Geschichten von der Fremde : Ferienjob, ganzjährig

He, was kostet die Welt?, fragen ihn alle. Steffan Mitschke hat ein Reisebüro, und seine Kunden wollen fort. Seine Aufgabe ist es herauszufinden, was genau sie suchen.

Deike Diening
Pyramiden
Zum guten Schuss. Ein Mann am Ziel. -Foto: Superbild

Als der Deutsche Steffan Mitschke aus Ostberlin in Afrika einige Gesetzmäßigkeiten der Fremde begriff, unter anderem die, dass man die Bonbons aus dem Auto nach hinten werfen muss, sonst wird der Pulk der Kinder vor der Motorhaube undurchdringlich, da wurde es selbst ihm zu viel. Er hatte das Gefühl, zu viel gesehen zu haben. Die Armut schlug ihm aufs Gemüt. Nein, sagt er, das war nichts mehr für mich.

Die Fremde ist ein großes, wildes Tier. Und Steffan Mitschke ihr Dompteur. Er trägt Outdoor-Hosen und feste Schuhe und sitzt auf einem Drehstuhl in seinem Reisebüro, exotisch, aber gezähmt schillert die Fremde in einiger Entfernung, hier liegt nur noch der Preis zwischen ihr und den Kunden. Die Fremde ist das Unbekannte und zugleich ein riesiger Markt mit 63,5 Milliarden Euro Jahresumsatz in Deutschland, hier kann man sie buchen, last minute oder mit Frühbucherrabatt, nachher kann man reklamieren. Und so regelmäßig gibt sie dafür Anlass, dass das Frankfurter Landgericht eine Tabelle mit Empfehlungen entwickelt hat: 5 bis 10 Prozent Minderung bei fehlendem Meerblick, 10 bis 40 bei Lärm in der Nacht und 10 bis 50 bei Ungeziefer.

Der Inhaber des Reisebüros „Prenzlauer 200“ nimmt gerne Pakete an für die Leute im Haus: „Jeder Gang ins Reisebüro trainiert den Gang ins Reisebüro.“ Denn der Parketthandel ist ausgesetzt, seit es das Internet gibt. Und deshalb ist es jetzt nicht mehr so, dass ständig Leute hereinschneien, die sich zu Bürozeiten mal eben bei Mitschke, 43, den Mund wässrig machen lassen wollen. Die Laufkundschaft schreibt E-Mails und denkt bei Sonnenschein gar nicht daran, den Urlaub zu planen. So ein richtig durchwachsener Tag dagegen, der bringt die Leute auf Ideen und Mitschke vielleicht 10 000 Euro Umsatz. Zwei Flüge nach Malle, eine Busfahrt nach Celle hat er heute schon verkauft, alles, was an einer Reise überhaupt käuflich zu haben ist, hat er im Angebot.

Und während sich draußen die Sonne geschäftsfördernd versteckt, lässt sich der griechische Koch von nebenan vor dem Schreibtisch nieder. Seine Kinder aus der Heimat kommen ihn besuchen, und er bucht für alle vier Plätze in den Heidepark Soltau. „Wie ist Tropical Island?“, will er noch wissen, und Mitschke sagt ehrlich, dass man da eigentlich nur rutschen kann und dafür die ganze Sache sehr teuer ist. Aber wie wäre es mit einer Draisinenfahrt, das macht auch Spaß. Der Koch verzieht das Gesicht. Draußen ist der Junge in Griechenland schließlich immer. Aber da fällt ihm noch ein, dass er mit ihm ins Olympiastadion gehen könnte, „in Griechenland sind die Stadien immer so klein“. Er jubelt, als es noch Karten gibt. „Vater und Sohn, ohne die Mutter.“

Alle wollen immer das, was sie zu Hause nicht haben.

Ich habe einen guten Beruf, sagt Mitschke, denn er verkauft etwas, auf das die Leute fiebern. Er verkauft Vorfreude, die später zu Erinnerungen gerinnt und am Ende von der eigenen Biografie nicht mehr zu trennen ist.

