Zeitung Heute : Geschwister und Rivalen

Was Europäer und Amerikaner jenseits der Tagespolitik verbindet und trennt

Jens Alber

Ein kluger Journalist hat einmal bemerkt, die USA seien die Nation, deren Gründer einst vor der Gängelung durch Staat und Kirche in Europa flohen. Das ist eine treffende Beobachtung, aus der viel über unseren „fremden Freund“ – wie einmal ein Buchtitel formulierte – jenseits des Atlantiks zu lernen ist. Drei Elemente sind hier wesentlich.

Erstens: Die USA sind eine Gesellschaft von Immigranten. Das hat wichtige Implikationen. Die eine steht auf einer Plakette im Overpass Museum in Carney, Nebraska, die vielen Europäern durch den Film „About Schmidt“ ins Bewusstein gerückt wurde. Es heißt dort: „The cowards never started. The weak died on the way. Only the strong survived.“ (Die Feiglinge haben sich nie auf den Weg gemacht. Die Schwachen sind unterwegs gestorben. Nur die Starken haben es geschafft). Das bedeutet, dass die Gesellschaft der USA das Resultat eines Ausleseprozesses ist, der besonders starke und risikofreudige Menschen zusammenführte, die zum Optimismus neigen, auf Selbsthilfe setzen und Eigenverantwortung groß schreiben. Das schlägt sich heute noch in Umfrageergebnissen nieder, in denen zwei Drittel der Europäer, aber nur ein Drittel der Amerikaner meinen, es sei die Aufgabe des Staates, die Einkommensunterschiede zu mildern oder in denen zwei Drittel der Amerikaner im Vergleich zu einem Drittel der Europäer erklären, der Einzelne solle mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Es bedeutet darüber hinaus, dass Amerikanern die uns Europäern so geläufige Unterscheidung zwischen Landsleuten und Fremden weitgehend fremd ist. In den USA sind mehr oder weniger alle Einwanderer, fast jeder hat Eltern oder Großeltern aus einem anderen Land, und Einheimische im europäischen Sinne sind nur die Indianer. Deshalb fällt es Zugereisten relativ leicht, auf dem Arbeitsmarkt und in der Politik Fuß zu fassen und Karriere zu machen, heißen sie nun Madeleine Albright (geb. Korbelová) oder Arnold Schwarzenegger.

Zweitens: Nach Amerika kamen auf der Suche nach Religionsfreiheit Menschen, die in Europa wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. Daraus entstand ein eigentümliches religiöses Klima. Wo in Europa die feste Hierarchie des katholischen Klerus oder der protestantischen Amtskirche vorherrscht, da findet sich in den USA eine Fülle freikirchlicher Gemeinden, die gemeinschaftlich und nicht hierarchisch organisiert sind. Auch das hat eine Reihe von Implikationen, auf die der deutsche Soziologe Max Weber hingewiesen hat. Zum einen sind die Freikirchen Träger egalitärer und populistischer Werte. Man wird in sie nicht hineingeboren, sondern von Gleichgesinnten aufgenommen, deren Vertrauen es zu erwerben und bewahren gilt. Damit ist eine hohe Moralisierung auch des wirtschaftlichen Erfolgs verbunden. Wer Erfolg hat, versucht ihn nicht vor dem Nachbarn zu verbergen, sondern sich selbst und den anderen als Zeichen der Gottgefälligkeit vor Augen zu führen. Außerdem ist mit der freien Wahl der Religionsgemeinschaft ein ständiger Konkurrenzkampf um Spender und Gläubige verbunden, der anders als die staatlich garantierte Monopolstellung europäischer Kirchen für eine ständige Revitalisierung des religiösen Lebens sorgt, zu dem auch die Neigung gehört, die Lebensführung anderer oder die Beziehung zu anderen Staaten zu moralisieren.

