GESELLSCHAFTSPANORAMA Jan Bosse inszeniert „Anna Karenina“ : Das Größte aber ist die Liebe

Sandra Luzina

Gerade war sein „Hamlet“ beim Theatertreffen zu erleben, nun ist schon Jan Bosses neuer Regiestreich am Maxim Gorki Theater zu bewundern. „Anna Karenina“ ist eine Adaption von Leo Tolstois epochalem Roman, der zwischen 1873 und 1877 entstand. Die Spielfassung stammt von Gorki- Intendant Armin Petras – und der hat ja Übung im Eindampfen von monumentalen Stoffen. So versucht er gar nicht, Tolstois gewaltiges Gesellschaftspanorama mit seinen philosophischen, ökonomischen und kulturhistorischen Diskursen einzufangen.

Bosse und Petras konzentrieren sich auf das Herzstück des Romans: die Sehnsucht nach der großen, der absoluten Liebe, die alle Hindernisse und gesellschaftlichen Beschränkungen überwindet. In diesem verzweifelten Liebeshunger und seinem absehbaren Scheitern entdecken sie ein zeitgenössisches Konfliktfeld. Fritzi Haberlandt spielt mit schwarzer Perücke die Anna Karenina – und tritt in die Fußstapfen von Schauspieldiven wie Greta Garbo und Vivien Leigh. Sie leiht der russischen Ehebrecherin erst ihren rotzigen Jungmädchen-Charme, steigert sich dann aber zur großen Liebenden. Anrührend auch Milan Peschel als ihr Liebhaber Graf Wronski, der mit ungeheurer Intensität liebt und leidet und sich mit dem gehörnten Ehemann, verkörpert von Ronald Kukulies, schon mal einen komischen Zweikampf liefert. Zwei weitere Paare ringen in Stéphane Laimés Setzkasten-Bühne um Liebesglück und Lebenssinn. Mutet Jan Bosses Inszenierung anfangs auch wie eine Soap Opera an – am Ende entwickelt sich „Anna Karenina“ zum bitteren Reigen der Gefühle. Sandra Luzina

Maxim Gorki Theater, Di 27.5. (Prem.), Mi 28.5. und Mi 11.6., 19.30 Uhr, 10-30 € BP417

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