Zeitung Heute : „Gesetze helfen da nicht“

NAME

Seit Jahren geht es mit der deutschen Bauwirtschaft bergab. 2001 wurden 110 000 Arbeitsplätze gestrichen, einige Unternehmen schreiben rote Zahlen. Ist eine Trendwende in Sicht?

Es wird zu weiteren Entlassungen kommen. Bis Ende des Jahrzehnts werden noch mindestens 100 000 Arbeitsplätze verloren gehen. Gerade in Ostdeutschland geht seit 1995 die Produktion zurück, viele Wohnungen stehen leer. Der Boom nach der Wiedervereinigung ist vorbei. Dazu kommt die schlechte Konjunktur. Nach unseren Prognosen wird der Nichtwohnungsbau bis 2010 jährlich um real 1,5 Prozent wachsen. Der Wohnungsbau wird schrumpfen. Wir werden in der Bauindustrie ein ganz geringes Wachstum haben, fast eine Stagnation.

Sind angesichts dieser düsteren Prognose die Forderungen der IG Bau in den derzeitigen Tarifverhandlungen realistisch?

Das, was die Arbeitgeber auf den Tisch gelegt haben, ist am oberen Rand. Ich vermute, dass wir dennoch zu einem höheren Abschluss kommen werden. Das wird zusätzlich Arbeitsplätze kosten. Wegen der hohen Nachfrage nach der Wiedervereinigung hatten wir in der ersten Hälfte der 90er Jahre schon beträchtliche Lohnsteigerungen. Die schlugen anschließend zurück. Hohe Abschlüsse verteuern das Bauen, es wird also weniger gebaut. Diejenigen, die Arbeit haben, werden mehr verdienen. Die Bauindustrie wird produktiver arbeiten, aber mit deutlich weniger Arbeitskräften.

Ist der Osten von der Krise stärker betroffen als der Westen?

Ostdeutsche Bauunternehmen sind besonders von Billigkonkurrenten aus dem Ausland bedroht.

Helfen da Gesetze?

Auf Dauer können Mindestlöhne und Tariftreuegesetze nicht gegen den massiven Wettbewerbsdruck aus Polen oder anderen Ländern helfen. Standardmäßiges Bauen kann im Prinzip jede Volkswirtschaft – im Bau sind viele niedrig qualifizierte Arbeitnehmer beschäftigt. Bei den niedrigen Löhnen in Osteuropa sind wir nicht konkurrenzfähig.

Also kann Deutschland das Bauen aufgeben?

Nein, es gibt auch Bereiche, in denen wir Wettbewerbsvorteile haben. Das sind Bauleistungen mit hohem technologischen Know-how. Oder Pakete aus Bauen und Dienstleistungen. Da geht es nicht nur darum, ein Gebäude zu erstellen, sondern auch zu finanzieren und zu betreiben. Die erfolgreichen unter den großen deutschen Baukonzernen gehen schon in diese Richtung.

Der Staat finanziert einen großen Teil der Bauinvestitionen, kann er mehr tun?

Das ist unwahrscheinlich. Die öffentliche Hand wird weiter sparen müssen.

Was ist der Ausweg?

Man könnte mehr privat finanzieren, dafür bräuchte man allerdings andere gesetzliche Rahmenbedingungen. Von privat finanzierten Autobahnen oder anderen Betreiberlösungen, die es im europäischen Ausland schon gibt, sind wir aber noch weit entfernt. Der Staat darf sich natürlich auch nicht ganz aus der Verantwortung ziehen. Aber er muss ja nicht alles voll finanzieren, eine Teilfinanzierung aus privater Hand wäre denkbar.

Das Gespräch führte Cordula Eubel.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben