Geschichte : Wie kalt war der Deutsche Herbst?

Vor 25 Jahren: Horst Bubeck bewacht die RAF-Gefangenen in Stammheim. Peter O. Chotjewitz besucht sie dort als Anwalt. Und Manfred Rommel besorgt den Toten ein Grab. Ein Wiedersehen.

Norbert Thomma

StuttgartDa waren nun die drei Leichen aus Stammheim und mussten beerdigt werden. Manfred Rommel wusste von Leuten, die „die toten Terroristen am liebsten in den Neckar geworfen hätten“. Und Horst Bubeck erinnert sich an Sätze wie: „Schmeißt sie auf die Müllverbrennung.“

Herbst 1977.

Die Stimmung jener Tage lässt sich ein wenig im Archiv der Stuttgarter Lokalblätter studieren, Rubrik Leserbriefe. „Diese Verbrecher haben gar keine menschliche Behandlung verdient, selbst als Tote nicht.“ Ein anderer schrieb: „Jeder Terrorist muss wissen, dass ihn nichts anderes erwartet als der Strick.“ Vorherrschend waren auch Angst und Gewissheit, „dass das dreifache Terroristengrab eine Pilgerstätte wird“. Denn Oberbürgermeister Rommel hatte ganz allein entschieden, die RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe dürften in seiner Stadt die letzte Ruhe finden; er hatte sich dem „Sturm der Empörung“ entgegengestemmt, den der Chefredakteur der „Stuttgarter Nachrichten“ brausen hörte.

Jeder erlebt Geschichte mit einem eigenen Blick, wie ist das also gewesen seinerzeit, Herr Rommel?

Er hat auch heute noch diesen Schalk im Gesicht, für den er als OB bekannt wurde, und erst einmal beeilt er sich zu sagen: „Ich war kein Held.“ Was habe er denn riskiert, genau besehen? Es sei einfach selbstverständlich, sich nicht zu rächen an den Toten, nicht zu hassen über das Grab hinaus. Was für eine unerträgliche Vorstellung für ihn, wochenlang die Leichen hin und her zu schieben, in bürokratischen Verordnungen zu blättern um die Fragen zu klären, wer muss sie nehmen, wo gehören sie hin?

Fast amüsiert wirkt Manfred Rommel, wenn er von den vielen hundert Zuschriften erzählt, „wüaschde Brief“, in denen er mit „Rindvieh“ noch milde tituliert war. Er hat dann drei Standardantworten formuliert und seiner Sekretärin gegeben. Natürlich war all das der Karriere eines Christdemokraten in Baden-Württemberg nicht sehr förderlich. Sein Wunsch, Ministerpräsident zu werden, erfüllte sich daher für Lothar Späth. Und? Hat er es deshalb bereut? „Des war mir wurscht.“

Das hört sich so leicht an, nach 25 Jahren. Doch da war ja auch der Weg zur Witwe von Hanns-Martin Schleyer hinter sich zu bringen. Rommel kannte die ortsansässige Familie, er mochte Schleyer, und er hatte dennoch die Entscheidung der Bonner Regierung gut geheißen, den entführten Arbeitgeberpräsidenten nicht gegen inhaftierte RAF-Mitglieder auszutauschen. Nun – Schleyer war inzwischen ermordet worden – wollte er von der Familie auch noch Verständnis dafür, die drei aus Stammheim in Stuttgarter Boden zu begraben; er habe es bekommen, meint er.

Seit bald einem halben Jahrhundert bewohnt Manfred Rommel, 73, im Stadtteil Sillenbuch ein einfaches Haus. Er zeigt in der Stube auf einen Haufen Spielzeug und brummt vergnügt „Enkel, Wohlstandsgesellschaft“. Er bewegt sich ein wenig tapsig, er hat Parkinson, aber er kämpft mit Humor und Zähigkeit. Am Wochenende hat er drei Reden gehalten, das zwingt zu klarer Aussprache, die die Krankheit ansonsten verwischt. Demnächst bringt er ein neues Buch heraus, Aphorismen, Sprüche. Er zittert kaum, nur mit Gläsern sei das ein Problem, sagt er, doch dieses Manko bekomme seiner Leber gut.

