Zeitung Heute : Gesichter der Gewalt

Al Qaida und die Jünger von Osama bin Laden: Die internationale Terrorszene fächert sich auf

Frank Jansen

Osama bin Laden und sein Stellvertreter, der Ägypter Aiman al Sawahiri, sind fünf Jahre nach dem 11. September immer noch frei. Die Sicherheitsbehörden haben nur eine ungefähre Vorstellung vom Aufenthaltsort, noch unklarer ist die aktuelle Bedeutung der beiden für Al Qaida. Und was Al Qaida überhaupt noch darstellt. Sicher ist offenbar nur: Die Terrororganisation hat einen Wandel durchgemacht, der vor fünf Jahren unvorstellbar schien. Denn Al Qaida wird laufend neu erfunden.

Das Ende schien nahe, als US-Truppen im Oktober 2001 in Afghanistan einmarschierten. Doch bin Laden und Hunderte Kämpfer konnten aus der Berghöhlenfestung Tora Bora entkommen. Vermutlich war es gelungen, Kommandeure afghanischer Hilfstruppen der Amerikaner zu bestechen. Bin Laden und Sawahiri flüchteten nach Pakistan, in die „tribal areas“ nahe der afghanischen Grenze. Die Gebiete der schwer bewaffneten Paschtunen- Stämme zwischen Bajaur im Norden und Waziristan im Süden sind für Pakistans Sicherheitskräfte nahezu no-go-areas. Außerdem gilt der pakistanische Geheimdienst ISI, der einst die Taliban förderte, in westlichen Sicherheitskreisen als wenig verlässlicher Partner bei der Suche nach den Anführern der Terrororganisation. Bin Laden und Sawahiri sind jedoch nur begrenzt handlungsfähig. Aus Angst, von US-Satelliten geortet zu werden, verzichtet bin Laden auf Telefonate und E-Mails. Kommuniziert wird nur über Kuriere. Bin Laden ist noch vorsichtiger als Sawahiri, der sich öfter mit Video- und Tonbandbotschaften meldet und damit auffälliger ist.

Nachdem die Amerikaner die Terrorcamps in Afghanistan erobert hatten, gab es nur noch wenige größere Attentate unter Anleitung der Al-Qaida-Spitze. Den Anschlag auf der tunesischen Insel Djerba im April 2002, bei dem 14 deutsche und sieben weitere Touristen starben, hatte Khaled Scheich Mohammed inszeniert, der Chefplaner des Terrorangriffs vom 11. September. Als Mohammed im März 2003 in Pakistan festgenommen wurde, ging bin Laden und Sawahiri der wichtigste „leitende Angestellte“ verloren. Seitdem ist unklar, ob die Al-Qaida-Führung noch Anschläge organisieren kann.

Die Umstrukturierung des islamistischen Terrornetzes begann allerdings schon 2002. Nach Art großer Konzerne, so beschreiben es Sicherheitsexperten, setzte ein Prozess des „Franchising“ ein. Islamistische Terrorgruppen in vielen Ländern machten sich Agenda und Methoden der Al Qaida zu eigen – so blieb der „Markenname“ nicht nur erhalten, er wurde auch weiter verbreitet. Ein Beispiel: Im Oktober 2002 verübte die indonesische Jemaah Islamiyah auf Bali Anschläge, 202 Menschen starben. Die Methode ähnelte den Attentaten vom 11. September: mehrere Explosionen in kurzer Zeit, viele Opfer, symbolische Wirkung. Auf Bali wurde der aus islamistischer Sicht „sündige Tourismus“ der Westler getroffen, in New York und Washington hatten sich die Anschläge gegen Symbole der Wirtschafts- und Militärmacht der führenden Nation des Westens gerichtet. Und westliche Medien begriffen „Bali“ genauso, wie Al Qaida und ihre Verbündeten es wollten: Die Anschläge wurden als Fortsetzung von 9/11 interpretiert. Obwohl Al Qaida auf Bali kaum beteiligt war.

Das makabre „Franchising“ lässt sich in mehreren Ländern beobachten. Im Irak und in Saudi-Arabien sind sogar Gruppierungen aktiv, die den Namen Al Qaida verwenden – obwohl bin Laden und Sawahiri nicht in der Lage sind, die Filialen zu kontrollieren. Der im Juni von den Amerikanern im Irak getötete Abu Mussab al Sarkawi hatte zeitweilig sogar Streit mit Sawahiri, behielt aber das Logo „Al Qaida“ bei – weil es auf junge, kampfeswillige Islamisten eine magische Wirkung ausübt.

Die Terrorszene fächert sich weiter auf. Da gibt es Gruppen wie die Ansar al Islam im Irak, die ein internationales Netz knüpfen und womöglich zu einer zweiten Al Qaida heranwachsen. Und es taucht eine weitere Spezies von Attentätern auf: die „homegrown terrorists“. Junge Muslime aus scheinbar integrierten Einwanderermilieus in westlichen Ländern radikalisieren sich, ohne besonders aufzufallen. Der erste war Mohammed Bouyeri, der im November 2004 in Amsterdam den Filmemacher Theo van Gogh auf offener Straße ermordete. Das Phänomen der „homegrown terrorists“ wurde den Sicherheitsbehörden erst richtig bewusst, als sich im Juli 2005 in London vier einheimische Muslime in die Luft sprengten – und 52 Menschen mit in den Tod rissen. Auch die Londoner Attentate waren von Al Qaida inspiriert: nahezu zeitgleich mehrere Anschläge, viele Opfer, ein symbolhaftes Ziel – Großbritannien sollte für seine Allianz mit den USA und die Teilnahme am Irakkrieg gestraft werden. Es dauerte nur einige Wochen, bis Aiman al Sawahiri die Attentate für Al Qaida reklamierte.

Und es gibt noch einen neuen Tätertyp. Die Kofferbomber, die in zwei deutschen Regionalzügen beinahe ein Inferno verursacht hätten, sind eine Art Instant-Terroristen. Sie waren noch nicht lange in Deutschland, hatten vermutlich keine Kontakte zu Afghanistan-Veteranen oder zu einer Terrororganisation. Der Streit um die Mohammed-Karikaturen im Februar hatte sie angestachelt, aber erst nach dem Tod des Terroristenführers Sarkawi Anfang Juni entschlossen sich die zwei Libanesen zuzuschlagen. Schon am 31. Juli deponierten sie die Kofferbomben in den Zügen. Das Tempo und die tarnkappenartige Unauffälligkeit der beiden Amateure hat die Sicherheitsbehörden in großen Schrecken versetzt. Wieder erinnert die Methode an Al Qaida: Zwei zeitgleiche Detonationen mit grausigen Folgen waren geplant – und mit Deutschland sollte erneut ein westlicher Staat büßen, für den Karikaturenstreit oder was auch immer.

Al Qaida lebt. In Gestalt der Gurus Osama bin Laden und Aiman al Sawahiri, die mit ihren Botschaften zumindest einen Psychokrieg führen können. In den brutalen Methoden anderer Gruppen und in den Köpfen von „homegrown terrorists“ und Kofferbombern. Und vor allem im Internet, das die Terrororganisation und ihre Jünger für Propaganda und die Anwerbung neuer Attentäter nutzen. „Wir haben noch“, sagt ein Sicherheitsexperte, „mindestens 20 schreckliche Jahre vor uns.“

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