Zeitung Heute : Gesellschaft In bester

Colin Firth musste für die Rolle des George VI. extra Stottern lernen – bekommt er nun einen Oscar? Dieses Sprachproblem haben viele, von Hamit Altintop bis Bruce Willis. Vier Berichte aus dem Alltag

George VI. – das Original.
George VI. – das Original.Foto: AFP

Der Manager

Peter Fischer, 56

Kennen Sie die Imagekampagne von Baden-Württemberg? „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ Genauso habe ich bisher gelebt: Ich kann alles. Außer fließend sprechen. Ich bin in Baden-Württemberg aufgewachsen, ausgerechnet in Bietigheim-Bissingen, das ist schon für Nicht-Stotterer ein Zungenbrecher und für mich ist „B“ einer der schwierigsten Buchstaben. „Wo kommen Sie her?“ „Ich komme aus B-b-b-b…“ Schon stottere ich.

Das Stottern hat in meinem siebten Lebensjahr angefangen. In meiner Erinnerung war es so: Ich wache morgens auf und höre meine Eltern streiten. Dieser Tag war der Anfang vom Stottern. Heute geht man nicht mehr davon aus, dass Kindheitstraumata der Auslöser von Stottern sind, aber ich erkläre es mir zu einem Teil noch so.

Am Anfang explodierten die Laute regelrecht, mein Gesicht verzerrte sich, bei manchen Wörtern holte ich mit dem ganzen Oberkörper Schwung, um sie heraus zu katapultieren. In der Grundschule war ich der Stotter-Peter. Manchmal sind sie zu acht auf dem Schulhof hinter mir her. Ich war schüchtern und schmächtig und hatte dem nichts entgegenzusetzen.

Auf dem Gymnasium war das Stottern kein Thema mehr. In dieser Zeit habe ich mein großes Hobby entdeckt: den Tanz. Für mich war das eine gute Möglichkeit, mich auszudrücken, ohne zu sprechen. Ich schloss mich einer Truppe an. Wir nannten uns „Young Generation“ und machten Revuenummern zu Beatmusik, in Schlaghosen und Rüschenhemden. Wir waren richtig gut, einmal sind wir zusammen mit James Last aufgetreten.

Zum Studium kam ich nach Berlin. Nebenbei war ich Hilfserzieher in einem Kinderheim. In meiner Gruppe war ein Stotterer. Zum ersten Mal sah ich das aus der Nähe, aber von außen. Es gab eine alte Erzieherin, die ließ ihn nie ausreden. Die hätte ich erschlagen können! Ich habe eine Therapie für ihn organisiert.

Ende der 80er Jahre habe ich die Deutsche Aidshilfe mit aufgebaut, mein Einstieg ins Sozialmanagement. Es war eine harte Zeit für die schwule Community, die Leute erkrankten der Reihe nach. Ich habe gearbeitet bis zum Umfallen. Die Aidshilfe wuchs schnell, und ich hatte immer größere Budgets, musste viel kommunizieren und eine große Abteilung leiten. Ständig hatte ich Lampenfieber. Irgendwann kam der Burn-out.

Im Privatleben war es auch hin und wieder schwierig. Ich bin schwul und in meiner, sagen wir, Zielgruppe, sind Äußerlichkeiten wichtig, die richtige Kosmetik, das richtige Outfit. Heute sehe ich das so: Wenn mich einer nicht will, weil ich stottere, interessiert der mich auch nicht.

Meinen Eltern habe ich lange einen Vorwurf daraus gemacht, dass sie sich nicht um eine Behandlung bemüht haben. Sicher, es waren andere Zeiten, aber hätte man nicht einmal den Hausarzt fragen können? Meine erste Therapie habe ich mit fast 40 gemacht. Der Therapeut hieß Herr Kellner – ach, jetzt habe ich ausgerechnet bei Herrn Kellner mit den Augen gezwinkert und mit dem Kopf nachgeholfen. Er nahm mich auf Video auf. Da sah ich zum ersten Mal die Grimassen. Ich dachte: „Wie bitte, so scheiße sieht das aus?“ Seitdem ist es besser geworden. Aber ich spüre es immer.