Die Pistole war schon entsichert

Wenn der Ex-OB versucht, die Atmosphäre jenes Deutschen Herbstes zu beschreiben, spricht er von „emotionalen Aufwallungen“. Je höher hinauf im gesellschaftlichen Rang, „desto narrischer“ hat er die Menschen erlebt. Die sahen den Staat in Gefahr, und er sah durch ihre Überreaktion der RAF nur neues Personal zufließen. Er will keine Namen nennen, warum denn, es soll auch da Frieden sein; vielleicht denkt er an die ehrbaren Bürger, die ernsthaft die Erschießung von Gefangenen als Geiseln erwogen.

Ein bisschen erinnere ihn die Situation an heute, sagt er, an die Konfrontation nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Es grausen ihn solche Aussagen wie, der Islam sei für die Demokratie untauglich. „Dümmer kann man nicht daherreden.“ Sein eigenes Gemüt seinerzeit, ist das noch präsent? Vernüftig und gelassen habe er sein wollen, nicht selbst diesem Freund-Feind-Denken aufsitzen.

Eine schwierige Gratwanderung ist das gewesen, und nicht immer war auch Rommel frei von diesen emotionalen Aufwallungen. Wie fiebrig die Spannung gewesen sein muss wird wohl am ehesten an der Geschichte mit der Pistole deutlich. Ein fast heiteres Kopfschütteln begleitet seine Worte, ganz so, als könne er sein damaliges Verhalten noch immer nicht ganz fassen: Hanns-Martin Schleyer war am 5. September von der RAF entführt worden, Fahrer und drei Polizisten mit 112 Schüssen ermordet; und Rommel steckte sich künftig eine Waffe in die Tasche.

Es war auf dem Nachhauseweg, als er den anderen Wagen im Rückspiegel entdeckte. Er bog rechts ab, bog links ab, die beiden Männer folgten stets seinem postgelben VW 1600. Er hielt vor seinem Garten, nahm die Walther Kaliber 6,35, entsicherte die Pistole und lud durch. „Eine dumme Bewegung von denen, und ich hätte geschossen.“ Es waren Zivilpolizisten, wie sich herausstellte; jemand hatte vergessen, dem Oberbürgermeister seinen Personenschutz anzukündigen. Und Rommel ließ die Waffe künftig zu Hause, so „erschrocken“ sei er über sich gewesen.

Jeder erlebt Geschichte mit einem eigenen Blick, wie haben Sie diese Zeit denn empfunden, Herr Chotjewitz?

Hysterisch, sagt der Schriftsteller und Jurist, „und die Hysterie war ja auch berechtigt“. Peter O. Chotjewitz ist der Wahlverteidiger von Andreas Baader gewesen und sein Nachlassverwalter. Er kannte die erste Generation der RAF, Rote Armee Fraktion, noch aus frühen Berliner Tagen. Die Ensslin habe ihn angesprochen wie andere Schriftsteller auch, ob er Wahlkampf mitmache für Willy Brandt. Dem Baader sei man zwangsläufig begegnet, auf Feten, auf Ausstellungen.

Die beiden haben ihn ’69 auf der Flucht in Italien besucht, als er dort lebte; man ist zusammen zu den alten Partisanen in die Berge gefahren. Und er hat Baader im Gefängnis besucht, als er wieder nach Deutschland kam, zuerst bei Frankfurt, dann in Stammheim, immer Zigarettentabak dabei, „Drum“ rauchte der. Und er habe, sagt er lachend, den bewaffneten Kampf der RAF stets für eine „Schnapsidee“ gehalten. Chotjewitz war wohl, was man damals einen „Sympathisanten“ nannte (einen Begriff, den Manfred Rommel nie mochte). Er hat früh einen Roman geschrieben über den Deutschen Herbst im Jahr ’77, „Die Männer des Morgengrauens“, angelehnt an Kafkas „Prozess“, ebenso viele Kapitel wie dort, am Ende auch mit fragmentarischen Notizen. Das Buch sollte ursprünglich bei Bertelsmann erscheinen, und wurde abgelehnt aus Sorge, es könne als Werbung für einen kriminelle Vereinigung ausgelegt werden.

