Zeitung Heute : Geschichte verpflichtet

Die Freie Universität nimmt Studierende der geschlossenen Minsker Universität auf

Felicitas Aretin

„In der Regel kann ich nicht jeden ausländischen Studierenden an der Freien Universität persönlich begrüßen,“ sagt Universitätspräsident Dieter Lenzen, als er die 17 Minsker Studierenden im Präsidialamt willkommen heißt. „Umso mehr freut es mich, dass wir Zeit für ein Gespräch finden,“ so Lenzen und fordert die jungen belarussischen Studierenden freundlich auf, sich zunächst der Runde vorzustellen. „Ich möchte gerne mein Psychologie-Studium an der Freien Universität fortsetzen“, erzählt die rothaarige 24-jährige Mascha, „und mich auf Sozialpsychologie spezialisieren.“

Wie die anderen 16 Minsker Studierenden ist Mascha erst vor wenigen Tagen nach einer endlosen Zugreise von Minsk nach Berlin gekommen. Über hundert Verwandte und Freunde hatten die jungen Menschen auf den Bahnsteig begleitet. Zuvor hatten die Familien Geld gesammelt, damit ihre Kinder und Enkel an der Freien Universität ihr Studium fortsetzen können. Denn in Minsk wollten die Studierenden nicht bleiben, seit die westlich orientierte Universität, die Europäische Humanistische Universität (EHU) von dem autoritären Regime Alexandr Lukaschenkos im August in einer Nacht-und-Nebel-Aktion geschlossen wurde.

Der Rektor erhielt Morddrohungen und konnte sich gerade noch in die Vereinigten Staaten in Sicherheit bringen. Viele ihrer belarussischen Dozenten seien entweder arbeitslos oder an eine staatliche Universität gewechselt, erzählen die Studierenden. Lukaschenko ist hingegen im Aufwind, seit er sich im Oktober diesen Jahres in einer umstrittenen Wahl auch für die Zeit nach 2006 vom Volk bestätigen ließ. An dem Wahlbetrug hatte niemand Zweifel. Als eine Farce bezeichnete die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa die Wahl in der ehemaligen Sowjetrepublik.

Schon lange war die EHU den belarussischen Machthabern nicht geheuer, fürchteten Lukaschenkos Anhänger die internationale Atmosphäre und die Gedankenfreiheit, die zwangsläufig mit der gedrückten, apathischen Stimmung im Lande kontrastierte.

Seit Januar forderte deshalb der Bildungsminister den Rektor der EHU, Anatolij Michajlow, zum Rücktritt auf, was der international renommierte Heidegger-Spezialist zunächst ablehnte. Denn der in Jena promovierte Rektor verband mit der nicht-staatlichen Universität eine Herzensangelegenheit: Michajlow hoffte, den ideologisch geprägten Staatsuniversitäten eine Universität entgegenzusetzen, die sich an westlichen Standards orientiert. „Ziel der EHU ist es, eine neue Generation junger Menschen auszubilden, die in der Lage ist, Belarus auf dem Weg in eine moderne Zivilgesellschaft zu begleiten, die auf europäischen Wertmaßstäben beruht“, hatte der ehemalige amerikanische Botschafter in Belarus, David Swartz, bei der Eröffnung der EHU 1992 erklärt.

„Wir haben an der EHU gelernt frei zu denken. Außerdem war das Niveau an der EHU höher als an den staatlichen Hochschulen“, erzählt Mascha. Mutig fügt sie hinzu, dass die Hochschule mit ihren 60 ausländischen Gastdozenten und zahlreichen europäischen Partnerschaften bei dem Regime „wegen der europäischen Orientierung“ unbeliebt sei. Wie unbeliebt mussten die Studierenden erleben, als sie in der 1,7-Millionenstadt Minsk auf die Straßen gingen, um im August dieses Jahres gegen die Schließung zu protestieren. Bald waren mehr Polizisten auf der Straße als Studenten. „Es war ausgesprochen mutig zu demonstrieren“, erzählt ein Informatikstudent, dem die Angst vor dem langen Arm des Staates deutlich anzumerken ist. „Wir wissen natürlich überhaupt nicht, inwieweit die Familien und Freunde der Studierenden in Minsk Repressionen ausgesetzt sind“, erzählt Gottfried Gügold, der in der Abteilung Außenangelegenheiten die belarussischen Studenten an der Freien Universität betreut. Und selbstverständlich wisse niemand, inwieweit die jungen Leute nach ihrer Rückkehr nach Belarus eine Chance auf Anstellung hätten. „Zunächst sind wir froh, dass wir den jungen Belarussen helfen konnten“, meint Gügold, der immer noch stolz darauf ist, in welcher Geschwindigkeit es gelungen sei, die 17 fast rechtzeitig zu Semesterbeginn nach Berlin zu holen. Normalerweise dauere die Vorbereitung eines Auslandsstudiums ein Jahr. „Es ist ein Wunder, wie rasch alles geklappt hat“, erzählt Sergej, der wie seine Kommilitonen das erste Mal in Deutschland ist. „Der Empfang an der Freien Universität ist sehr warm“, sagt Mascha. Gemeinsam mit drei anderen Minsker Studenten, die entweder Psychologie oder Jura studieren, wohnt Mascha im Internationalen Studienzentrum am Theodor Heuss-Platz. Die zwölf Informatik-Studenten sind hingegen im Studentendorf Schlachtensee untergebracht.

