Zeitung Heute : Geschwindigkeit ist keine Raserei

Wer schnell fährt, braucht mehr Benzin und lebt gefährlich – ein Tempolimit wollen aber längst nicht alle

Matthias Meisner

Politiker fordern ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen. Was nützt das, wem schadet das?

Es gibt kaum ein Thema, bei dem die Argumente Pro und Contra so ritualisiert ausgetauscht werden, wie in der Diskussion um das Tempolimit. Im Februar war es das Urteil gegen den Autobahnraser von Karlsruhe, das die Debatte anheizte. Nun rufen die hohen Spritpreise jene auf den Plan, die ohnehin schon seit Jahren ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen wollen. So, wie es in fast allen Ländern der Welt schon lange festgelegt ist.

Mit der mächtigen Auto-Lobby, die Umsatzeinbußen fürchtet, zählt der ADAC zu jenen, die vehement gegen eine generelle Autobahn-Temporegelung streiten – und in der Zentrale des Autoclubs in München hat man sich gewappnet, um dem Argument, ein Tempolimit könnte zum deutlichen Rückgang des Benzinverbrauchs führen, zu begegnen. Käme „Tempo 120“, würden die Autofahrer auf den Autobahnen nicht mal zwei Prozent weniger Sprit verfahren, sagt ADAC-Sprecher Kay Laudien. Die Forderungen von Umweltpolitikern, als Konsequenz aus den anhaltend hohen Ölpreisen ein Tempolimit zu verordnen, stammen für ihn aus der „ideologischen Mottenkiste“. Die Argumente in einer Untersuchung seines Vereins: Ohnehin gebe es bereits auf über einem Viertel des Autobahnnetzes dauernd Geschwindigkeitsbegrenzungen. Auf weiteren 15 Prozent der Strecken sei die Höchstgeschwindigkeit zeitweise beschränkt, zum Beispiel wegen Lärmschutzes, bei Nässe, wegen Baustellen oder Verkehrsbeeinflussungsanlagen wie etwa auf dem Berliner Stadtring. Viele Autofahrer würden sich zudem meist an die Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern halten – versichert der ADAC.

Andere Experten rechnen anders. Der alternative Verkehrsclub Deutschland berichtet, dass der Benzinverbrauch ab etwa Tempo 100 überproportional wachse. Ein Beispiel: Wer mit einem durchschnittlichen Familienauto, das schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, unterwegs ist, verbrauche bei 160 Stundenkilometern fast doppelt so viel Benzin wie bei 120. „Der Verkehrsfluss bei Tempo 120 wird gleichmäßiger, es gibt weniger Staus“, sagt Daniel Kluge vom VCD. Auch die Unfallzahlen würden bei einem Tempolimit zurückgehen, sagt Kluge. Zahlen etwa aus Brandenburg belegen das: Dort gilt inzwischen auf fast der Hälfte des Autobahnnetzes eine Geschwindigkeitsbegrenzung – die Zahl der Unfallopfer ging auf einzelnen Strecken um bis zu zwei Drittel zurück.

Kurz nach dem Urteil gegen den Karlsruher Autobahnraser sprachen sich 61 Prozent der Deutschen in einer „Focus“- Umfrage für eine Grenze aus. Verkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) bleibt hart, ein generelles Tempolimit will er nicht. Die Autobahnen seien die sichersten Verkehrswege.

Vorerst wird es dabei bleiben, dass anders Benzin gespart werden muss: modernere Autos, früher schalten, weniger aggressiv fahren. Wie schwierig das konkret ist, hat auch der ADAC schon festgestellt. An seinem Spritspartraining nahmen im vergangenen Jahr nicht einmal 3000 Fahrer teil.

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