Geschichte : Washington brennt!

Großbritannien kontrolliert die Weltmeere. Deshalb wollen die noch jungen USA 1812 Krieg. Sie müssen die Invasion der Heimat hinnehmen – zum letzten Mal in ihrer Geschichte.

Der Kampf der „Constitution“ gegen die „Guerrière“, gemalt von Michel Felice Corne.
Der Kampf der „Constitution“ gegen die „Guerrière“, gemalt von Michel Felice Corne.Foto: public domain

Am 18. Juni 1812 reichte es den jungen Vereinigten Staaten von Amerika. Sie erklärten der Weltmacht Großbritannien den Krieg. Seit Jahren hatten britische Schiffe amerikanische Kauffahrer auf offener See gestoppt, Besatzungsmitglieder gefangen genommen und zum Dienst in der Royal Navy gezwungen. Alleine bis Herbst 1811 waren 6000 Fälle dokumentiert worden. Auch der Überseehandel schien bedroht: Im Kampf gegen Napoleons Frankreich hielten die Briten die Schiffe neutraler Staaten an und beschlagnahmten sämtliche Ladungen, die verdächtigt wurden, für Paris bestimmt zu sein. Starke Einbußen für den prosperierenden Europahandel der USA waren die Folge.

Die Kriegserklärung, knapp drei Jahrzehnte nach Ende des  amerikanischen Unabhängigkeitskampfes gegen die britischen Kolonialherren, unterzeichnete der Mann, der ganz entscheidend an der amerikanischen Verfassung mitgeschrieben hatte: James Madison, mittlerweile vierter Präsident der Vereinigten Staaten und der dritte, der von der neugegründeten Hauptstadt Washington aus regierte. In einem Brief an den Kongress führte er einen weiteren Kriegsgrund an: Die Briten, die noch etwa 5000 Soldaten in ihrer Kolonie Kanada stationiert hatten, hätten mehrfach Indianerstämme gegen die USA aufgehetzt.

Im Jahr 1812 waren die Augen der westlichen Welt eigentlich auf Europa gerichtet. Nicht nur führte Napoleon Krieg in Spanien, wo er gegen iberische Aufständische und ein britisches Expeditionskorps kämpfte. Im Juni des Jahres marschierte der französische Kaiser auch in Russland ein (siehe Kasten). So wenig bedeutsam der erneute britisch-amerikanische Konflikt in der Wahrnehmung der europäischen Öffentlichkeit schien, so drängend wurde er von seinen Befürwortern in den USA gefordert. Es gehe um nichts weniger als einen „zweiten Unabhängigkeitskrieg“, lautete die Parole. 

Dabei glich das Kräfteverhältnis dem biblischen Ringen zwischen David und Goliath – zumindest zur See: Amerikas kleine Flotte von 17 Schiffen sah sich der Royal Navy mit 900 Schiffen gegenüber – das hieß: 27 800 gegen 440 Geschütze, 150 000 Mann Besatzung gegen 5000. Zwar war der größte Teil der britischen Flotte in den Napoleonischen Kriegen gebunden, doch bereits 1812 kreuzten rund 100 Segler der Royal Navy im westlichen Atlantik von Halifax bis zu den Westindischen Inseln. Allein diese Verbände verfügten über sieben Mal so viele Kanonen wie die gesamte amerikanische Marine.

Angesichts ihrer extremen Unterlegenheit agierten die Amerikaner zurückhaltend. Auch die Briten beschränkten sich zunächst auf Patrouillen einzelner Schiffe vor amerikanischen Häfen. In ihren Augen war die US-Navy kein ernstzunehmender Gegner – ein schwerwiegender Irrglaube. Denn deren moderne Fregatten erwiesen sich im Einzelgefecht als überlegen. Mit mehr als 60 Meter Rumpflänge waren sie um 15 Meter länger. Ihre Seiten bestanden aus massiver, bis zu 50 Zentimeter dicker Eichenwand, was der amerikanischen Superfregatte „Constitution“ den Spitznamen „alte Eisenwand“ einbrachte. Gleichzeitig hatten diese Schiffe eine derart elegante Linienführung, dass sie den größeren und schwerer bewaffneten Linienschiffen der Royal Navy mit ihren bis zu drei übereinander liegenden Kanonendecks davonsegeln konnten. Nicht zuletzt verfügten die Amerikaner über modernere Geschützbatterien.

