Geschichte : Reise in die Erinnerung der Kurden

Modell Deutschland: Kurdische Frauen, die Saddam Husseins Massaker überlebten, suchen nach Vorbildern zur Bewältigung der grauenhaften Vergangenheit.

Andrea Nüsse
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Gedenken über Grenzen. Kurdische Frauen im KZ Ravensbrück: Srwa Mohamed Rashid, Bürgermeisterin (rechts), und Aska, Überlebende...

Das knallrote Festgewand von Srwa Mohamed Rashid leuchtet in der strahlenden Sonne. Unter dem transparenten Überwurf, der im Wind flattert, ist ein goldfarbenes Wams mit Pluderhosen zu erkennen, die Füße stecken in hochhackigen Sandalen. Die Bürgermeisterin der kurdischen Stadt Rizgary in Nordirak begleitet zwei ältere Kurdinnen, die zur Feier des Tages mit Pailletten bestickte, schwarze und bodenlange Übermäntel tragen. Sie ziehen die Blicke auf sich, die Blicke der anderen Besucher der Gedenkfeier. Die kommen aus Deutschland, Frankreich und Osteuropa und tragen Hosen und Blazer oder Windjacken in gedeckten Farben. Selbstbewusst nimmt die exotische Gruppe in der vierten Reihe Platz. Die kurdischen Frauen sind gekommen, um an einer Gedenkfeier zur Befreiung des Frauen-KZs Ravensbrück teilzunehmen. Auch sie sind Opfer. Allerdings nicht des Nationalsozialismus, sondern des Vernichtungswillens des irakischen Diktators Saddam Hussein, der 1988 ganze Landstriche in der Kurdenregion dem Erdboden gleichmachte und mehr als 100 000 Kurden töten ließ.

Shazada und Aska, die beiden älteren Frauen in Schwarz, sind Anfal-Frauen, Überlebende des Vernichtungsfeldzugs des irakischen Regimes, der zynischerweise nach der Koransure „Al-Anfal“ (die Beute) benannt wurden. Beide haben ihre Ehemänner verloren, Aska auch ihren Sohn. Sie selbst sind gefoltert und deportiert worden.

Ein trauriges Oboensolo eröffnet die Feier in Ravensbrück, ein Chor singt das „Ravensbrücklied“, eines der im KZ entstandenen Lieder. „Es ist wunderbar, wie die Frauen hier geehrt werden“, sagt die 56-jährige Shazada und wischt sich gerührt die Augen. Sie fühlt sich, über alle kulturellen Grenzen, den Opfern von Ravensbrück ganz nahe. „Wir wünschen uns in Kurdistan auch solche Gedenkstätten und Zeremonien für die Anfal-Opfer und die Überlebenden.“ Deshalb sind die Frauen zu Besuch in Deutschland, sie suchen hier Ideen und Unterstützung für ein Erinnerungsforum in Rizgary, der ehemaligen Lagerstadt, in der Shazada und Aska sowie viele der deportierten Frauen bis heute leben. Eine Bildungsreise der besonderen Art, die sie zum Berliner Holocaust-Mahnmal, ins Haus der Wannseekonferenz, zur Stiftung zur Entschädigung für die Zwangsarbeiter und eben nach Ravensbrück führt.

Die Aufarbeitung der Vergangenheit und der Umgang mit den Verbrechen des Baath-Regimes haben in Irak auch sechs Jahre nach dem Sturz des Regimes nicht ernsthaft begonnen. Das irakische Parlament konnte sich zwar dazu durchringen, den Anfal-Feldzug als Völkermord anzuerkennen. Eine Entschuldigung oder Entschädigung dafür gab es bisher nicht. Für Versöhnung, die Voraussetzung für den Aufbau eines friedlichen Gemeinwesens wäre, scheint es noch zu früh. Das hat die Deutsche Karin Mlodoch selbst erlebt: Zwischen 2005 und 2006 arbeitete sie in einem Zentrum für Opfer politischer Gewalt in Tuz Khurmatu bei Tikrit mit arabischer, kurdischer und turkmenischer Bevölkerung. „Die Idee, verschiedene Opfer zusammenzubringen hat sich schnell als Illusion herausgestellt, die unterschiedlichen Interpretationen der Geschichte waren unvereinbar.“ Das Zentrum wurde nach nur zwei Jahren wieder geschlossen. Jetzt trauert jede Bevölkerungsgruppe um ihre eigenen Opfer. Selbst in Kurdistan ist der Umgang mit Anfal ambivalent. Einerseits ist der Völkermord das kollektive Trauma der irakischen Kurden und ein zentrales Argument für deren Streben nach Unabhängigkeit und internationaler Unterstützung. Doch gleichzeitig fühlen sich die Überlebenden allein gelassen. Gerade die Frauen, welche die Mehrheit der Überlebenden ausmachen.

Shazada war Bäuerin in der Region Germian, einem fruchtbaren Landstrich. „Wir hatten tausend Schafe, ernteten jeden Sommer zehn Lastwagenladungen Getreide“, schwärmt die Frau. Man hat den Eindruck, dieses einfache Leben sei das Paradies gewesen. Das war es wohl auch im Vergleich zu dem, was dann kam. Der Bruder war Peschmerga, bewaffneter Kämpfer für die Unabhängigkeit der Kurden. So kam die junge Frau 1982 in Sippenhaft und für drei Jahre ins Gefängnis. „Sie hängten mich mit den Armen an einem Ventilator auf, der sich drehte, und schlugen mich“, sagt Shazada. Nach ihrer Freilassung heiratete sie 1986 und bekam eine Tochter. Und dann kam die Katastrophe: Die gesamte Bevölkerung der Region wurde zusammengetrieben. Die Männer und jugendlichen Söhne wurden sofort abtransportiert. Frauen wurden von ihren Kindern getrennt. „Sie haben uns teilweise die Kleinen aus den Armen gerissen“, erzählt Shazada, die ihre neunmonatige Tochter Seniour festhalten konnte. Mehrere Monate verbrachte sie in dem berüchtigten Gefängnis Nugra Salman an der Grenze zu Kuwait. Hier steigen die Temperaturen im Sommer auf über 50 Grad. „Täglich starben etwa 20 Frauen und Kinder. Ihre Leichen wurden einfach in die Wüste geworfen, wo wilde Hunde sie auffraßen.“ Die schönen jungen Mädchen wurden abgeholt und nie wieder gesehen. Das Wort Vergewaltigung bringt Shazada nicht über die Lippen.

Im Herbst 1988 wurden die Überlebenden nach Kurdistan zurückgebracht und in Barackenstädten wie Sumud, das heute Rizgary heißt, zwangsangesiedelt. Die Dörfer waren dem Erdboden gleichgemacht worden. In Sumud zogen Shazada und die vielen anderen Frauen allein ihre Kinder groß. Bis 2003 hofften sie auf eine Rückkehr der Männer. Nach dem Sturz des Baath-Regimes wurde gewiss: Die Verschwundenen sind tot.

Seither wollen sich Shazada, Aska und die anderen Anfal-Frauen nicht mehr mit der Rolle begnügen, welche ihnen die männlich-dominierte kurdische Gesellschaft zugewiesen hat: die der stumm trauernden schwarzen Frauen. „Wir wollen eine Stätte des Gedenkens haben, an dem wir Frauen uns treffen können, an dem unsere Erinnerungen gesammelt werden, sonst geht ja alles verloren“, sagt Shazada, die Vorsitzende der Frauenunion der kurdischen PUK-Partei in Rizgary. Ihre Freundin Aska leitet offiziell das Komitee der Anfal-Frauen im Ort. Die beiden wissen, was sie wollen. Verächtlich winken sie ab bei der Erwähnung des offiziellen Denkmals, das die kurdische Regionalregierung außerhalb des Dorfes aufstellen ließ. Nein, eine Skulptur wie die Müttergruppe, die vor dem KZ Ravensbrück steht, berührt sie: Aska streicht bei der Besichtigung immer wieder über das Kind aus Bronze, das sich am Bein der übergroßen Mutter festklammert. Sie kann sich gar nicht von dem Anblick losreißen.

Begeistert lauschen die kurdischen Frauen bei einer Fachtagung im Zentrum Moderner Orient dem Leiter der pädagogischen Dienste der Gedenkstätte Ravensbrück, Matthias Heyl. Er spricht davon, welch heilende Wirkung für die Gesellschaft es haben kann, wenn Opfer über das Erlebte sprechen. So viel Aufmerksamkeit erleben die Anfal-Überlebenden zu Hause selten. Im Gespräch mit Elke Gryglewski von der Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannseekonferenz“ interessiert die Frauen besonders der Umgang mit den Tätern. Denn die Frauen fordern seit 2003 immer lauter, dass die kurdischen Kollaborateure vor Gericht gestellt werden. Tausende kurdische Milizionäre, unter der Führung mächtiger Stammesführer, trieben die Menschen zusammen und zerstörten anschließend deren Dörfer. Davon will die Regionalregierung nichts wissen. 1991 gab es eine Generalamnestie, um die Kollaborateure in die Gesellschaft zu integrieren. Dennoch bestehen die Überlebenden darauf, dass 270 Personen, darunter mächtige Stammesführer, zur Rechenschaft gezogen werden. „Der Verrat in den eigenen Reihen hat sich stärker in der Erinnerung eingebrannt als die Schuld der irakischen Armee“, sagt Karin Mlodoch.

Beim Besuch der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ für die Entschädigung der Zwangsarbeiter schreibt die kurdische Abgeordnete Gulnaz Aziz Qadir besonders viel mit. „Wir können in Deutschland so viel lernen“, sagt sie. Wenn sie Deutschland etwas unbeholfen gratuliert zu seinen hervorragenden Gedenkstätten, kommt der Eindruck auf, ihr könnte nicht ganz klar sein, dass sie sich im Land der Täter befindet – ein Unterschied zu Anfal in Kurdistan. Das sieht Elke Gryglewski natürlich, aber, sagt sie, wenn Deutschland so viel Schrecken über die Welt gebracht habe, könne es nun ja auch mal etwas Positives exportieren.

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