Gesellschaftsbild : Fremde Wahrnehmung

Der Erdogan-Auftritt in Köln polarisiert. Wie türkisch sollen Türken in Deutschland sein?

Andrea Dernbach

Die Bremer Professorin Yasemin Karakasoglu hat bei ihren Studenten immer einen großen Überraschungserfolg, wenn sie diese bittet, ihr zu sagen, was deutsch ist. Die Reaktion ist Schweigen. „Darauf will keiner antworten, denn festzulegen, was deutsch ist, hieße, sich selbst damit zu identifizieren. Alle möchten sich aber gern als Individuen sehen.“

Das Seminarexperiment lehrt zweierlei: Erstens ist die deutsche wie jede andere Gesellschaft nichts Homogenes, sondern besteht aus Schichten, kulturellen und sozialen Milieus und eben vielen Einzelnen. Zweitens wird es in dieser Lage mehr als heikel, Assimilation und Anpassung zu fordern: An was soll man sich anpassen, wenn es „den Deutschen“ oder „die Deutsche“ gar nicht gibt? „Die Aufforderung ,Sei deutsch‘ bringt Migranten in eine paradoxe Situation“, sagt die Bremer Erziehungswissenschaftlerin und rät dazu, nicht von außen festzulegen, wie viel Türkisches noch integrationskompatibel und wie viel schon gefährlich sein soll. „Das Identitätsgefühl ist individuell höchst unterschiedlich.“ Sogar das Leben in einer eigenen kulturellen Welt müsse möglich sein – immer vorausgesetzt, dass in dieser Welt nicht die Rechte anderer verletzt würden. „Das gestehen wir auch deutschen Subkulturen zu.“

Mehrfachidentitäten schützen und fördern

Erfahrungen mit dem Fremden gibt es weltweit genug: Die Chinatowns und Little Italys amerikanischer Städte stehen für den Versuch, in eine fremde Gesellschaft einzuwandern und doch die kulturellen Wurzeln nicht zu kappen. Und sogar Deutschland hat lange Erfahrungen mit dem Ertragen des Fremden: Ein von Migrationshistorikern immer wieder zitiertes Beispiel sind die „Ruhrpolen“, die Ende des 19. Jahrhunderts in den boomenden Westen des neugeschaffenen Deutschen Reiches zogen und deren Arbeitskraft dort dringend gebraucht wurde. Sie waren Bürger Preußens, aber sie sprachen polnisch, pflegten polnische Traditionen und widerstanden eisern der Assimilationspolitik im Reich des Eisernen Kanzlers Bismarck. Die Zeit war erfolgreicher: Die Kinder und Enkel der Ruhrpolen waren später nicht polnischer als ihre deutschen Altersgenossen.

Die Assimilationspolitik des 19. Jahrhunderts hält Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, ohnehin nicht mehr für möglich; Assimilation sei auch nie Teil der offiziellen Politik einer Bundesregierung gewesen. Kolat vermisst aber auch das Gegenteil dieser Politik: „Man sollte bewusst Mehrfachidentitäten schützen und fördern. Das würde die Identifikation von Migranten mit ihrem Land stärken und ihnen ein Gefühl der Geborgenheit geben.“ So türkisch, dass er türkisch sprechen und singen und sich wünschen darf, dass auch seine Nachkommen noch türkische Literatur lesen können, so türkisch, sagt Kolat, möchte er sein dürfen.

Ist die Ablehnung der Fremden eigentlich eine Angst vor der Armut?

Doch Mehrfachidentitäten passen noch nicht recht ins alte Bild dessen, was deutsch sein soll. Das sei „immer noch sehr ethnisch geprägt“, meint Yasemin Karakasoglu. Die Türken, die größte, sichtbarste und zudem muslimische Gruppe von Einwanderern, würden geradezu zum „Topos und Sinnbild“ für das, was als absolut unvereinbar damit gilt. Und das, obwohl sie selbst sich gar nicht als Fremde betrachten, wenn man sie fragt: „Es gibt viele Untersuchungen darüber, die zeigen, wie hoch das Maß der Übereinstimmung der Türken in Deutschland mit diesem Land ist.“

Ein weiteres Wahrnehmungsproblem sieht die Forscherin in der aktuellen Debatte um den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Erdogans Wunsch nach türkischen Gymnasien und Universitäten wurde mehrheitlich als Gift für die Integration kritisiert. „Aber auch 20 Prozent der in Deutschland lebenden griechischen Kinder besuchen griechische Lyzeen und machen in Deutschland ein griechisches Abitur.“ Dass dies anders als im Fall der Türken niemand als problematisch ansieht, liegt nach ihrer Ansicht weniger daran, dass die Gruppe der Griechen deutlich kleiner ist. Sie sind vielmehr wirtschaftlich und sozial erfolgreicher als die Masse der hier lebenden Türken, deren erste Generation vom Land, aus der Unterschicht und bildungsfernen Milieus stammte. Ganz offenbar ist die Wahrnehmung des Fremden im Falle der Türken mit der Angst vor „Unterschichtung“ verbunden. Mit anderen Worten: Was wie Ablehnung des Fremden aussieht, könnte einfach auch die Angst vor Armut sein.

Das Leben in einer homogenen Kultur ist eine Illusion

Vermutlich hätten die Bremer Studenten von Yasemin Karakasoglu auch Schwierigkeiten zu definieren, was jene deutsche Lebensweise ist, von der die Kanzlerin am Montag sprach. Man wird sie wahrscheinlich ebenso in einem altdeutschen Wohnzimmer finden wie in einem Großstadthaushalt, dessen Kinder eine amerikanische Schule besuchen, auf der nach US-Lehrplänen unterrichtet wird und Deutsch bestenfalls eine Rolle am Rande spielt. Und nicht zuletzt ist Deutsch längst nicht mehr Deutsch. Etwa ein Fünftel der Menschen in Deutschland hat „Migrationshintergrund“, ist also entweder selbst eingewandert oder hat Eltern oder Großeltern, die nicht aus Deutschland stammen. In Stuttgart und Frankfurt am Main sind es bis zu vierzig Prozent. Spurlos bleibt das nicht. Assimilation wird folglich immer öfter heißen: Anpassung an eine immer buntere Mischung von Lebensweisen.

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