Zeitung Heute : Geschlechter studieren

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Sonntag beim Bäcker: „Ent-zü-ckend, Zwillinge!“ ruft die Verkäuferin. „Nein, wie reizend, gleich zwei auf einmal,“ sagte die Dame am Tag zuvor auf dem Winterfeldtmarkt. Ich lächele dann immer nett zurück und ahne schon, wie es gleich weiter geht. Die beiden vom Wochenende haben mich nicht enttäuscht. Sie beugten sich noch ein wenig weiter zum Kinderwagen vor mit den Worten: „Jetzt muss ich aber raten. Links sitzt das Mädchen, rechts der Junge.“ Mich verblüfft das jedes Mal, denn meist raten die Kandidatinnen richtig, auch wenn bei Jan immer mehr Haare aus der Mütze lugen, während sie sich bei Josefine dicht am Kopf kringeln. Es ist ein Phänomen, von Anfang an: Jan sah sofort wie ein Junge aus und Josefine wie ein Mädchen.

Dabei verstehe ich eines nicht: Wir können das erkennen, aber woher wissen Jan und Josefine, was sie sind? Die beiden sehen nämlich nicht nur aus wie Junge und Mädchen, sie verhalten sich mit ihren anderthalb Jahren auch ganz danach. Ich schwöre, dass ich sie gleich behandle. Aber wahrscheinlich ist das alles ein Riesenirrtum. Und meine guten Vorsätze aus feministischen Zeiten in den Achtzigern, als meine Freundinnen und ich noch Frauengruppen gründeten, sind fast vergessen. So konnte ich jetzt feststellen, dass Ursula Scheus programmatisches Buch „Wir werden nicht als Mädchen geboren – wir werden dazu gemacht“ schon lange nicht mehr in Buchläden zu kaufen ist. In der Bibliothek habe ich es noch bekommen.

Ich las und bekam ein schlechtes Gewissen. Ich musste an Josefines Putzfimmel denken. Das Kind kennt nichts Schöneres, als mit einem feuchten Lappen alles abzuwischen. Auch sonst bleibt sie ganz im Klischee: Sie hantiert mit dem Kamm am Kopf herum, seit sie ihn halten kann. Sie hüllt sich mit Vorliebe in Schals und Tücher. Seit einiger Zeit bemuttert sie ihren Bruder, versucht ihm nach dem Spaziergang die Jacke auszuziehen oder beim Essen zu füttern. Jan seinerseits hat längst herausgefunden, wie man die Kindersicherungen an den Schränken knackt und sitzt am liebsten auf dem Bobbycar.

Wenn ihn da nicht seine zwar kleinere, aber dafür schnellere Schwester regelmäßig runterschubsen würde. Es besteht also noch Hoffnung: Mit meiner Tochter könnte die erste deutsche Generation der Macho-Girls heranwachsen, die den Psychologen in den USA derzeit so viel Kopfzerbrechen bereiten. Die amerikanischen Mädchen laufen den Jungs zunehmend den Rang ab.

Dabei ist die Erkenntnis der Gehirn- und Evolutionsforschung auf einem ganz anderen Stand, wie ich im Buch von Allan & Barbara Pease über die Verhaltenspsychologie von Männern und Frauen erfahren haben. Wir sind das Ergebnis unserer chemischen Zusammensetzung, und damit basta! Die Natur ist alles, das soziale Umfeld nichts. Wir sind nun einmal Männchen und Weibchen und das seit Jahrmillionen. Jan und Josefine führen das perfekt vor: die idealen Probanden für gender studies. Geschlechterforschung ganz privat.

Allan & Barbara Pease: Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken. Ullstein Verlag 2002. 8,95 Euro.

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