Zeitung Heute : Geschlagen, getreten, sexuell misshandelt

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Von Frank Jansen

Potsdam. Mit dem Geständnis eines der fünf Angeklagten hat am Potsdamer Landgericht der Prozess um den gewaltsamen Tod des Obdachlosen Dieter Manzke begonnen. Zuvor hatte Staatsanwalt Peter Petersen die Anklage verlesen. Darin wird den Angeklagten vorgeworfen, am Abend des 8.August 2001 in einem leer stehenden Bungalow in Dahlewitz das Opfer mehr als eine halbe Stunde lang geschlagen und getreten zu haben. Dem 61-jährigen Obdachlosen seien außerdem eine Zigarette im Gesicht ausgedrückt und die Barthaare angesengt worden. Einer der Angeklagten soll auch versucht haben, Manzke mit einem Stock sexuell zu misshandeln.

Laut Anklage schleiften die fünf Männer dann den Obdachlosen in ein Gebüsch, damit er nicht so schnell gefunden werden konnte. Manzke erlitt bei dem Überfall zahlreiche Verletzungen. Beide Augenhöhlen brachen, seine Rippen waren teilweise zersplittert. Nach kurzer Zeit verstarb der Obdachlose. Die Angeklagten hätten „grundlos eine auf Grund ihrer Lebensweise verachtete Person angegriffen“, sagte Staatsanwalt Petersen. Es sei ihr Ziel gewesen, den „Penner“ aus dem Bungalow zu vertreiben. Vier der fünf Angeklagten wird Mord vorgeworfen. Der mit 17 Jahren Jüngste aus der Clique muss sich wegen Totschlags verantworten.

Ralf W., Ronny R., Uwe R., Dirk B. und Dirk R. vernahmen die Anklageschrift mit gesenkten Köpfen. Später gestand Dirk R., er habe Manzke geschlagen und gegen den Oberkörper getreten. R. belastete auch einige der Mitangeklagten. Das Landgericht hat elf Verhandlungstage angesetzt.

Die Sicherheitsbehörden sind sich noch nicht im Klaren, ob sie den Fall Manzke als rechte Gewalttat werten sollen. Bislang hat das Landeskriminalamt darauf verzichtet, in der Jahresstatistik 2001 das Verbrechen an dem Obdachlosen in die Rubrik „Politisch motivierte Kriminalität“ aufzunehmen. Dort werden 86 rechte Gewaltdelikte aufgeführt. Polizei und Verfassungsschutz haben allerdings signalisiert, dass sie nach dem Urteil im Prozess gegen Manzkes Mörder ihre Meinung ändern könnten. Sollte das Landgericht zu der Auffassung gelangen, die Täter hätten aus einer sozialdarwinistischen Stimmung heraus den Obdachlosen als minderwertigen Menschen angesehen und deshalb attackiert, wäre auch für die Behörden eine Wertung als rechte Gewalttat nahe liegend.

In ihrer Anfang Oktober 2001 veröffentlichten Liste mit Todesopfern rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung hatten Tagesspiegel und „Frankfurter Rundschau“ den Fall Manzke als politisch motiviertes Verbrechen bezeichnet. Beide Blätter beriefen sich auf die reformierte Zählweise, die von den Innenministern des Bundes und der Länder im letzten Jahr eingeführt worden war. Im Gegensatz zu den früheren, engen Extremismuskriterien gelten jetzt auch Delikte als politisch motiviert, die unterhalb der Schwelle zum Angriff auf die demokratische Grundordnung bleiben. So heißt es in dem Grundsatzpapier einer Expertenkommission der Polizei, „der Angriff rechtsorientierter Jugendlicher oder auch Unbekannter auf einen deutschen Obdachlosen stellt eine – zu vermutende – politisch motivierte Tat dar und wird als solche (. . .) erfasst.“

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