Doch immer öfter sitzt an seinem Tisch der flexible Mensch. Der Gebeutelte ist in ungünstige Reisetermine gequetscht, mit irrigen Vorstellungen von Schnäppchenflügen belastet, finanziell auf dem letzten Loch und sichtbar urlaubsreif. Mitschke erkennt an seiner Körperhaltung, ob er Geld ausgeben will oder nicht. Der nach innen Gekehrte, sich auf seinen Stuhl zurückziehende fragt nach dem Preis. Der andere fragt auch nach dem Preis, aber erst später. He, Mitschke, was kostet die Welt?, fragen sie alle. Aber es soll niemand anders hören. Sie sagen es leise. Es klingt nicht mehr verwegen.

Die Vorstellungen von einem Urlaub, sagt Mitschke, werden präziser. Der Anteil der Fremde in einem Urlaub also wird kleiner. Soll ich Ihnen sagen, was ich wirklich vermisse? Den Kunden, der hereinkommt und sagt: Ich will verreisen!

Der Kunde schickt eine E-Mail, und darin steht dann An- und Abreise Sonntag, Ostsee, zwei Zimmer, eines davon rollstuhlfähig, sieben Übernachtungen. Da ist jetzt nicht mehr viel Fantasie drin. Und es gebe immer Leute, die sagen: 500 Euro, egal wohin, und für meine Kinder mit Ermäßigung. Die wollen eigentlich nirgendwo hin, die wollen nur weg.

Der jugendfrische Steffan Mitschke hatte im Jugendgästehaus am Berliner Tierpark als DJ Schallplatten aufgelegt, für die internationalen Gäste, nicht für die aus dem Rest der DDR. Nach der Wende, als die Fremde direkt hinter der Mauer begann, ging Mitschke für einige Wochen in ein Reisebüro nach Schöneberg und lernte, was er von Tuten und Blasen wissen musste. Lernte Hauptstädte, Flughafenkürzel, Reservierungssysteme und die Kunden kennen, die weg wollten. Auch die Kunden, die eigentlich zu Hause bleiben wollten, nur mit Sonne. Er lernte, wie man in ihnen allen die Lust weckt.

Bald saß Mitschke in diesem Ladenlokal an der Prenzlauer Allee, er teilte es sich einfach mit den Frauen, die schon vorher darin gearbeitet hatten und deren Geschäft es war, in Nylonstrumpfhosen Laufmaschen wieder aufzunehmen. Gemeinsam beheizten sie den Kohleofen, und das Geschäft befeuerten die Busreisen nach Paris. Denn als die Mauer fiel, wollten alle einmal nach Paris, wenn auch nur für ein paar Stunden. Im Prinzip reichte jetzt dafür eine Fahrkarte und eine intakte Nylonstrumpfhose. Die Leute rissen ihm die Kataloge bei Erscheinen aus den Händen, setzten sich daheim auf ihr Sofa, leckten den Zeigefinger an und blätterten um: die Welt, die Fremde. Meistens fuhr man samstags hinein und samstags wieder hinaus aus der Fremde, samstags hat die Fremde Anreisetag.

Mitschke machte auf Bali einen Tauchschein und nahm an einer Rallye in Kanada teil. Er kam zurück, und seine Begeisterung reichte auch noch für seine Kunden. Er veredelte die Fremde durch seine Empfehlung, er war dort, hat sie sich zu eigen gemacht, er saß dort als ihr Ombudsmann. Mitschke verkörperte all die Bodenständigkeit, die Träumen eben nicht eigen ist. Dafür erhält er Provision.

„Aber alle, die früher bei mir teure Reisen gebucht haben, sind woanders hingezogen.“ Als die Mieten anzogen in Prenzlauer Berg – mag sein, dass den Leuten das Zuhause wichtiger wurde als die Welt –, haben sie sich gedacht, für 900 Euro im Monat kann ich doch auch ein Haus finanzieren. Und das haben sie gemacht. Aber weil Prenzlauer Berg ein aufstrebender Stadtteil Berlins ist, kam bald frisches Geld aus dem Westen von Leuten, die Paris alle schon kannten.

Und da sitzt schon eine Stammkundin, die eine Flusskreuzfahrt bucht in Vietnam und Kambodscha, Oktober 2009, Kabine Oberdeck. Sie würde gern die Verlängerungsoption Badeurlaub hinzuwählen – aber dann wird es ihr etwas teuer. Und was, fragt Mitschke, wenn Sie dafür in eine Kabine auf dem Hauptdeck gehen?

