Zeitung Heute : Geschichtsbewusstsein lässt sich nicht auf eine Fassade reduzieren

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Betrifft: „An Schlüter scheiden sich die Geister“ vom 4. Juli 2002

Uns alle bewegt die Frage, wie Berlins Mitte mit Anspruch, Augenmaß und Würde als ein die Gesellschaft inspirierender Raum zurückgewonnen werden kann. Dafür gibt es verschiedene Konzepte, die seit geraumer Zeit im akademischen Wettstreit stehen. Konzepte, die nicht nur das Erscheinungsbild der Hülle - also die Fassade - betreffen, sondern sich vielmehr mit dem Ort und seiner Bedeutung als Ganzes, dem Inhalt und der Nutzung des Gebäudes und nicht zuletzt mit seiner Finanzierbarkeit auseinander setzen. Bislang, und das hat auch die eingesetzte „Kommission Historische Mitte Berlin“ nicht vermocht, zeichnet sich kein goldener Weg ab, der alle Einwände zerstreuen und allen Wünschen gerecht werden könnte. Wie sollte er auch? Nun aber hat der Bundestag ein Votum beschlossen – ich frage mich, wozu!? Mich stört diese Tendenz, bestimmte Randbedingungen heute festzurren zu wollen, ohne überhaupt das Thema in seiner Vielschichtigkeit ergründet zu haben. Sicherlich ist viel Zeit mit scheinbarem Stillstand vergangen, die Bedeutung des Ortes erfordert es aber, dass die Debatte so lange offen gehalten wird, bis ein öffentlicher Diskurs über alle Facetten einer möglichen Lösung zum Abschluss gekommen ist.

Ihr Autor suggeriert eine Grundsatzentscheidung zwischen Geschichtsbewusstsein (Schlossattrappe!) und Geschichtslosigkeit (moderne Architektur). Das eine ist so falsch wie das andere. Geschichtsbewusstsein auf den Nachbau einer Fassade zu reduzieren, ist so arm, wie den Mut zu verweigern, nach hochrangigen zeitgenössischen Antworten zu suchen. Letztendlich sollen im Deutschen Bundestag doch nicht berufene Juroren eine mehr oder minder irreversible Weichenstellung sanktionieren, die uns zwar auf eine nostalgische Fassadentapete festlegt, uns damit weitere Zwänge schafft, in der Sache aber bestenfalls null weiterbringt.

Ole Arand (Architekt), Berlin

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