Drittens: Der amerikanische Staat ist aus einer Revolte gegen die Staatsmacht, genauer aus einer Steuerrebellion gegen die englische Kolonialmacht entstanden. Am Anfang stand der Grundsatz „no taxation without representation“ (keine Besteuerung ohne Volksvertretung, welche die Steuern bewilligt). Diese Rebellion ist bis heute ein Grundzug der Vereinigten Staaten geblieben. Auch dann, wenn die eigene Partei am Ruder ist, zeigen konservative Amerikaner insbesondere im Süden und Westen Autoaufkleber mit dem Slogan: „I love my country, but I hate my government.“ (Ich liebe mein Land, aber ich hasse die Bundesregierung.) Eine ähnliche Staatsferne ist Europas Konservativen meist fremd und findet sich allenfalls im Widerstand mancher Europäer gegen die EU-Bürokratie.

Das andersartige Verhältnis zum Staat ist wohl der bedeutendste Unterschied zwischen Europäern und Amerikanern. Galt der Nationalstaat europäischen Liberalen als demokratische Errungenschaft der Bürger, der die Menschen aus den Fesseln der Feudalherrschaft befreite und zu Staatsbürgern mit gleichen Rechten machte, so blieb der Staat für Amerikaner stets die fremde Macht in Washington, die dem Bürger nach dem Einkommen trachtet und das Geld in ineffizienten Bürokratien verschwendet. Das hat historische Wurzeln. Während der europäische Staat die Modernisierung der Gesellschaft gegen die alten Feudalmächte durchsetzen musste, war die Gesellschaft der USA modern geboren und musste sich nicht erst mithilfe der Staatsmacht von den Standesunterschieden und Sonderrechten der Feudalgesellschaft befreien. Es galt vielmehr, das Joch der Kolonialmacht abzuschütteln und auch den eigenen Nachfolgestaat mit Hilfe von „checks and balances“ möglichst so im Zaum zu halten, dass er gegenüber der Zivilgesellschaft nicht übermächtig werden konnte. Hinzu kommt wohl, dass die Demokratisierung in den USA der Professionalisierung des öffentlichen Dienstes lange vorausging, so dass der Staat bis zu den Reformen am Ausgang des 19. Jahrhunderts lange Zeit die Beute der Wahlsieger blieb, während Europäern der Staat eher als überparteilicher, von Fachkräften verwalteter Hort der Staatsbürgerrechte galt.

So wichtig das unterschiedliche Staatsverständnis ist, so falsch wäre der Schluss, wo Europa den Sozialstaat geschaffen habe, herrsche in den USA bis heute Kapitalismus pur. Seit dem New Deal der 1930er Jahre haben auch die USA einen Sozialstaat, der sich in vielerlei Hinsicht nicht wesentlich von seinen vielfältigen Erscheinungsformen in Europa unterscheidet. Zwar liegt die Quote öffentlicher Ausgaben in den USA mit 36 Prozent niedriger als in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern, ähnelt damit aber sehr weitgehend dem Niveau in Irland und den baltischen neuen Mitgliedsländern, die zum Teil sogar einen kleineren Staatssektor haben als die USA. Auch die Sozialausgabenquote der USA fällt keineswegs völlig aus dem europäischen Rahmen und liegt über dem irischen Niveau. Bezieht man die steuerlichen Vergünstigungen und gesetzlichen Verpflichtungen der Arbeitgeber mit ein, so wird die so ermittelte Nettosozialausgabenquote der USA nur von fünf europäischen Ländern übertroffen.

Auch in den USA fließt der Löwenanteil der Sozialausgaben in die gesetzliche Rentenversicherung („social security“), deren Versicherungspflicht sogar umfassender definiert ist als in Deutschland. Während im Jahr 2005 der durchschnittliche Zahlbetrag der Versichertenrenten in Deutschland 682 Euro betrug und die nur für 45 Jahre lang erwerbstätige Durchschnittsverdiener geltende und deshalb von vielen nicht erreichte Standardrente bei 1034 Euro lag, betrug die amerikanische Durchschnittsrente im Jahr 2005 monatlich 1002 Dollar, für Rentner-Ehepaare sogar 1660 Dollar.

Auch die Krankenversicherung ist nicht ganz so unbekannt in den USA, wie es Michael Moore-Fans erscheinen mag. Während die Angehörigen der Mittelschicht meist über ihren Betrieb einer privaten Krankenversicherung angeschlossen sind, sind 38 Millionen Amerikaner im Niedrigeinkommensbereich über das „Medicaid“-Programm für den Krankheitsfall gesichert, während die über 65-Jährigen praktisch ausnahmslos der Pflichtversicherung „Medicare“ angehören. Zwar stimmt es, dass 47 Millionen Amerikaner zu einem gegebenen Zeitpunkt ohne Krankenversicherung dastehen, aber die Zusammensetzung dieser Bevölkerungsgruppe ist ständigem Wandel unterworfen, so dass es sich hier nicht um einen permanenten Ausschluss handelt. Außerdem haben auch diese Nichtversicherten Zugang zur medizinischen Notversorgung in Krankenhäusern. Es ist deshalb zwar möglich, Taxifahrer zu treffen, die erzählen, keine Krankenversicherung zu besitzen, kaum aber einen Taxifahrer von der Geburt eines Kindes außerhalb eines Krankenhauses berichten zu hören.

Entspricht der öffentliche Sektor der Vereinigten Staaten somit in mancherlei Hinsicht nicht dem Bild, das sich viele Europäer von privatem Reichtum und öffentlicher Armut in Amerika machen, so gibt es auch Aspekte, wovon wir Europäer uns eine Scheibe abschneiden könnten. Die hier häufig geforderte Lohnsubventionierung ist unter dem Namen „Earned Income Tax Credit“ in den USA seit den 1970er Jahren gang und gäbe und wiederholt ausgebaut worden. Über 20 Millionen Familien beziehen diese Form der Unterstützung, deren Höchstbetrag im Jahr 2007 für eine Familie mit zwei Kindern bei 4716 Dollar im Jahr bzw. knapp 400 Dollar im Monat lag. Bemerkenswert sind einige Konstruktionsprinzipien dieses Instruments. Es ist flankiert von einer Mindestlohngesetzgebung, die Amerika seit langem kennt und die verhindert, dass die Unternehmen die Löhne ins Bodenlose senken, und die Zugangsberechtigung wird nicht individuell, sondern über das Jahreshaushaltseinkommen bestimmt. Der Arbeitgeber kennt also den Leistungsanspruch nicht, was verhindert, dass die Leistung zu einem reinen Mitnahmeeffekt für Unternehmen verkommt. Der Zahlbetrag wächst zunächst mit dem Arbeitseinkommen, so dass Arbeit sich lohnt, wird ab einer Grenze dann als Pauschalbetrag gewährt und erst jenseits einer weiteren Grenze allmählich abgeschmolzen, bis bei einem Einkommen die Zuzahlung auf Null reduziert wird, das für eine Familie mit zwei Kindern in etwa dem Durchschnittsverdienst der Sozialversicherten entspricht.

Ein zweiter Aspekt der amerikanischen Staatstätigkeit ist ebenfalls bemerkenswert und zur Nachahmung empfohlen. Die Amerikaner stecken einen weitaus größeren Anteil ihrer nationalen Ressourcen in das Bildungswesen. Im Durchschnitt der 19 europäischen OECD-Länder erreichen die Bildungsausgaben nur 5,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts, während deren Anteil in den USA bei 7,4 Prozent liegt. Selbst die öffentlichen Bildungsausgaben der USA sind mit 5,1 Prozent höher als in Deutschland (4,3 Prozent) und im europäischen Durchschnitt (5,0 Prozent). Zu den Erfolgen des amerikanischen Bildungswesens gehört auch, dass ihm den PISA-Studien zufolge die Integration von Immigrantenkindern sehr viel besser gelingt als dem deutschen.

Der hohe Stellenwert der Bildung zeigt sich auch im Kleinen. Nicht nur die öffentlichen Schulen, auch die öffentlichen Bibliotheken sind in den USA meist sehr viel besser ausgestattet als hierzulande, wie ein Vergleich zweier Kleinstädte illustriert. Radolfzell am Bodensee im reichen Baden-Württemberg hat rund 30 000 Einwohner. Die öffentliche Bibliothek hatte 2007 einen Etat von 363 800 Euro, etwa zwölf Euro pro Einwohner. Sie hat einen Bestand von knapp 41 000 Medien und 5,6 Personalstellen. Die arme Stadt Adrian im krisengebeutelten Süden Michigans hat rund 22 000 Einwohner und einen öffentlichen Bibliotheksetat von etwa 789 300 Dollar ( 36 Dollar pro Einwohner). Sie hat einen Bestand von circa 98 000 Medien und sechs Vollzeit- sowie acht Teilzeitstellen. Die Tatsache, dass ihre Medien sehr viel seltener ausgeliehen werden als die der Stadt Radolfzell – nämlich weniger als ein Mal pro Jahr und Medium im Vergleich zu 6,7 mal in Radolfzell –, dient nicht etwa als Grundlage für Forderungen nach einer Reduzierung des Etats, sondern als Ansporn, neue Gemeindedienste in Gestalt diverser Fortbildungskurse zu entwickeln.

In mancherlei Hinsicht entsprechen die USA also nicht dem Zerrbild, das sich Europäer und Deutsche gelegentlich von ihnen machen, und es gibt selbst dort Gemeinsamkeit, wo man sie hierzulande kaum erwartet: bei der Gestaltung und Ausstattung des öffentlichen Sektors. Warum sind wir dann so unermüdlich im Aufspüren von Unterschieden zwischen Europa und den USA? Ganz unabhängig davon, ob Kommentatoren die USA als Vorbild oder abschreckendes Beispiel bemühen, stets wird auf angeblich fundamentale Differenzen verwiesen, obwohl einem Beobachter aus Asien oder Afrika ganz sicherlich primär die Gemeinsamkeiten ins Auge fielen und obwohl innerhalb Europas wie innerhalb der USA so viele regionale Verschiedenheiten bestehen, dass es unmöglich ist, zwei unterschiedliche Sozialmodelle auszumachen. Wem dient oder nutzt es, wenn wir uns fragen, was Europäer und Amerikaner trennt?

Eine erste Antwort auf diese Frage findet sich im Werk Sigmund Freuds, der in „Das Unbehagen in der Kultur“ erwähnt, dass gerade einander ähnliche Nachbarvölker oft zu einem „Narzissmus der kleinen Differenzen“ neigen. Freud meinte damit, dass die Hervorhebung von Unterschieden gegenüber uns ähnlichen anderen „eine bequeme und harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung“ ermögliche, „durch die den Mitgliedern der Gemeinschaft das Zusammenhalten erleichtert wird“. Demzufolge hätten wir also die Neigung, uns von den Amerikanern abzugrenzen, weil wir uns dadurch unserer eigenen Identität als Europäer vergewissern und unseren Zusammenhalt stärken.

Offen bleibt allerdings, warum wir uns gerade die Amerikaner als Vergleichsobjekt aussuchen. Hierzu bedarf es eines weiteren Erklärungsmoments, nämlich des Gedankens, dass wir gerade denjenigen, denen wir uns unterlegen wähnen, mit Ressentiments begegnen, weil sie unser Selbstwertgefühl bedrohen. So gesehen, wären die Amerikaner nicht unähnlich einem großen Bruder, dessen höherer Lebensstandard und körperliche Überlegenheit uns mit Neid erfüllen und zu abwertenden Vergleichen herausfordert.

Das würde aber auch bedeuten, dass es beim Bestreben, Unterschiede dingfest zu machen, letztlich um Familienzwistigkeiten geht, also um Reibereien zwischen Völkern, die zu einer gemeinsamen Familie von Nationen gehören, deren Mitglieder vieles gemeinsam haben – nicht zuletzt die Tradition der Aufklärung und das Bekenntnis zur freiheitlichen Demokratie, die neben Pluralismus, Meinungsfreiheit und Kontrolle der Regierungen durch die Wähler auch soziale Rechte gewährt. Es ist Amerikanern wie Europäern zu wünschen, dass ihnen die vielen wichtigen Gemeinsamkeiten, die sie verbinden, nach den Präsidentschaftswahlen im Herbst wieder stärker ins Bewusstsein treten mögen als ihre sicherlich auch vorhandenen, vergleichsweise aber doch recht unbedeutenden Differenzen.

Der Autor ist Direktor der Abteilung „Ungleichheit und soziale Integration“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar