Zeitung Heute : Geschichten vom Verschwinden

Schulen ohne Kinder, geschlossene Arztpraxen – Orten, aus denen die Menschen weggehen, sieht man das an. Man kann es sogar riechen

Antje Sirleschtov[Leopoldshagen]

Erst blieben die Spalten in dem Buch leer, in dem sie jedes Jahr sauber notierte, wer im kommenden Herbst ihre Schule besuchen wird. Und dann die Stühlchen, die in den Räumen der ersten Klasse. Still und stiller wurde es auf dem Hof und in den Gängen der Schule. Irgendwann war Rosemarie Casties, 58, klar: Das ist nichts Vorübergehendes, das ist endgültig. Sie lief zum Bürgermeister. „Bürgermeister“, sagte sie, „Bürgermeister, wir müssen was tun, es kommen keine Kinder mehr.“ 800 Einwohner, 400 Rentner und nicht mal ein Dutzend Zuckertüten im letzten Jahr. Leopoldshagen stirbt aus.

Dass es zu Ende gehen wird – die Schuldirektorin Rosemarie Casties war wohl die Erste, der es dämmerte. Schon damals, im Frühling 2001. Der schmerzhafte Weg von den ersten Symptomen bis zur Erkenntnis dauert bis heute an.

Demografie heißt die Wissenschaft, die sich mit dem Phänomen beschäftigt, das ganzen Regionen in einem jahrzehntelangen Prozess die Bevölkerung raubt. Nicht nur hier zwischen Anklam und Pasewalk im Nordosten der Republik. Auch in Brandenburg, in Sachsen-Anhalt und in der Lausitz. Und auch im Westen, in Gelsenkirchen, Cuxhaven, im Saarland und Teilen Niedersachsens merken sie es schon. Wo heute immer weniger Kinder geboren werden, wird es morgen immer weniger Eltern geben. Nur die Alten bleiben. Ein Urgesetz der Natur, das sich leise in unsere Gesellschaft eingeschlichen hat. Dessen Auswirkungen man schon heute besichtigen kann, keine 100 Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt.

Seit Jahren läuft der Bevölkerungswissenschaftler Reiner Klingholz durchs Land und erforscht die Entwicklung solch aussterbender Regionen. Zahlen über Zahlen trägt Klingholz zusammen und reiht sie sorgfältig in Diagrammen auf. Geburtenstatistik, Wanderungsbewegungen, Intelligenzquotienten, Geschlechtsparameter. „Die meisten haben noch gar nicht kapiert, was los ist“, deutet Klingholz die finsteren Mienen der Lokalpolitiker, vor denen er seine Erkenntnisse ausbreitet. Wie sollten sie auch. Klingholz’ Daten sind leblos. Zahlen, denen man nicht ansieht, was für Schicksale dahinter stehen. Und, was noch schlimmer ist, die Zahlen des Schrumpfens stehen im Widerspruch zum Lebensgefühl der deutschen Gesellschaft. Wachstum und Wohlstand für alle – überall – das ist die jahrzehntealte Maxime des ganzen Landes. Bis heute speisen sich Staatsausgaben, Wirtschaftsleben und die ganze gesellschaftliche Realität daraus. Wie soll man da Landräten und Bürgermeistern erklären, dass sie nun den umgekehrten Weg gehen müssen?

Und so sieht sie aus, die Demografen-Mathematik: 44 000 Hundertjährige werden 2025 in Deutschland leben, 7000 sind es heute. Frauenmangel: Bis auf Berlin, Erfurt und Leipzig kommen in ganz Ostdeutschland auf 100 Männer im Schnitt weniger als 82 Frauen. Zwischen 50 000 und 100 000 zumeist junge Menschen gehen jährlich in westdeutsche Boomregionen. Mehr als 1,5 Millionen sind schon weg.

Man kann es riechen, das Schrumpfen der Regionen. Es stinkt. Letztes Jahr im Sommer, da zitierten die aufgeregten Bürger des kleinen Dörfchens Gehren, nördlich von Strasburg in der Uckermark, ihren Bürgermeister heran. Seit Wochen ziehe ein unerklärlicher Fäkalgestank durch die Straßen, woran das wohl liege? Ganz einfach: Gehrens Einwohner, überwiegend jenseits der 60, gehen nicht häufig genug auf die Toilette. Und weil die Kanalisation nun mal nicht für einen Ort gebaut wurde, aus dem sich die Bevölkerung langsam verabschiedet, fließt nicht genug Abwasser durch die Rohre. Was nicht flüssig ist, bleibt liegen und stinkt. Die Alten wurden aufgefordert, häufiger zu spülen.

Noch so ein Beispiel: Eines Morgens in der Altmark in Sachsen-Anhalt, da blieb den Leuten das Frühstück plötzlich im Halse stecken. Per Radiodurchsage wurde Anfang September 2005 über Folgendes informiert: Kolibakterien im Trinkwasser. Übelkeit und Durchfall für jeden, der beim Duschen einen Schluck aus der Leitung nimmt.

„Nichts Besonderes“, sagt Johannes Kempmann, Chef der Magdeburger Stadtwerke. „Wo immer weniger Leute leben, steht das Trinkwasser manchmal 15 Tage in den Leitungen, bei 18 Grad.“

Voriges Jahr haben Kempmann und seine Kollegen in Halle, Dessau und Stendal einen Notfallplan gemacht. Weil ihnen die Bevölkerungswissenschaftler vorrechnen, dass sich ihre Kundenzahl in den nächsten 20 Jahren halbieren wird. Wer seit 1990 in den Westen gezogen ist, wird hier keine Kinder mehr bekommen. In fünf oder zehn Jahren wird Ostdeutschland einen Geburtenknick erleben, der den Zusammenbruch gleich nach der Wende noch in den Schatten stellen wird. Und was heißt das für Wasserrohre, Stromleitungen, Straßen? „Wir müssen das Netz zurückbauen“, sagt Kempmann. „Jetzt.“ Schon jetzt drehen die Wasserwerker im Sommer mancherorts die Hydranten auf, um Abwasserrohre zu spülen. Trinkwasser, teuer biologisch gereinigt, damit die Kanalisation nicht verstopft.

In der Raiffeisenbank in Strasburg in der Uckermark sitzt an seinem Schreibtisch ein Sonderling. Lutz Zimmermann heißt er, ist 36 Jahre alt, gut ausgebildet und nett anzusehen in seinem weißen Hemd und mit dem sauber gescheitelten Haar. Es ist mittags um zwölf und Zimmermann weist aus dem Fenster. Da haben es sich gerade drei junge Frauen auf Plastikstühlen vor der Wirtschaft „Zur Lindenwirtin“ mit Pommes, Bier und ihren Kinderwagen gemütlich gemacht. Lila- schwarz gefärbt das Haar, Tarnhosen, Kippe im Mund. „Wenn da nicht die Banklehre gewesen wäre“, sagt Zimmermann leise, wer weiß, ob er nicht auch fort wäre. Wie so viele aus seiner Schulklasse und immer mehr aus den Klassen, die nach ihm abgeschlossen haben.

Zimmermann ist hier geblieben, auch wenn es nicht so aussieht in Strasburg, als ob der Banker in den nächsten Jahren mal etwas Spannendes oder Teures zu finanzieren haben wird. „Hartz IV“, sagt Zimmermann zur Erläuterung, und wie er das sagt, klingt es nach einer puren Selbstverständlichkeit. Ein einziges Häuschen hat der Immobilien-Verantwortliche Zimmermann letztes Jahr finanziert. Eins von fünf in ganz Strasburg. So viel Eigenheim-Neubau hat sich der 7000-Einwohner-Ort pro Jahr vorgenommen. 2005 blieben sie zum ersten Mal unter Plan. Wo sind die Menschen alle hin? „Dortmund oder Bremen.“ Darf man sagen, dass die Flucht neuerdings sogar noch leichter ist, seit Strasburg an der neu gebauten A 20 eine eigene Abfahrt hat?

Man darf nicht, zumindest, wenn es nach Norbert Raulin geht, dem Bürgermeister. „Ich hab keine Lust“, brüllt Raulin ins Telefon seine Sorge darüber heraus, dass wieder einer aus Berlin oder Hamburg vorbeikommt und sie sich ansieht, die vergessenen Eltern in vergilbten Trainingshosen, die vormittags angetrunken und mit wirrem Haar auf dem Marktplatz herumsitzen.

Nein, man kann sie nicht verstecken. Auch diese Menschen gehören zum Bild von Strasburg. Man darf nicht schweigen darüber. Schon allein wegen der Enkel Strasburgs im Kindergarten „Kunterbunte Kinderwelt“. Verfaulte Gebisse mit drei Jahren, Fettleibigkeit, noch bevor die Schule losgeht. Davon berichten hier die Erzieherinnen. Und es klingt beinahe erleichtert, wenn sie sagen: „Unsere eigenen Kinder sind alle nach dem Schulabschluss weggezogen.“ Und schauen Sie, die kleine Blonde auf dem Hof da drüben, die neuerdings Süßkram stopft. Seit ihr Papa nur noch selten nach Hause kommt, weil er endlich Arbeit fand. In Holland.

Hat Bürgermeister Raulin etwas falsch gemacht, oder sein Kollege Werner Hackbarth aus Leopoldshagen? Oder Arnim Beduhn, der Beigeordnete des Landkreises Uecker-Randow? „Schreiben Sie etwas, das unserem Image gut tut“, bittet er, „wir leben gerne hier.“ Alle drei Lokalpolitiker waren 1990 so um die 35 und sind mutig ans Werk gegangen. Raulin, sozialdemokratischer Machertyp mit aufgekrempelten Ärmeln. Hackbarth, der PDS-Mann der ohne Furcht auch Jugendliche zur Ortsfeuerwehr holt („Na ja, nicht ganz legal, aber sonst reichen die Leute nicht“). Und Beduhn, christdemokratischer Ex-Tierarzt, der rüber nach Stettin fährt und polnischen Studenten billige Wohnungen im Landkreis anbietet, damit die Einwohnerstatistik nicht ganz so schlecht aussieht.

Alle drei haben Straßen saniert, Gewerbegebiete errichtet, Fördergeld besorgt und Beschäftigungsgesellschaften gegründet. Sogar ein Forschungszentrum für Luftfahrt wurde in Strasburg gebaut. Und vieles scheint auch gelungen: Malerisch die Rapsfelder, wunderschön der Blick hinaus aufs Stettiner Haff und überall sauber gepflasterte Gehwege zum Spazieren.

Aber wie lebt es sich hier, wenn all die Anstrengung und das ganze Geld darauf gerichtet sind, dass es morgen, dass es irgendwann einmal besser wird? Und bis dahin eine Hiobsbotschaft die andere jagt? Erst zieht sich die Bundeswehr zurück, dann der Zoll. Nun wird in der Landeshauptstadt über Reformen nachgedacht, die den fernen Landkreis wohl weitere öffentliche Einrichtungen und damit Jobs kosten werden. 60 Minuten, hat das Bildungsministerium in Schwerin festgelegt, sind für Sechsjährige ein zumutbarer Schulweg. Zentralisierung wegen Knappheit, an Menschen und Geld, das ist jetzt die Losung der großen Politik. Vielleicht noch sechs Jahre, dann werden sie auch die Berufsschule im nahe gelegenen Eggesin zumachen. Wegen der Mindestschülerzahl, so steht es im Landesschulgesetz.

„Ihr müsst euch entscheiden“, sagt Marina Raulin, die Frau des Bürgermeisters in Strasburg, zu den Jugendlichen, die sie im Auftrag des Arbeitsamtes bei der Lehrstellensuche betreut. Entweder Geld verdienen in Dortmund oder Bremen oder „bescheiden leben“. Letzteres bedeutet 450 Euro Netto im Monat. Raulin kennt keinen, der am Anfang mehr verdient.

Raulin, im Hauptberuf Beraterin für Unternehmen hier in der Region, sagt: Die meisten gewerblichen Arbeitnehmer verdienen so wenig, dass ihnen Hartz-IV-Zuschüsse zustehen. Und PDS-Mann Hackbarth fordert, die Medizin-Absolventen aus Berlin gleich nach dem Studium in abgelegene Landkreise zwangszuverpflichten. Heute siedeln die Landräte in ihrer Not polnische Mediziner an. Ein paar hundert Hausarzt-Praxen stehen hier im Norden bald leer. Wegen Rente geschlossen.

Man glaubt den Regionalforschern der Universität Greifswald aufs Wort, wenn sie ein Szenario für das Jahr 2025 entwerfen und vom „passiven Sanieren“ reden. Sie haben es auf einer „Entwicklungstagung“ den örtlichen Würdenträgern vor ein paar Wochen vorgestellt: kaum sanierte Straßen, nur noch rudimentärer Busverkehr, „Wüstungen“ dort, wo heute noch Dörfer sind.

Es gibt vieles, das man tun kann, um den Menschen in solchen Teilen Deutschlands das Dasein – um die „Wüstungen“ herum – angenehm zu machen. Eine „Wildtierstiftung“ lädt neuerdings Schulklassen zum Abenteuerurlaub ein. Hirsche beobachten und Fischadler, die es hier wieder gibt. Bürgermeister Raulin bietet in schönen Lagen Bauland an – für Großstädter, die ihren Lebensabend in der Idylle verbringen wollen.

Und Rosemarie Casties hat eine der ganz wenigen „Kleinen Schulen auf dem Land“ gegründet. 8 oder 15 Kindern, je nach Klassenstufe, bringt sie Lesen, Schreiben und Rechnen bei, teils getrennt, teils allen zusammen. Kein Leopoldshagener Sprössling soll schon morgens eine Stunde in Bussen zur Schule fahren müssen, sagt sie. Und vielleicht auch weil sie hinter der Turnhalle noch immer riesige Abwasserrohre verlegen, um das Dorf an das 20 Kilometer entfernte Netz in Eggesin anzuschließen: Die Schuldirektorin steht am Fenster, draußen im Hof halten zwei Elfjährige Händchen, „die Hoffnung“, sagt Casties, „stirbt zuletzt“.

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