Die Hauptfigur im Roman heißt Fritz Buchonia und lebt in einem Dorf. Der Mann schläft schlecht und schwitzt, er hat Alpträume und sieht Panzerwagen aufs Haus zurollen, sieht Uniformen und schwere Waffen, er wird verhaftet und ausgespäht, verhört und abgehört, durchsucht und verdächtigt, und wenn er in einen Laden geht, schaut er sich um und hört die Leute Gerüchte verbreiten. Ist der nicht… „paranoid“, ergänzt Chotjewitz und lacht, „ja, das ist autobiographisch, so bin ich bis heute.“

Wenn er lacht und die Arme verschränkt, was er häufig tut, wackelt das Bäuchlein unterm schwarzen Polohemd. Er ist 69 Jahre alt und faltenlos agil, ein Kind übt Geige, der junge Hund trägt eine Plüschente spazieren, viele Bücher und viel Malerei geben dem Altbau bürgerliche Behaglichkeit, eine bessere Stuttgarter Wohngegend. Ab und an schaut der Chotjewitz aus dem Fenster auf eine hohe Tanne, als suche er etwas, während es langsam dunkel wird. Er sagt, er sei immer „ein einfacher linker Spinner“ gewesen.

Sie hätten mal hören sollen, sagt er, wie die Hubschrauber über dem Friedhof Dornhalden knatterten während der Beerdigung. Und zuhause in meinem Dorf standen am Ortsausgang Autos mit unbekannten Männern drin. Sie hätten mal nach Stammheim gehen müssen, sagt er, berittene Polizei, Panzerwagen, Tore, Kontrollen an intimen Stellen, Netze gegen Bomben und Hubschrauberattacken, sicherer als Fort Knox war das. Und der Horst Herold vom Bundeskriminalamt hat doch von allem und jedem Daten gesammelt wie verrückt, Fotos, Tonbänder; jeder Freund konnte ein Spitzel sein. Es war ein merkwürdiges Gefühl, sagt er, wenn an der Grenze der Beamte in die Papiere guckt und sagt: „Ach Sie, ich dachte, Sie sind in Rom?“

Es ist ein wenig verwirrend, Herrn Chotjewitz zu folgen. Er hüpft durch Raum und Zeit, von Fiktion und zu Fakten. Er hat als Anwalt die Trennscheibe bei Gesprächen im Gefängnis kommen sehen, die totale Kontaktsperre, die Rasterfahndung – alles bis heute gültig. Aber war Baader wirklich bis zuletzt davon überzeugt, draußen würde es eine Revolution geben? Und wie sehr glaubte er, im Gefängnis umgebracht zu werden? Es ist vielleicht egal. Der Schriftsteller erzählt das alles wie einen lustigen Film, den er vor langer Zeit einmal gesehen hat.

Der kleine Beamte

Jeder erlebt Geschichte mit einem eigenen Blick, und wenn Horst Bubeck darüber nachdenkt, wie er sich gefühlt hat in jenen Tagen, dann sagt er endlich: „Von allen verlassen.“

Amtsinspektor Bubeck, anno ’77 stellvertretender Vollzugsdienstleister im Gefängnis Stammheim, Besoldungsgruppe A9, zuständig für den siebten Stock mit den RAF-Häftlingen. Würde er seine damalige Situation in einem Diagramm aufzeichnen, es könnte so aussehen: In der Mitte ein Kästchen mit dem Namen Bubeck, und außen herum Kreise, die mit Pfeilen auf ihn zielen – Anwälte, Landeskriminalamt (LKA), Politik, Presse, Gefangene.

Die Anwälte, beispielsweise. Haben die nicht den Rechtsstaat lächerlich gemacht mit ihren Anträgen und Schmähungen; vom „Stuttgarter Landrecht“ hat doch der Schily geredet. Na schön, sagt Herr Bubeck vorsichtig, jeder könne sich ändern über die Jahre. Aber dass die jetzt Minister sein müssen, Abgeordnete, Staatssekretäre in Berlin, in Brüssel und sonstwo, muss das denn sein?

Die Presse, auch nicht besser. Für die einen war er ein Folterer, ein Mörder. Und die Politiker hätten nicht widersprochen, weil ihnen der Ruf vom harten Staat gerade recht war. Jeden Tag durfte er Worte lesen wie Hochsicherheitstrakt und Isolationshaft. Und was er zu sagen gehabt hätte, das wollte niemand hören: Dass bei den RAF-Gefangenen in Stammheim die vier Männer und Frauen zusammen waren, einmalig im Strafvollzug; dass sie Fernseher hatten, Musik, Regale voller Bücher. Was wäre wohl los gewesen, wenn die anderen Knastbrüder von diesen Privilegien gehört hätten? Und die von der „Bild“-Zeitung haben einfach von „Sekt und Kaviar“ geschrieben, auch wenn es für das RAF-Quartett nur Spinat und Eier zu essen gab.

