Zeitung Heute : Geschichtsdetektiv und Aufklärer

Der Historiker, Publizist und Rabbiner Andreas Nachama setzt sich seit Jahrzehnten für Toleranz ein

Carsten Wette

Es ist abendlich still an diesem Freitag im Zehlendorfer Hüttenweg. Von der Straße aus kaum zu sehen ist das Polizeiauto, das im Schutz einer Hecke dicht vor dem Haus mit der Nummer 46 parkt. Wer das Gebäude betritt, wird von Sicherheitsbeamten unauffällig gemustert. Nach ein paar Schritten öffnet sich ein Raum, den man hier nicht erwartet hätte – eine festlich beleuchtete Synagoge. Mit den Worten „Shabbat Schalom!“ – Sabbat des Friedens! – begrüßt die Besucher ein Mann, der großen Anteil daran hat, dass es dieses Stück jüdischen Lebens hier im Hüttenweg wieder gibt, und für den diese Synagoge seit 35 Jahren eine große Rolle spielt. Es ist Andreas Nachama, Rabbiner der Gemeinde, die in Anlehnung an jüdische Gottesdienstliturgie und den Standort „Sukkat Schalom“ heißt – Friedenshütte.

„Mein Vater fand, dass ein jüdischer Junge nicht Rabbiner werden sollte“, sagt Nachama und schmunzelt. Diese Bedenken waren fast unbegründet, denn als Andreas Nachama sich 1972 für ein Studium an der Freien Universität Berlin entschied, wollte er sich auf einen Beruf allein nicht festlegen – solches Schubladendenken lehnt der heute 57-Jährige für sich ab. Doch bei der Wahl der Fächer Judaistik und Geschichte hatte er Ziele vor Augen, die er in verschiedenen Funktionen bis heute verfolgt: Das Schicksal der Juden zwischen 1933 und 1945 aufzuhellen und mit einem konsequentem Eintreten für Toleranz dazu beizutragen, dass sich Unfassbares wie die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden und Schicksale wie die seiner Eltern nie wiederholen: Sein Vater wurde während des Zweiten Weltkriegs, nachdem er als griechischer Soldat gekämpft hatte, von den Nationalsozialisten ins Vernichtungslager Auschwitz verschleppt, kurz vor Kriegsende vom Lager Sachsenhausen aus auf einen der berüchtigten Todesmärsche gezwungen und erst von der Roten Armee befreit. Seine ebenfalls jüdische Mutter überlebte im Untergrund in Berlin.

„Am Friedrich-Meinecke-Institut wurden in den siebziger Jahren große Theorien zum Faschismus entwickelt“, erinnert er sich an seine Studienzeit, „das interessierte mich nicht.“ Sollte es nicht gerade in Berlin wichtig sein, sich wissenschaftlich auch damit zu befassen, von wem der Mord an den europäischen Juden geplant wurde und an welchen Orten? Wo stand das Reichssicherheitshauptamt, wo die Zentrale der Geheimen Staatspolizei? Einer, der diesen Fragen an der Freien Universität nachging, war Geschichtsprofessor Friedrich Zipfel. Er gehörte der Historischen Kommission des Landes Berlin an und ging den Dingen gern auf den Grund. Wie ein Detektiv beschäftigte er sich mit Fakten über die Vergangenheit: So holte er Gutachten zum Reichstagsbrand ein und vermaß das Gebäude. Andreas Nachama und seine Kommilitonen – mit einigen ist er bis heute befreundet – waren fasziniert von dieser Form der historischen Forschung. „Wir haben als Studenten keine Steine geworfen, sondern am Boden gekratzt. Was ich bei Zipfel gelernt habe, mache ich noch heute“, sagt Nachama.

Mit leuchtenden Augen erinnert er sich auch an hitzige Diskussionen in Seminaren. Deren Teilnehmer entgingen immer nur knapp einer Nikotinvergiftung – denn in den siebziger Jahren waren dort Zigaretten fast so wichtig wie Kugelschreiber. „Manchmal mussten wir um 23 Uhr aus der Rostlaube heraus und haben in irgendeiner Kneipe bis in die Morgenstunden weiter an einer Sache gefeilt“, sagt Nachama. Es war ein Studentenjob, der ihn 1973 zum ersten Mal in die Synagoge im Hüttenweg 46 führte: Sie war damals Teil des Chaplain Center der US-Streitkräfte in Berlin, und sein Vater Estrongo Nachama – inzwischen Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin – feierte dort Gottesdienste. Der 22-jährige Andreas Nachama arbeitete als Jewish Chaplain Assistant und unterrichtete die Kinder der mit ihm häufig gleichaltrigen Soldaten in Hebräisch und jüdischer Geschichte. „Die Arbeit war gut bezahlt – manchmal mit einer original amerikanischen Bluejeans“, sagt Nachama.