Im August 1812 traf die „Constitution“ auf die britische „Guerrière“. Der amerikanische Seekriegshistoriker Elmer Belmont Potter hat das Ergebnis pointiert zusammengefasst: „So tödlich war das amerikanische Feuer gewesen, dass man den zertrümmerten Rumpf der Guerrière nur noch verbrennen konnte.“ Im Dezember ereilte die „Java“ der Royal Navy dasselbe Schicksal: Nachdem sie sich der „Constitution“ vor der Küste Südamerikas bis auf eine halbe Seemeile genähert hatte, eröffneten die Amerikaner das Feuer. Schon nach 20 Minuten zerstörte ein britischer Treffer das Steuerrad der „Constitution“, doch die Amerikaner revanchierten sich, zerschossen erst den Vordermast, dann auch den Hauptmast des Gegners. Der Kampf dauerte mehr als drei Stunden, am Ende war das britische Schiff nur noch ein wertloses Wrack.

Nachdem die Royal Navy mehrfach unterlegen war, befahl die britische Admiralität im Frühjahr 1813 allen auf dem Atlantik patrouillierenden Einheiten, sich nur noch dann auf einen Kampf mit einer schweren amerikanischen Fregatte einzulassen, wenn sie den Amerikanern mindestens zwei zu eins überlegen waren. Mit den überraschenden Siegen war der US- Marine etwas gelungen, das nur wenige Gegner der Briten in den vergangenen 100 Jahren zustande gebracht hatten. Entsprechend verblüfft zeigte sich die Presse. Die Londoner „Times“ kommentierte nach dem Sieg der „Constitution“ über die britische „Guerrière“: „Es ist ja nicht allein, dass eine englische Fregatte nach – wie wir berichten dürfen – tapferem Widerstand gekapert wurde, sondern dass sie von einem neuen Feind erobert wurde, zumal einem Feind, der solche Triumphe nicht gewohnt ist und dadurch leicht anmaßend und dreist werden könnte.“ Auch der Duke of Wellington, der spätere Sieger über Napoleon in der kriegsentscheidenden Schlacht bei Waterloo 1815, schien tief beeindruckt: „Mir ist nicht ganz geheuer bei diesen amerikanischen Seekriegserfolgen. Ich bin der Ansicht, wir sollten mit Amerika Frieden schließen.“

Die stolze Royal Navy war öffentlich blamiert und sah sich Anfang 1813 gezwungen, ihre Geschwader vor der amerikanischen Küste deutlich zu verstärken. Mit Booten drangen britische Truppen über Bäche und Flüsse ins Landesinnere vor, um Vorratslager und kleinere Schiffe des Gegners zu zerstören, was jedoch dessen Widerstand nochmals verstärkte. Waren die Aufsehen erregenden Siege der amerikanischen Fregatten meist Einzelkämpfe gewesen, so bewies die US-Marine bei zwei Schlachten auf den Großen Seen, dass sie auch in Geschwaderstärke den Nimbus einer unbesiegbaren Royal Navy zerstören konnte: Im Sommer 1813 war der Lake Erie und damit eine wichtige Handelsverbindung zwischen dem Osten und den amerikanischen Territorien im Westen unter Kontrolle der Briten. Um sie ihnen wieder zu entreißen, entsandten die Amerikaner eine Flotte von neun Schiffen, die dank ihrer besseren Geschütze die Oberhand in einem für beide Seiten verlustreichen Kampf errangen. Auch auf dem Lake Champlain ein Jahr später siegte das amerikanische Geschwader.

