Gesine Schwan : Ach je, die Moral

Die SPD hat Gesine Schwan bitter nötig - schließlich liegt die Partei seit geraumer Zeit am Boden. Wer will es also den Genossen verübeln, eine eigene Kandidatin ins Rennen zu schicken - zumal eine so muntere und inspirierende?

Ein Kommentar Malte Lehming
Schwan
Gesine Schwan haucht der SPD neues Leben ein. -Foto: ddp

Sie ist klug, integer, witzig, frisch und munter. Auch im Amt wäre Gesine Schwan, die Bundespräsidentschaftskandidatin der SPD, über alle Zweifel erhaben. Mit ihr wehte ein neuer Wind durchs Schloss Bellevue. Manchmal wäre es ein Wirbelwind, schaden würde das nicht. Insofern ist Gesine Schwan schon jetzt, da sie gerade erst nominiert wurde, erneut eine Bereicherung für das Land. Zumindest regt sie die Fantasie an, lässt ahnen, was möglich ist, wenn mal wieder ein Geistesmensch an der Spitze des Staates steht. Der Reiz dieser Ahnung lebt auch vom Kontrast. Horst Köhler mag grundsolide sein und vom Amtsbonus zehren, aber den Begriff „Inspiration“ verbindet keiner mit ihm.

Verständlich daher, dass die SPD dieser Versuchung – im Unterschied zu Hessens Andrea Ypsilanti – nicht mehr widerstehen konnte. Vielleicht erneuert sie sich ja sogar durch sie, die Bundespartei durch Gesine Schwan. Bitter nötig hat sie es. Angebrochenes Selbstbewusstsein, tiefe Identitätskrise, ständig reaktiv, eingezwängt in die Koalitionsdisziplin, bedrängt von den Ultralinken, Kurt Beck als Chef: Wer will es den Genossen verübeln, dass sie von dem simplen Recht Gebrauch machen, eine eigene Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten ins Rennen zu schicken? Das ist weder anmaßend noch unüblich, weder bricht es die Koalitionsvereinbarung, noch gefährdet es die Arbeit der Regierung. Sondern es zeugt vom Willen zur Selbstbehauptung und zum Kampf. Einer Volkspartei wie dieser kann schließlich selbst der Gegner nicht das Siechtum wünschen. Endlich, möchte man rufen, endlich einmal ein Zeichen, dass sich da noch etwas regt im Parteikörper.

Wäre da nur nicht die Moral. Und die kann ganz schön lästig sein. Bundespräsidentin kann Gesine Schwan nämlich nur werden, wenn Schwarz-Gelb nach der Bayernwahl die Mehrheit in der Bundesversammlung verliert und wenn die Linkspartei, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, für sie stimmt. Das ist ein hartes, unumstößliches Faktum. Dann aber würde das Versprechen der SPD wieder etwas unglaubwürdiger, nach der nächsten Bundestagswahl nicht ebenfalls mit der Linkspartei gemeinsame Sache zu machen. Entschärfen lässt sich dieses Manko nicht. Wohl wahr: Auch andere Kandidaten haben in früheren Wahlen Stimmen von extremen Parteien bekommen, aber diese Stimmen allein haben bisher noch nie die Machtfrage entschieden. Das wäre mit der Wahl von Gesine Schwan ein Novum.

Ein Dilemma, das sich nicht beseitigen lässt, muss bagatellisiert werden. Immer lauter wird von SPD-Seite daher der Beschwichtigungsbeat getrommelt. Dessen Ziel ist die Wiederbelebung der eigenen Partei, dessen Mittel indes ist die Entmoralisierung des Diskurses über die Linkspartei. Die Argumente und Slogans überschlagen sich: Sünden verjährt, Kommunismus tot, Entzauberung durch Einbindung, die Grünen waren auch mal radikal, Schnittmengen suchen statt Dogmen pflegen, Flexibilität statt Ausgrenzung. Wie erfolgreich die Entmoralisierer bereits sind, sieht man daran, in welchem Maß die Moralisten zu nerven beginnen. Sie klingen zunehmend nach Anti-Ostpolitik, Freiheit-statt-Sozialismus-Alternative, Rote-Socken-Kampagne. Also unappetitlich, penetrant, repetierend.

Und so verwandelt sich die politische Moral im Land durch die Kandidatur von Gesine Schwan in eine Geschmacksfrage. Der Wechsel an der Spitze des Staates wird möglich durch einen Kulturbruch, der nicht mehr empfunden wird.

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