„Bislang erhalten 14 Studierende ein Stipendium“, sagt Gügold: Dreieinhalb Stipendien kommen von der Ernst-Reuter-Gesellschaft, ein weiteres von der Heinrich Böll-Stiftung, die übrigen stammen aus dem Studienfonds der EHU. „Im Gegensatz zur Viadrina haben wir kein Geld vom Auswärtigen Amt erhalten“, sagt Gügold. Auch die Universität in Frankfurt an der Oder hatte im Zuge der Schließung der EHU rund fünfzig Studierende aus Minsk aufgenommen. Auch das Institut für Psychologie kümmere sich intensiv um die Belange der Minsker Studenten, berichtet Psychologie-Professorin Anna Auckenthaler.

In den einzelnen Instituten und Fachbereichen werden die Studierenden individuell betreut. „Bislang höre ich aus den einzelnen Instituten nur Gutes über die Leistung der Belarussen“, sagt Gügold. 13 belarussische Studenten sind angehende Informatiker, viele mit Schwerpunkt web-design. „Wir haben die Studierenden erstmal herzlich am Institut für Informatik begrüßt“, erzählt Elfriede Fehr, Professorin für Informatik. Zehn Studenten des Instituts, darunter acht Russen und eine belarussische Studentin haben inzwischen Patenschaften für die Minsker Informatikstudenten übernommen, um ihnen bei Problemen zur Seite zu stehen. „Derzeit besuchen die Minsker Studenten für zwei Wochen die Vorlesungen des Bachelor-Studiums, damit sie sich ein Bild von den Anforderungen machen können“, berichtet Fehr. Anschließend wolle sie sich mit den Studenten erneut zusammensetzen, um für jeden ein individuelles Studienprogramm zu erstellen.

Das Institut für Völkerrecht, Europarecht und ausländisches Recht kümmert sich intensiv um die beiden Minsker Studentinnen, die sich schon an der EHU auf internationales Recht spezialisiert haben. „An der Freien Universität bieten wir eine Dichte von Lehrveranstaltungen in diesem Bereich wie dies kaum eine andere Universität kann“, berichtet Studiendekan Andreas Fijal begeistert und zählt auf, was die beiden Studierenden alles besuchen können: Dazu gehören zwei Veranstaltungen mit ehemaligen Botschaftern ebenso wie eine Einführung in das englische common law einer englischen Rechtsanwältin. „Nicht zu vergessen der Model Court United Nation, fügt Fijal hinzu, so als sähe er im Geiste die beiden schon durch die Straßen von New York laufen. Außerdem kümmere sich eine russische ehemalige DAAD-Tutorin aus dem L.LLM-Programm um die beiden Studentinnen.

„1948 gründeten mutige Studenten die Freie Universität, um ohne ideologischen Einfluss studieren zu können“, begründet Lenzen die schnelle und unbürokratische Hilfe und fügt hinzu, dass die Freie Universität seit ihrer Gründung ein Ort des freien Denkens, Lehrens und Forschens gewesen sei. „Wir sind alle sehr dankbar, dass wir hier studieren können“, sagt Sergej, der wie die anderen Studierenden darauf hofft, sein Studium abschließen zu können. Ob sie sich in Deutschland wie Gaststudenten oder Flüchtlinge vorkämen, will eine Redakteurin des Tagesspiegel wissen. Die Antwort ist eindeutig: „Ich kann mir meine Zukunft nur in meinem Land vorstellen“, sagt die eine der beiden Jurastudentinnen. Und das, obgleich die Mehrheit keine Perspektive für ein demokratisches Belarus sieht.

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