Zeitung Heute : Geschichte wird gemacht

Olympia 1936 spielt eine Rolle für eine neue Berliner Bewerbung – nicht nur im Gedenken an Opfer, sondern auch bei Fragen nach Tätern im Sport

Ringen um die Ringe. Die Insignien der von den Nazis mithilfe des Sports missbrauchten Spiele prägen immer noch das Bild des Stadions. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Ringen um die Ringe. Die Insignien der von den Nazis mithilfe des Sports missbrauchten Spiele prägen immer noch das Bild des...

In diesen Tagen treffen sich in der Stadt Vergangenheit und Zukunft der Olympischen Spiele. Vor 75 Jahren begannen die Spiele 1936, die als Propagandawettkämpfe der Nationalsozialisten in die olympische Geschichte eingingen. Gleichzeitig herrscht gerade bei fast allen politischen Parteien des Abgeordnetenhauses Einigkeit darüber, noch einmal Anlauf zu nehmen für eine neue Olympiabewerbung, möglicherweise für 2024. Das belastete Erbe wird dabei sicher auch eine Rolle spielen.

Als vor zwei Jahren die Weltmeisterschaften der Leichtathleten im Olympiastadion stattfanden, begleitete auch schon Geschichte die Veranstaltung. Es waren schließlich die größten Leichtathletik-Wettkämpfe in Berlin seit Olympia 1936. Die Ausstellung „Vergessene Rekorde“ im Centrum Judaicum erinnerte an jüdische Leichtathletinnen, denen die Nazis den Sport verboten und sie wie die Hochspringerin Gretel Bergmann um die Olympiateilnahme betrogen. Die Weltrekordlerin Lilli Henoch wurde 1942 sogar ermordet.

Olympische Spiele würden noch einmal mehr Aufmerksamkeit und einen größeren Rahmen bieten als eine Leichtathletik-WM. „Man muss sich fragen: Sind die Nazis ein PR-Problem? Oder sind sie nicht eher ein moralisches Problem?“, sagt der Schweizer Historiker Daniel Wildmann zur Rolle der Vergangenheit in einer möglichen neuen Bewerbung. Wildmann hat zu den Spielen von 1936 geforscht und ist stellvertretender Direktor des Londoner Leo-Baeck-Instituts. „Es kann sehr einfach sein, über Opfer zu reden. So gibt es heute keine Konflikte mehr, wenn man über Opfer wie die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann redet und schreibt“, sagt Wildmann. „Die Beschäftigung mit den Tätern aber ist für die deutsche Turn- und Sportbewegung schmerzhaft und konfliktreich, vor allem, wenn es um Kontinuitäten geht.“

Viele Sportorganisationen schlossen ihre jüdischen Mitglieder schon früh nach 1933 aus. Carl Diem, der Generalsekretär des Organisationskomitees der Spiele von 1936, schwor junge Soldaten noch wenige Wochen vor Kriegsende 1945 auf den Heldentod ein. Wildmann schlägt daher vor: „Man könnte etwa eine Doppelausstellung machen über jüdische Sportler und deutsche Sportfunktionäre zwischen 1933 und 1945. Da kommt man schnell auf die Werte, die dem Verhalten von Tätern zugrunde liegen. Sie haben ja auch an Werte geglaubt, die der Nationalsozialismus vertrat.“

Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) lieferte sich damals Hitler und seiner Inszenierung der Spiele aus. Das offensiv im Rahmen einer Bewerbung zu thematisieren, könnte die Chancen Berlins schon deutlich verringern. „Man muss dahin gucken, wo es weh tut, nur dann hat man eine Chance, ehrlich zu sein“, sagt Wildmann dazu, „wenn es für das IOC ein Problem sein sollte, wenn sich ein deutsche Bewerbung mit der Sportgeschichte kritisch befasst, muss man sich fragen, ob man überhaupt noch mit dem IOC zusammenarbeiten will.“

Dass aus dem Ausland wegen der Geschichte Bedenken gegen eine Berliner Bewerbung aufkommen könnten, glaubt Wildmann nicht. Auch nicht aus Großbritannien, wo Zeitungen jüngst sofort aufgriffen, dass Papst Benedikt XVI. seine Messe im September im „Nazi-Olympiastadion“ abhalten werde. „German Bashing ist Teil einer englischen Alltagskultur“, sagt Wildmann dazu. „Man muss unterscheiden zwischen den Schlagzeilen der Boulevardpresse und dem sehr entspannten Verhältnis zwischen England und Deutschland.“ Nur wenn sich eine englische Stadt gleichzeitig mit Berlin um Olympia bewerben würde, dann würde mit allen Mitteln gekämpft, auch mit dem Nazi-Thema. Doch das ist ausgeschlossen. London trägt im nächsten Jahr die Spiele aus.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!