Mitschke versucht immer herauszufinden, wen er vor sich hat. Ob einer genau wissen muss, was ihn erwartet. Wie viel Fremde er verträgt. Ob einer sich überraschen lassen will. Dann sagt er ihnen die Wahrheit, dass man nämlich im Ghetto von Varadero von Kuba nichts sehen wird. Er gibt zu, wenn er selbst wo noch nicht war. Und er rügt seine Kunden, wenn sie sich Dinge angewöhnt haben, die er nicht gutheißen kann: Sie gucken nämlich bei Google-Earth, ob es am Strand Schatten für ihr Kind gibt. „Aber Google arbeitet mit alten Bildern!“

Wenn sie allzu viel schon kennen, wenn ihnen kaum noch etwas fremd ist, dann öffnet Mitschke seine Schublade, darin sind Angebote, die so nicht in den Katalogen stehen. Empfehlungen von Mitschke persönlich. Er hat viele Stammkunden, die umso lieber in die Fremde fahren, je mehr sie mit ihm bekannt werden.

Nur verreisen sie immer kurzfristiger. „Auch seelisch“ sei das kein guter Trend, wenn man nirgends in Ruhe ankommen kann. Die Zeit, das Fremde wirken zu lassen, schmilzt immer mehr zusammen. Die Menschen tun das nicht, weil sie so heiß auf Kurzurlaube sind, sagt Mitschke, sondern weil sie zu Hause verfügbar sein müssen. Weil vier Wochen Urlaub im Büro so unverfroren wirken.

An der Wand hängen Postkarten aus Zypern, Ohio und Island, weil seinen Kunden in der Fremde die Heimat in den Kopf kam, und mit der Heimat der Herr Mitschke, Prenzlauer Allee 200, 10405 Berlin. Und am Ende ist es den Kunden egal, dass die Kombination von EC-Karte, Starbucks, Nivea-Sonnencreme und schlechtem Englisch fast überall auf der Welt zu finden ist – vielleicht gerade deshalb, weil sich die Welt selbst überall ähnlicher sieht. Haben nicht auch gerade die Kataloge dazu geführt, dass nirgendwo mehr so recht die Fremde lauert? Kann man Hotels, die alle in ein gleich großes Rechteck gekästelt sind, überhaupt noch Fremde nennen?

Das, sagt Mitschke, hängt von dem jeweiligen Menschen ab, der reist. Was dem einen schon eine große Reise, ist dem anderen längst bekannt. Der Katalog kann über Jahre das Gleiche anbieten, und trotzdem waren noch nicht alle da. Es gibt keine objektiven Abenteuer, es gibt nur subjektive Abenteuer.

Und dann steht sein Freund Hannes in der Tür, und das ist wirklich eine Überraschung, denn Hannes ist vor über 20 Jahren nach Griechenland gezogen und war mehr als zehn Jahre nicht mehr in Berlin. Er ist schlaksig und gebräunt und wirkt ein bisschen verdattert, diese Stadt ist neuerdings so angemalt, draußen schnurrt die M 2 durchs Gleisbett, beinahe wäre er von einem Kinderwagen überfahren worden.

Und dann bekommt der Heimkehrer einen Kaffee, und einem selbst kommt die Idee, dass vielleicht jede Reise von Anfang an auf diesen Moment der Heimkehr ausgerichtet ist. Dass es von Anfang an darum geht, sich von sich selbst zu entfremden. Wenn einem dann die Proportionen der eigenen Wohnung wieder angenehm fremd erscheinen, irgendwie größer und verschoben. Wenn man nach Wochen mit Stäbchen entgeistert in die Besteckschublade guckt. Wenn einem das eigene Leben im Verhältnis zu allen möglichen Leben wie eine Kuriosität erscheint, mit ihren scheinbar zwingenden Gesetzmäßigkeiten, die doch nur zu Hause gelten.

Der Freund, der jetzt in Griechenland wohnt und nun an seinem Kaffee nippt, ist von Neukölln bis hierher gelaufen, um mehr zu sehen, von der Stadt, in der er so lange nicht mehr war. Ich habe sogar, sagt er und fasst sich an die Stirn, gesehen, wie ein Fahrradfahrer für einen anderen angehalten hat.

Dies ist der Auftakt einer Serie über Menschen, die es mit der Fremde zu tun bekommen. Sie wartet überall: im Urlaub, daheim, in Ehen und im Kopf. Die nächsten Teile erscheinen in loser Folge.

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