Dennoch sollte es den Briten im Spätsommer 1814 gelingen, mit einem Expeditionskorps von 4500 Mann bis nach Washington vorzudringen und die öffentlichen Gebäude der erst 15 Jahre alten Hauptstadt niederzubrennen. Die Landung britischer Truppen aus Europa, die bereits in den Kriegen gegen Napoleon wertvolle Kampferfahrung gesammelt hatten, war an der Küste auf keinerlei Widerstand gestoßen. Umso schneller und wirkungsvoller hatten die Berufssoldaten zugeschlagen und die mit 7000 Mann zwar zahlenmäßig überlegene, aber kaum ausgebildete Milizstreitmacht der Amerikaner vor Washington in die Flucht gejagt.

Als die Briten in die Hauptstadt einrückten, flüchteten nicht nur viele der damals 9000 Einwohner, sondern auch Präsident Madison und seine Regierungsmitglieder. Der britische Befehlshaber ließ sich im besetzten Weißen Haus noch ein Dinner servieren, unterdessen plünderten seine Soldaten das Interieur. Danach setzten die Eroberer ihren Plan um, von dem sie sich vor allem eine psychologische Wirkung erhofften: Nacheinander steckten sie Kapitol, Schatzamt, Kriegsministerium, Arsenal und Weißes Haus in Brand. Ein Fähnrich der Royal Navy notierte: „Verderben, Verwüstung und schonungsloses Elend ließen wir ihnen als Denkzettel zurück. Dadurch wurde in den Einwohnern Amerikas ein Hass auf uns entzündet, den Worte nicht lindern und die Zeit nicht tilgen können.“

Es sollte das letzte Mal in der Geschichte der USA sein, dass eine ausländische Macht ihren Fuß gewaltsam auf amerikanischen Boden setzte. Erst vor Baltimore, der drittgrößten Stadt Amerikas, konnte die Invasion gestoppt werden. Trotz massiver Bombardierung gelang es den Angreifern nicht, das amerikanische Fort McHenry im Hafen Baltimores einzunehmen. Aus Freude über die gescheiterte Attacke und darüber, dass die US-Flagge am Morgen danach noch über dem Fort wehte, schrieb der junge Anwalt Francis Scott Key eine Ode, die später unter dem Titel „The Star-Spangled Banner“ zur amerikanischen Nationalhymne wurde.

Die Brandschatzung Washingtons stieß in England auf scharfe Kritik. Viele Abgeordnete sahen in ihr eine sinnlose Brandstiftung ohne strategischen Vorteil. Hinzu kam das Scheitern vor Baltimore. Der für Großbritannien unbefriedigende Kriegsverlauf bedrohte zunehmend den eigenen Handel, von dem die Industrienation ökonomisch abhängig war. Die mit dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nahezu gleichzeitig beginnende Industrielle Revolution in England hatte nach dem Urteil von Peter Wende, des langjährigen Direktors des Deutschen Historischen Instituts in London und Autors einer zu Recht hoch gelobten Geschichte des britischen Empire, die wirtschaftlichen Folgen des Verlustes der amerikanischen Kolonien gedämpft. Daher hatte für die nun stark exportorientierte Industriemacht die Sicherheit der eigenen Handelsmarine oberste Priorität.

