Zeitung Heute : Geselligkeit mit Grenzen

Silke Zorn

Auf dem Weg zur Weihnachtsfeier die vereiste Pfütze übersehen? Beim wilden Tango den Knöchel verstaucht? Feiern soll ja bekanntlich Spaß machen. Was aber passiert, wenn mal was passiert?

Ulrich Retzki, Fachanwalt für Versicherungsrecht und Sozius der Berliner Kanzlei Reinisch, Klöhn, Retzki und Yersin, sagt: „Auch bei Unfällen auf einer Betriebsfeier springt die gesetzliche Unfallversicherung ein, sofern die Veranstaltung der Pflege der Betriebsverbundenheit dient.“ Voraussetzung ist weiter, dass es sich tatsächlich um eine echte Betriebsfeier handelt – und das kann schon mal problematisch sein. „Grundsätzlich müssen alle Mitarbeiter berechtigt sein, an der Feier teilzunehmen“, sagt Retzki, „Und das Fest muss von der Betriebsleitung veranstaltet, unterstützt oder zumindest gebilligt werden.“ Auch muss ein relevanter Teil der Belegschaft auch tatsächlich mitfeiern, wie der Arbeitgeber selbst oder ein von ihm beauftragter Vertreter.

Wer Freunde, Partner oder Kinder zur Weihnachtsfeier mitbringt, sollte wissen, dass diese nicht dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung unterstehen. Selbst wenn der Arbeitgeber betriebsfremde Personen ausdrücklich einlädt, schwofen, schunkeln und schnabulieren diese also auf eigene Gefahr.

Betriebliche Weihnachtsfeiern sind heutzutage längst mehr als gemeinsame Punschabende im Konferenzraum. Vom schweißtreibenden Bowlingturnier über das Ritteressen in der historischen Taverne bis hin zur dezemberlich-frostigen Dampferfahrt sind Fantasie und Geldbeutel der Betriebsleitung keine Grenzen gesetzt. Dem Versicherer ist’s gleich. „Es muss nicht im Betrieb gefeiert werden, damit die Unfallversicherung einspringt“, sagt Rechtsanwalt Retzki. Mitversichert sind im übrigen auch Unfälle auf Hin- und Heimweg, etwa die übersehene Treppenstufe im Parkhaus oder der Auffahrunfall während der Anreise. Wer den Weg zur Feier aus privaten Gründen verlässt, weil er noch schnell Weihnachtseinkäufe erledigen oder sich für den Abend mit einem Nickerchen wappnen will, muss allerdings bei einem Unfall selbst in die Tasche greifen. Für die Dauer dieser Unterbrechung besteht kein Versicherungsschutz. Wer den privaten Abstecher heil überstanden hat, kann wieder aufatmen: Der Schutz beginnt erneut, sobald der Weg zur Feier fortgesetzt wird.

Manch aufmerksamer Chef denkt zwar daran,den Heimweg seiner Mitarbeiter möglichst sicher zu gestalten. Muss man aber nach reichlich Sekt und Punsch den Heimweg selbst antreten, können „selbst geschaffene Gefahren“ den Versicherungsschutz entfallen lassen – etwa übermäßiger Alkoholgenuss. „Ist jemand derart betrunken, dass er zu keiner dem Unternehmen förderlichen Arbeit mehr fähig ist, ist er auch nicht mehr unfallversichert“, so Anwalt Retzki. Wichtig auch zu wissen: „Selbst organisierte Weihnachtsfeiern ohne Zutun der Unternehmensleitung sind Privatsache, selbst wenn sie im Betrieb stattfinden", sagt Retzki, „Die Versicherung bietet in solchen Fällen keinen Schutz.“

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