Es ist nicht so, dass Bubeck sich beklagen würde. Er will ja nur in aller Ruhe erklären wie es war, als „kleiner Beamter“ so zwischen allen Stühlen zu sitzen. Er ist längst Pensionär mit seinen 69 Jahren, schaut vom siebten Stock eines Wohnblocks auf den Neckar, der durch buntes Laub und Weinberge mäandert. Wenn sie ihn allzusehr aufwühlen, die alten Geschichten, dann reibt er die Hände. Er muss da nur an die Männer vom LKA denken, „für die waren wir die einfachen Jodler vom Knast“. Die Oberkriminaler wollten doch ernsthaft bei einer Durchsuchung der RAF-Zellen die Hühnereier aufschlagen, um den Inhalt auf Gefährliches zu kontrollieren. Und Bubeck und seine Kollegen hätten dann später den Zorn der Gefangenen aushalten dürfen.

Es war sowieso nicht einfach mit denen. Für sie war er mit seiner Uniform eine „Nazisau“, letztes Glied im „Schweinesystem“, wie er sagt. Ulrike Meinhof hat ihn gleich mal mit einem Tritt zwischen die Beine begrüßt, als sie im Frühjahr 1974 eingeliefert wurde. Beschimpfungen gehörten zur Tagesordnung. Und als besonders unangenehm hat Bubeck gespeichert, wie Andreas Baader ihn fragte: „Werden wir abgehört?“ Nein, war seine Antwort, und er habe sich geschämt für diese Lüge, die später aufflog. Was die eigentlich wollten? Er hat das nie richtig verstanden. Sieg im Volkskrieg, gegen Vietnam, das ging ja noch. Der ganze Rest war dem Beamten „chinesisches Kauderwelsch“, die Verlautbarungen in penetranter Kleinschreibung vor allem.

Was wäre, wenn sie noch lebten?

Bubecks Erinnerung bleibt lebendig, er hat sie in eine Truhe gesteckt, Eiche massiv. Hier finden sich fein sortiert Zeitungen von damals und später, Briefe, Kopien, Fotos von den Zellen, Tonbänder. Wenn Christian Klar heute ein Fernseh-Interview gibt, er schaut es. Wenn Irmgard Möller etwas schreibt, er liest es. Und natürlich hat er gerade im „Stern“ gelesen, staatliche Stellen hätten von den Schusswaffen in den RAF-Zellen von Stammheim gewusst. Das darf nicht wahr sein, das will er nicht glauben! Er guckt seine Frau an und man spürt, wie die beiden das seit Tagen beschäftigt. „Wenn das stimmt, wäre das das größte Verbrechen.“ Dann hätte ihn sein Staat bei bewaffneten Terroristen ein- und ausgehen lassen, wochenlang.

Es werden ihm diese Gedanken immer mal wieder kommen. Er geht ja regelmäßig das Grab seiner Tante besuchen auf dem Dornhaldenfriedhof, ein paar Schritte nur liegt sie neben den Dreien. Manchmal steht Bubeck dann da und denkt sich, wie wohl alles gekommen wäre, wenn die RAF-Leute noch lebten? Und er denkt an Manfred Rommel und „dass der Recht behalten hat mit seiner Zivilcourage“.

Das Gemeinschaftsgrab ist nie ein Wallfahrtsort geworden. Immergrüne Büsche stehen da, seit letzter Woche ist frische Erde angeschüttet, jemand hat rote Rosen hingestellt und frische Herbstblumen, drei rote Windlichter brennen. Auf dem Granitstein stehen die Namen Baader, Ensslin und Raspe und das Datum ihres Todes, 18.Oktober 1977.

Einen Tag später, am 19.Oktober, hatten die RAF-Entführer ihr Opfer per Genickschuss liquidiert. Bei der Presse-Agentur dpa war der anonyme Anruf einer jungen Frau eingegangen: „Wir haben nach 43 Tagen Hanns-Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet.“

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