Ein Friedensschluss musste her. Im belgischen Gent begannen Verhandlungen. Am Heiligabend 1814 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und Großbritannien den Vertrag von Gent. „Laus Deo!“, „Gelobt sei Gott!“, titelte die „Philadelphia Gazette“ in einer Sonderausgabe. Dennoch ging der Seekrieg noch vier Monate weiter, bis sämtliche Schiffe über den Friedensschluss informiert waren. Ausgerechnet in dieser Zeit sollte die amerikanische „Constitution“ einen militärischen Erfolg erringen, der nach den Studien des amerikanischen Marineexperten Henry E. Gruppe als der „vielleicht blendendste aller Seesiege Amerikas“ gilt. Zunächst kaperte die Fregatte just an dem Tag, an dem in Gent Frieden geschlossen wurde, ein britisches Handelsschiff, das auch noch den Namen von Großbritanniens bekanntestem Seehelden trug: Lord Nelson. Dann besiegte sie gleich zwei britische Kriegsschiffe mit größerer Feuerkraft. Dieser Triumph steht stellvertretend für den gesamten Krieg von 1812. Die kleine amerikanische Marine hatte sich gegen die Royal Navy und damit gegen die damals mächtigste Seestreitmacht der Welt behaupten können. Aus 26 größeren Gefechten waren die Amerikaner 14 Mal als Sieger hervorgegangen. Dabei hatten sie 16 britische Kriegsschiffe zerstört, besiegt oder erbeutet – gegenüber 12 eigenen Verlusten. Die Londoner „Times“ bilanzierte: „Obgleich wir die tapfersten Matrosen und die mächtigste Marine der Welt besitzen, neigt sich die Waagschale der Niederlagen sehr zu unseren Ungunsten.“

Der Krieg von 1812 war für London zwar militärisch weitgehend ein Desaster, aber nicht politisch. Denn der Friedensvertrag von Gent benachteiligte keine Seite: Sowohl Großbritannien als auch die Vereinigten Staaten erhielten im Krieg verlorene Gebiete zurück. Über die Festlegung der umkämpften Nordwestgrenze zwischen der britischen Kolonie Kanada und den USA sollte eine Kommission entscheiden. Eine informelle Vereinbarung besagte, dass die britischen Zwangsrekrutierungen endeten und Amerikas Handel keinerlei Einschränkungen mehr unterlag.

In den USA hatte der Kriegsverlauf den Nationalstolz gefördert. Die Erfolge zur See wurden zu einem wichtigen Teil amerikanischer Erinnerungstradition. Sie findet ihren Ausdruck bis heute in den großen Besucherströmen zur Fregatte „Constitution“, die inzwischen als Museumsschiff und älteste noch im Dienst stehende Einheit der US-Marine im Hafen von Boston liegt. Sogar bis ins heutige Berlin strahlt ihr Kriegsruhm: Als Modell ziert die „Constitution“ das Bundestagsbüro von Peer Steinbrück. Es ist das Geschenk eines Freundes, der es, ganz wie das Original, aus Holz mit kupferbeschlagenem Rumpf in Handarbeit selbst gebaut hat.

Mit der erfolgreichen Verteidigung auf See veränderte sich auch die internationale Wahrnehmung der Vereinigten Staaten. Sie galten fortan als global geachtete Seemacht. Auch innerhalb Amerikas erhielt die US-Navy eine neue Bedeutung. Hatten die nach dem Unabhängigkeitskrieg hoch verschuldeten USA ihre Marine aufgelöst und ihr Fehlen bei Übergriffen von Piraten, Franzosen und Briten auf amerikanische Handelsschiffe schmerzhaft zu spüren bekommen, so stand 1815 eine erneute Abrüstung nicht zur Debatte. Im Gegenteil: In der Nachkriegszeit begann der Aufbau starker Seestreitkräfte, die mit der 120 Kanonen tragenden „Pennsylvania“ auch über das damals größte Kriegsschiff der Welt verfügten. Ihr Auftrag war die Förderung und der Schutz des wachsenden Überseehandels, der sich allein bis zum Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges 1861 verfünffachte. Geschwader der US-Navy kreuzten fortan nicht nur regelmäßig im Atlantik, sondern auch im Mittelmeer, im Pazifik, vor Afrika, Südamerika und Indien. Dort zählt die Garantie freier Handelswege bis heute zu den zentralen Aufgaben der amerikanischen Marine, die diese Rolle endgültig im Zweiten Weltkrieg von der Royal Navy übernommen hat – ihrem einstigen Gegner im Krieg von 1812.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben