GESCHICHTE UND ROMANReinhard Jirgl liest aus „Die Stille“ : Staub und Schatten

Noemi HahnemannD

100 Fotografien und zwei Familien: eine aus Ostpreußen, eine aus der Niederlausitz. Die Aufnahmen bilden das Material, aus dem der Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl seinen Roman „Die Stille“ (Hanser) über die privaten und historischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts entwickelt: „In den Regen gesprochen, geflüstert. Staub u Schatten – welch Großeslärmen doch um die-Toten ist. Um die Lebenden Stille“.

Jirgls Roman ist wieder in der ihm eigenen Orthografie und Sprachgestalt gehalten, und wieder befasst er sich mit der deutschen Geschichte. So widmete er sich in „Die Unvollendeten“ der Vertreibung aus dem Sudetenland, und in „Abtrünnig“ zwei gescheiterten Existenzen in Ost und West. Man könnte fast behaupten, dass Reinhard Jirgl seine Figuren wie kein anderer lebender deutscher Schriftsteller in einem von Historie gesättigten epischen Raum ansiedelt. Wie viel stoffloser verfahren dagegen doch die meisten seiner Kollegen und Kolleginnen – wobei als Antwort auf den extremen Klein-Klein-Subjektivismus vieler junger Erzähler zwischen Michael Köhlmeier („Abendland“) und Emma Braslavsky („Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik“) dann doch einige den Gegenentwurf des großen Panoramas gesucht haben.

Grund genug für das Literarische Colloquium Berlin, nun eine Reihe über die Verträglichkeit von „Geschichte und Roman“ zu beginnen, deren erster Gast – im Gespräch mit Thomas Geiger – eben Reinhard Jirgl ist. Als Nächstes lesen Eleonora Hummel (25.8.) sowie Ursula Krechel und Uwe Timm (26.8.). Noemi Hahnemann

Literarisches Colloquium Berlin, Di 11.8., 20 Uhr, 6/4 €

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