Meinen richtigen Namen möchte ich lieber nicht nennen. Über 40 Jahre lang musste ich mich immer wieder outen, als Schwuler und als Stotterer. Es reicht. Ich war der stotternde Leiter einer Einrichtung, die benachteiligte Jugendliche ausbildete, ich war zehn Jahre lang ein stotternder, schwuler Unternehmensberater. Jetzt bin ich erst einmal Peter.

Seit einem halben Jahr bin ich Frührentner und habe angefangen, anders über das Stottern zu denken. Ich habe immer versucht, wie ein Gleicher zu konkurrieren. Ich habe geübt, mich gequält, getrickst. Heute sage ich mir: Peter, Stottern ist eine Behinderung. Akzeptiere das mal. Ich kann eben nicht alles. Seit ich das so sehe, fühlt es sich richtiger an.

Das Kind

Marla, 7

Ich habe rote Haare, grün-blaue Augen und ich bin sieben. Stottern ist schon da, seit ich geboren bin. Stottern ist riesig groß, und ich bin ganz, ganz klein. So stelle ich mir das vor. Stottern ist wabbelig, wie eine Wolke. Es hat sehr große Augen, eine Herzchen-Nase und drei Haare.

Manchmal lächelt Stottern und ist mein Freund. Dann sage ich zu ihm: Bleib hier. Manchmal tröstet mich Stottern oder spielt mit mir. Manchmal ist Stottern auch böse. Dann hat es ein Auge, wie ein Außerirdischer. Dann sage ich zu Stottern: Geh weg.

Ob Stottern auf mich hört, weiß ich nie. In letzter Zeit ist es gut. Aber es war auch schon ganz blöd, dann ist fast gar kein Wort herausgekommen.

In der Schule habe ich schnell Freunde gefunden. Ich habe schon eins, zwei, drei … mehr als vier Freunde. Mit meinen Freundinnen habe ich ein Spiel erfunden, das heißt Kette. Wir fassen uns an den Händen, jeder kann sich da mit dranhängen. Der in der Mitte fängt an zu laufen und zieht die anderen. Noten bekomme ich noch nicht, ich weiß aber fast immer die Antworten und mache viel mit.

Am meisten stört Stottern, wenn ich bei einer Aufführung bin, zum Beispiel an Weihnachten. Ich habe Angst, die Leute denken, ich mache das mit Absicht.

Mit meiner Logopädin rede ich oft über Froguscht, über Frosch, Gummi und Stein. Das sind die verschiedenen Arten zu stottern. Frosch heißt, man hüpft die Wörter: W-W-Wind. Gummi heißt, man dehnt das Wort: Wwwwind. Und Stein heißt, das Wort kommt nicht heraus. Diese Woche mache ich mit meiner Logopädin in der Schule ein Stotterquiz. Zum Beispiel: Wie viele Kinder stottern? Ich glaube, jedes fünfte Kind stottert mal. Bei vielen geht es aber wieder weg.

Mit meiner Schwester Lina spiele ich manchmal Fee. Wenn mal eine echte Fee kommt, und ich könnte mir was wünschen, wäre das, dass Stottern immer weggeht, wenn ich es sage.

Die Studentin

Anja Herde, 28

Lange Zeit war es vor allem das „B“, das gehakt hat. Neuerdings sind auch Vokale schwierig. Das ist ärgerlich, da mein Name ja mit „A“ anfängt. Manchmal, wenn ich mich am Telefon melde, kommt es einfach nicht heraus. Das stiftet natürlich Verwirrung, weil mein Gesprächpartner nicht weiß, ob ich nun abgenommen habe. Manchmal passiert das auch mitten im Telefonat. Dann rufen die Gesprächspartner oft: „Hallo, hallo, sind Sie noch da?“ Persönliche Gespräche gehen besser, wenn die Leute Blickkontakt halten – und das Wort nicht für mich zu Ende sprechen. Die Angst kommt vor dem Block. Es ist so ein enges Gefühl im Hals, die Luft bleibt stecken und mit ihr das Wort.

Stottern liegt bei mir in der Familie. Meine Eltern haben sich damit trotzdem nicht auseinandergesetzt. Mein Vater hat gestottert, so war das eben. Zu mir hat meine Mutter immer gesagt: „Erst denken, dann reden.“

In der Schule war es am schlimmsten, wenn ich vorlesen musste. Im Sprechfluss kann ich ein Wort austauschen oder den Satz umbauen, wenn ich merke, gleich bleibe ich hängen. Das machen viele Stotterer. Beim Vorlesen geht das nicht, auch auf Englisch war es schwieriger. Als Au-pair in Irland habe ich viel schlimmer gestottert. Nach einem halben Jahr habe ich abgebrochen. Nicht wegen des Stotterns, ich habe mich mit der Familie nicht gut verstanden, aber das Stottern hat es nicht besser gemacht.

Einen Monat, bevor das Studium losging, dachte ich, jetzt musst du was tun. Ich wusste, ich muss oft vortragen. Da bin ich zum ersten Mal zur Stotterer-Selbsthilfe gegangen. Seitdem gehe ich offensiver mit dem Stottern um. Vor dem ersten Referat habe ich gesagt: „Ich stottere, bitte habt Geduld.“

Englisch spreche ich inzwischen übrigens gut, mein Freund ist nämlich Däne. Er stottert auch. Das „H“ haucht er immer ganz komisch heraus. Manchmal müssen wir darüber lachen.

Der Politiker

Malte Spitz, 26

Ich sage selten: „Ich bin Stotterer.“ Das finde ich komisch. Im Berufsleben gehört es allerdings manchmal dazu. Ich sage es, wenn ich als Bundesvorstand der Grünen für Radio- oder Fernsehinterviews angefragt werde. Es ist dann leider häufig ein Grund, nicht gesendet zu werden. Ich finde, die fünf Sekunden, die ich länger brauche, könnten drin sein. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn die Medienleute dazu sagen würden, dass ich stottere – ich verstehe schon, dass sonst die Hörer anrufen und sich wegen technischer Störungen beschweren.

Offen auf das Stottern und meine Karriere angesprochen wurde ich bei den Grünen nie. Eigentlich ist es eher für mich selbst ein Thema. Ich frage mich natürlich, wo ich einmal hinmöchte. Einen großen Traum habe ich aber nicht. Ich sage nicht: Mit 45 will ich der erste stotternde Bundespräsident sein.

Bei Parteitagen rede ich vor 800 Delegierten. Es gibt ein paar Dinge, mit denen ich mich vorbereiten kann. Ich muss gut ausgeschlafen sein und gut im Thema. Kontrolliert zu atmen ist auch wichtig. Ein Trick ist, den Druck, der beim Stottern entsteht, abzugeben, etwa das Rednerpult fest zu umfassen.

Gut war meine Bewerbungsrede 2010 auf dem Bundesparteitag. Ich wurde wiedergewählt. Die Rede habe ich zwei Wochen lang vorbereitet, den Text immer wieder umgeschrieben. Am Abend vorher war ich in der leeren Halle, vorne am Mikro, und habe geschaut, wie es von da oben aussieht. Wenn weniger Zeit ist, geht es schon einmal schief. Neulich musste ich bei der Heinrich-Böll-Stiftung kurzfristig einspringen. Da habe ich ziemlich viel gestottert.

Vor dem Studium habe ich überlegt, die Bonner Stottertherapie zu machen. Da lebt man vier Wochen lang in der Klinik und hat jeden Tag Therapie. Aber die Vorstellung von vier Wochen Krankenhaus fand ich beklemmend. Ich habe das Stottern nie als Krankheit gesehen. Es ist einfach ein Teil von mir. Nur manchmal stört es. Letztes Jahr habe ich geheiratet. Ich dachte: Bitte, bitte, lass mich jetzt nicht beim „Ja“ stottern. Ich war sehr nervös, die Fotos sind nicht so prickelnd geworden. Aber ich habe nicht gestottert.

Protokolle: Anna Sauerbrey

Angebote der Stotterer-Selbsthilfe: www.bvss.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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