Zeitung Heute : Geschichten aus dem fremden Land

RADIALSYSTEM Irm Hermann ruft in dem Projekt „Dem Weggehen zugewandt“ den Chor der Alten an.

SANDRA LUZINA
Foto: doris spiekermann-klaas TSP

Vielleicht wird dieses unbekannte Frühwerk noch mal entdeckt: 1987 drehte Irm Hermann mit Christoph Schlingensief das Fernsehspiel „Schafe in Wales“. Das war noch vor dem „Kettensägenmassaker“. Doch das ZDF pfuschte dem Regisseur in den Schnitt, der daraufhin seinen Namen zurückzog. „Damals habe ich die ersten Facetten von ihm kennengelernt“, sagt Irm Herrmann und lächelt. Die gebürtige Münchnerin hat bis zu seinem frühen Tod mit dem Berserker zusammengearbeitet, vor allem im Theater. „,Mea Culpa’ war sein reifstes Werk“, sagt Hermann. Und fügt leise hinzu: „Das ist wirklich schade, dass es ihn nicht mehr gibt.“

Rainer Werner Fassbinder und Christoph Schlingensief waren für Irm Hermann die wichtigsten Regisseure – Fassbinder hat sie entdeckt und aus ihre eine Schauspielerin gemacht. Es ist aber keineswegs so, dass Hermann nur von den guten alten Zeiten reden will. Doch sie wird häufig mit Fragen bestürmt, wie das denn war damals in den wilden Sechzigern. Diese Zeit des Aufbruchs hat sie ja auch geprägt: „Mit dem Establishment kann ich mich nicht anfreunden“, sagt sie. „Ich fühle mich immer wie eine Anarchistin. Ich mag einfach keine eingefahrenen Gleise.“

Wenn man Hermann fragt, welche Musik sie mit der Fassbinder-Zeit verbindet, antwortet sie sofort: „,La Traviata’ – und natürlich die Rolling Stones.“ Vom musikalischen Gedächtnis handelt auch die Produktion „Dem Weggehen zugewandt“, bei der sie zusammen mit fünf altgedienten Schauspielkollegen und einem 60-köpfigen Chor der Alten auf der Bühne steht. Das Musiktheaterprojekt, eine Zusammenarbeit von Union Universal und des Solistenensembles Kaleidoskop, ist im Juni in Berlin zu sehen.

Über eine gewisse Überredungskunst muss die Regisseurin Maria Ludewig schon verfügen, denn als Irm Hermann zusagte, hatte sie nur das Buch der fast 90-jährigen Autorin Ilse Helbig gelesen, die das Alter als „ein fremdes Land“ beschreibt. Hermann schlüpft in die Rolle der Wiener Autorin, sie ist die Chronistin der Abends. Die anderen Texte basieren auf Interviews, die mit alten Menschen in Seniorenheimen geführt wurden. Für die Komponistin Manuela Kerer, die auch über Demenz forscht, ist die Musik der Schlüssel zu verschütteten Erinnerungen. Sie verarbeitet in ihrem Werk Musikstücke, die mit den Biografien der alten Menschen verknüpft sind: Tanzlieder, Kinderlieder, Volkslieder, Radiosongs.

Drei ausverkaufte Vorstellungen auf Kampnagel hat Hermann gespielt – dort hat man den Senioren ein ganzes Festival gewidmet mit dem schönen Titel „Old School – Von den Alten lernen“. Es gab geteilte Meinungen über die Inszenierung. „Die einen sagen, dass hier das Elend des Alters vorgeführt wird“, erzählt Hermann. „Andere sind sehr berührt und heulen Rotz und Wasser. Vor allem jüngere, weil sie nicht so betroffen sind.“ Im Juni ist die Inszenierung im Radialsystem zu erleben.

Irm Hermann strahlt mit ihren 70 Jahren eine heitere Gelassenheit aus. Den freien Geist, die Neugier hat sie sich bewahrt. „Ich bin eigentlich nie müde geworden, auch als der sogenannte Erfolg kam“, sagt sie. „Dieser Beruf ist für mich immer ein Drahtseilakt. Für mich ist jede Aufgabe existenziell. Ich versuche, jede Rolle möglichst wahrhaftig zu gestalten.“

Wenn man sie fragt, ob sie sich immer neue Herausforderungen sucht, erwidert sie kategorisch: „Ich suche gar nichts. Ich glaube da einfach an Schicksal. Wenn es sein soll, dass es für mich eine Aufgabe gibt, dann ruft jemand an.“ Irm Hermann ist ein spiritueller Mensch, daher rührt auch ihre Zuversicht. „Es kommt nicht drauf an, Güter und Ruhm anzuhäufen“, sagt sie zum Schluss. „Das Wesentliche ist, Mensch zu bleiben und Liebe zu haben für andere.“ SANDRA LUZINA

Premiere 28.6., 20 Uhr

Auch 29. und 30.6.

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