Als die US-Armee 1994 aus Berlin abzog, erwarb Andreas Nachama Toraschrank, Pulte und Menora der Synagoge. Fünf Jahre später – Nachama war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin – wurde das Gotteshaus wiedereröffnet. Auch ein anderer Studentenjob ebnete Andreas Nachama berufliche Perspektiven: Als Kabelträger für das ZDF knüpfte er Kontakte, die ihm in den folgenden Jahren als Hörfunk- und Fernsehjournalist zugute kamen. Bis heute ist er auch als Zeitungsjournalist und Publizist tätig.

An der Freien Universität arbeitete Nachama nach dem Magisterabschluss 1976 eng mit dem Historiker Winfried Schulze zusammen. Als dieser Ende der siebziger Jahre einen Ruf an die Bochumer Ruhr-Universität erhielt, wechselte Nachama mit. Doch er kehrte wenig später nach Berlin zurück, denn seine 1981 abgeschlossene Dissertation über die Umstände der Gründung des Staates Preußen wurde ohne eigenes Zutun zu einer Referenz in eigener Sache: Sein Doktorvater, Wolfgang Ribbe, der an der Freien Universität Brandenburgische Landesgeschichte lehrte, empfahl Nachama für die Gestaltung einer Ausstellung der Berliner Festspiele über Preußen. „Es klingt völlig verrückt, aber das ist bis heute die einzige Bewerbung, die ich geschrieben habe – wenn es überhaupt eine war“, sagt Nachama und lacht.

Zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 koordinierte Nachama die Öffentlichkeitsarbeit im Westteil der Stadt – und hob ein vielbeachtetes Projekt aus der Taufe: die Topographie des Terrors. Wie an der Freien Universität gelernt, suchten Andreas Nachama und seine Mitstreiter zwischen Prinz-Albrecht-Straße (der heutigen Niederkirchner Straße), Wilhelmstraße und Anhalter Straße akribisch nach Spuren der NS-Macht und verorteten die in Vergessenheit geratenen Schaltzentralen der Diktatur für die Nachwelt. „Wir brauchten alte Karten und viel Spürsinn“, sagt er. Auch ein gewisses Maß an Chuzpe half den Geschichtsdetektiven, denn ein Teil der untersuchten Gegend war als Sperrgebiet nur mit Passierschein zu erreichen.

Wegen des großen Erfolges wurde die eigentlich befristete Exposition zur Dauerausstellung – und Andreas Nachama avancierte 1994 zum geschäftsführenden Direktor der neu gegründeten Topographie-Stiftung. „Es war mir von Beginn an sehr wichtig, dass die Besucher die Topographie des Terrors als Ort des Lernens erfahren, die sie ohne gebeugtes Haupt verlassen können“, sagt Nachama. Nicht abfinden könne er sich allerdings damit, dass Judenfeindschaft in Deutschland wieder salonfähig werde. Zudem würden Teile der Gesellschaft vom Mord an den europäischen Juden und an anderen Bevölkerungsgruppen nichts mehr hören wollen. Um auch die dritte Generation nach 1945 und die Kinder von Migranten zu erreichen, die mit der deutschen Geschichte nur mittelbar zu tun hätten, müssten bei der Vermittlung von Zeitgeschichte neue Wege beschritten werden, sagt Nachama: „Geschichte muss unmittelbar begreifbar gemacht werden.“

Diese neuen Wege in der Vermittlung von Toleranz und der Lehren des Holocaust unterrichtet Andreas Nachama auch am Touro College in Berlin-Charlottenburg, der einzigen amerikanisch-jüdische Hochschule in Deutschland. Seit 2005 ist er dort Dekan des Fachbereichs Holocaust Studies und betreut den Masterstudiengang „Holocaust Communication and Tolerance“. „Am College können Juden und Nichtjuden miteinander studieren und sich aneinander reiben – genauso wie in den siebziger Jahren am Institut für Judaistik der Freien Universität“, sagt der Historiker. Kann es je wieder normales jüdisches Leben in Deutschland geben? Für Andreas Nachama ist der Zeitpunkt nicht abzusehen: „Wohl erst dann, wenn man solche Fragen nicht mehr stellen muss.“

Im Hüttenweg ist der abwechselnd auf Deutsch und Hebräisch gehaltene Gottesdienst beendet. Im hinteren Teil der Synagoge bricht Rabbiner Nachama mit den Gläubigen das Brot. Vor dem Gebäude schenkt sich ein Polizist ein Glas Wasser ein.

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