterstützung benötige. Zunächst hatte Panzergeneral Juste zögernd eingewilligt. Doch nun, als sich herausstellt, dass er belogen wurde, bricht er die Aktion ab. Alle Soldaten müssen in der Kaserne bleiben.

Zur gleichen Zeit telefoniert der König mit Armada, er bittet seinen einstigen Vertrauten, in den Palast zu kommen. Genau darauf hatte der gewartet. Armada ist Teil des Putsches, auch wenn er heimlich eine eigene Agenda verfolgt. In diesem Moment betritt der Sekretär das Büro des Königs. Er übernimmt den Hörer und sagt: „Nein, Alfonso, bleib wo du bist.“ Damit gelangt das letzte Puzzleteil des Putsches nicht an seinen Platz: den königlichen Palast.

Kurz vor 20 Uhr ernennt der König eine Ersatzregierung. Die größte Sorge gilt nun den elf Militärgouverneuren, die wie Landesfürsten über ihre Regionen herrschen. Sie haben allesamt an der Seite Francos im Bürgerkrieg gekämpft, nichts läge ihnen näher, als den Putsch zu unterstützen. Doch war es Franco selbst, der sie in seinem Testament aufgefordert hat: Befolgt die Befehle des Königs, als wären es die meinen. Nun ist es Juan Carlos, ihr Oberbefehlshaber, der am Telefon jede Beteiligung am Putsch verneint und sich der Neutralität der Generäle versichert.

Von alldem bekommt Madrid wenig mit. Um 19.15 Uhr haben Soldaten den einzigen Fernsehsender TVE besetzt, Privatfernsehen gibt es noch nicht, es werden keine Informationen mehr gesendet. Die Radiosender spielen klassische Musik.

Im Hotel Palace gegenüber des besetzten Kongresspalastes hat sich derweil ein Krisenstab eingerichtet. Die Idee, den Kongress zu stürmen, wird schnell verworfen. Es wäre zu gefährlich für die Repräsentanten des Volkes.

Um 0.30 Uhr nähert sich Alfonso Armada dem Gittertor zum Kongressgebäude. Er hatte sich angeboten, mit den Putschisten zu verhandeln. Insgeheim plante er von Anfang an, sich am Oberputschisten Milans del Bosch vorbei zum Chef einer Einheitsregierung aus Militär und allen Parteien aufzuschwingen, der von Volk und König als Retter gefeiert würde. Armada nennt das Codewort und erhält Einlass ins Gebäude. Bei Tejero entschuldigt er sich für die Verspätung. Sechs Stunden nachdem die Putschisten ihren Geiseln eine militärische Autorität angekündigt haben, ist jetzt tatsächlich ein General eingetroffen.

Armada erklärt Tejero, dass dessen Aufgabe nun beendet sei und bietet ihm die Ausreise nach Portugal an. Als Tejero erfährt, dass von einer Militärjunta plötzlich nicht mehr die Rede ist, stattdessen eine Einheitsregierung unter Beteiligung auch von Sozialisten und Kommunisten die Geschäfte übernehmen soll, scheitert der Staatsstreich am Stolz eines Mannes: Für so etwas will Tejero nicht geputscht haben. Er weigert sich abzuziehen.

Währenddessen liest Juan Carlos von seinem Schreibtisch aus vor laufender Kamera ein selbst getipptes Manuskript vor, mit müden, traurigen Augen, aber entschlossen. „Die Krone, Symbol der Dauerhaftigkeit und Einigkeit des Vaterlandes, kann keinerlei Handlungen tolerieren, die den demokratischen Prozess gemäß der Verfassung, die sich das spanische Volk per Referendum gegeben hat, unterbrechen wollen.“ Im Kongresspalast brechen die Geiseln, von denen zwei Transistorradios dabei haben, in Jubel aus. Der König ist auf ihrer Seite, der Putsch damit praktisch gescheitert.

Armada verlässt um 1.20 Uhr das Parlament, wütend schimpft er über Tejero: „Der Mann ist verrückt."

Der Putsch scheint am Ende, da fahren nur zehn Minuten nach Armadas Abgang 121 Soldaten vor dem Kongresspalast vor. Ihr Major will auf eigene Faust Tejero und seinen Leuten zu Hilfe zu eilen. Doch es nützt nichts mehr. Um 4.30 Uhr lässt Milans del Bosch den Putschisten ausrichten, dass es vorbei ist.

Am Morgen willigt Tejero schließlich in eine Kapitulation ein, unter der Bedingung, das Parlament als Letzter ehrenhaft zu verlassen. Einige Gardisten springen aus den Fenstern zur Straße hinaus und ergeben sich. Tejero unterschreibt im Hof des Kongresses auf dem Dach eines Land Rovers das handgeschriebene Kapitulationspapier. Armada ist anwesend, Tejero hat darauf bestanden, damit der General sich nicht aus der Affäre zieht.

Fast anderthalb Jahre später verurteilt ein Militärgericht 33 Verschwörer. Das Urteil für Antonio Tejero und Milans del Bosch lautet 30 Jahre Haft. Jaime Milans del Bosch wird jedoch 1990 wegen seines fortgeschrittenen Alters aus der Haft entlassen und stirbt 1997. Er wird auf eigenen Wunsch in der Bürgerkriegsfestung Alcázar in Toledo beigesetzt.

Auch Tejero kommt 1996 vorzeitig frei, als Letzter der Verschwörer, wegen guter Führung. Heute lebt er in der Nähe von Málaga, malt Landschaftsbilder und züchtet Avocados.

Alfonso Armada kommt im Urteil von 1982 mit sechs Jahren davon. Zwar wird seine Strafe später auf 30 Jahre erhöht. Trotzdem kommt Armada 1988 frei. Er lebt zurückgezogen auf einem Anwesen bei La Coruña und züchtet Kamelien. In einer TV-Dokumentation 2001 sieht man ihn, wie er am Krückstock zwischen seinen Blumen spazieren geht. „Ich wollte immer nur den König schützen“, sagt er. „Insofern war der Putsch von 1981 ein Erfolg.“

Juan Carlos I. wird seit dem 23. Juni 1981 als Retter des Vaterlandes gefeiert. Wer nun den König kritisiert, kritisiert die spanische Demokratie.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben