Gesetzeslücke : Da steht ein Hund im Büro

Schon klar, Scherzchen mit Namen sind nicht nett. Aber ich kann wirklich nichts dafür, dass die Frau Claudia van de Wauw heißt. Frau van de Wauw steht in Düsseldorf vor dem Arbeitsgericht. Sie will ihr Recht auf Gleichbehandlung durchsetzen. Dagegen hat nämlich ihr Arbeitgeber, der Chef einer Werbeagentur, verstoßen.

Das Corpus Delicti heißt Kaya, hat drei Beine und ist eine Mischlingshündin, der vor Jahren im Industriegebiet von Moskau das vierte Bein abgefahren worden ist. Vermutlich von einem Zug oder von einem Auto, dessen Fahrer anschließend Fahrerflucht begangen hat, auf jeden Fall hat das arme Tier sehr gelitten. Claudia van de Wauw hat Kaya vor vier Jahren adoptiert. Und sie dann jeden Morgen mit ins Büro genommen. Das wurde ihr im vergangenen Jahr verboten. Seit dem 1. Dezember darf Kaya das Büro nicht mehr betreten. Frauchen hat darunter auch sehr gelitten. So sehr, dass sie einen Nervenzusammenbruch hatte und seit Weihnachten ebenfalls nicht mehr im Büro war. Und das alles, weil, wie ihr Chef meint, Kaya aggressiv sei und furchteinflößend, weil, wie Frau van de Wauw sagt, sie einmal geknurrt hat. Und weil die Kollegen von Frau van de Wauw ihrerseits ihre Hunde mit ins Büro nehmen dürfen, muss das Arbeitsgericht Düsseldorf nun grundsätzlich klären, ob alle Hunde vor dem Gesetz gleich sind.

Dass alle Hunde nur spielen wollen, ist eine von ihren Besitzern gerne verbreitete Tatsache. Rocco zum Beispiel am liebsten mit Bällen und Stöckchen und das stundenlang. Andere Hunde auch mit Beinen anderer Menschen. Oder deren Armen. Und Gesäßen. Und das nicht stundenlang, aber ultimativ.

Womit wir bei der zweiten grundsätzlichen Frage sind, die das Düsseldorfer Gericht zu klären hat. Der Frage, ob alle Hunde vor dem Gesetz nicht gleich behandelt werden müssen, sondern gerecht. Gerecht ist es, wenn Hunde nach ihrem Verhalten beurteilt werden. Also Rocco darf in den Wald, Arco hingegen nicht, weil er Hasen jagt und Rehe zu Tode erschreckt. In unserem Fall dürfen nach dem Gleichheitsprinzip alle Hunde ins Büro, nach den Maßgaben der Gerechtigkeit aber nicht. Erschwert wird die richterliche Entscheidung durch den Umstand, dass sich nicht alle Hunde jederzeit gleich verhalten. Vergangenen Mittwoch wurde schon mal verhandelt, Kaya verhielt sich vorbildlich und zeigte sich von ihrer besten, bravsten Seite. Aber was, wenn sie sich, wie so viele Zweibeiner, vor Gericht nur verstellt hat?Helmut Schümann

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