Gesine Schwan : Plötzlich Präsidentin

Eigentlich wollte sie „bald mal vier Tage frei machen“. Nun ist Gesine Schwan, scheidende Chefin der Viadrina-Uni, als Nachfolgerin von Horst Köhler im Gespräch

Amory Burchard[Frankfurt (Oder)]

Der Akademische Chor singt „Only you“, er singt a cappella und mit viel Gefühl, denn dies ist eine Hymne: an die Präsidentin. Gesine Schwan hat soeben symbolisch die Schlüsselgewalt über die Viadrina erhalten, die von der staatlichen zur Stiftungsuniversität geworden ist. Es ist ihr Verdienst. Sie sitzt in der Mitte der ersten Reihe, die blonde Turmfrisur ist von allen Plätzen im Audimax der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder gut zu sehen. An diesem Tag im April scheint sich alles um sie zu drehen. Allerdings wird sie die Schlüsselgewalt bald wieder abgeben. Denn nach ihrem 65. Geburtstag, den sie heute feiert, bringt Gesine Schwan noch das Semester in Frankfurt zu Ende, dann geht sie.

Nur wohin? Geht sie nach Berlin, ins Rennen um den Posten des Bundespräsidenten, wie schon 2004, und wieder, wie damals, gegen Horst Köhler? Schwan dementiert nicht, dass Partei und Fraktion sich schon für sie entschieden haben sollen. Sie lacht ihr lautes Lachen, wenn man sie am Telefon direkt fragt, ob sie wieder antritt. Es klingt nach Lust auf den Job.

Frankfurt jedenfalls wird sie fehlen. Gesine Schwan ist zweifellos eine Lichtgestalt gewesen für die Stadt an der Grenze zu Polen. Ihr größter Coup war die Umwandlung der unterfinanzierten Viadrina. Jahrelang hatte sie zäh mit der Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) gerungen. Schwan vertritt ihre Interessen massiv, wenn sie muss; es soll mit der Ministerin auch persönliche Spannungen gegeben haben. Am Ende hat Wanka klein beigegeben. Die Viadrina erhält weiterhin Landeszuschüsse, zusätzlich Mittel aus einer deutsch-polnischen Wissenschaftsstiftung und bekam von Unternehmern aus der Region immerhin 200 000 Euro Startkapital. Sie bleibt eine internationale Hochschule – mit mehrsprachigen Studiengängen und Lehrenden aus dem Ausland. International ist auch die Präsidentin: Schwan spricht Englisch, Französisch undPolnisch. Fließend.

Wer Gesine Schwan in Frankfurt/Oder nachfolgt, ist noch nicht klar. „Es gibt noch keinen Namen“, sagt sie am Telefon. Und dann charakterisiert sie den Neuen so, als spräche sie über sich selbst: „Es sollte eine Persönlichkeit sein, die Erfahrungen mit Polen und Mittelosteuropa hat, sich im politischen Raum bewegen kann, Managementerfahrung hat und etwas von Öffentlichkeitsarbeit versteht.“ Schwan ist sehr selbstbewusst. Sie ist auch sehr energisch, antwortet rasend schnell, man kann kaum mitschreiben. Sie ist begeistert von dem, was sie geleistet hat, das wirkt auch mitreißend.

Gesine Schwan ist vor allem ein Arbeitstier. Wer nach Hinweisen sucht, was für eine Art Bundespräsidentin sie wäre, muss daher zuerst in ihrem Berufsleben stöbern. Die zeigt sie als Langstreckenläuferin und Hürdenspringerin zugleich.

Über 20 Jahre war sie Professorin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften der Freien Universität Berlin, zuletzt auch als Dekanin. 1999 wurde Gesine Schwan dann als Präsidentin an die Viadrina nach Frankfurt (Oder) berufen. Parallel zu ihrer akademischen Karriere hat sie aber auch Politik gemacht – mit ebensolchem Beharrungsvermögen, manche nennen es Sturheit. 1984 wurde sie aus der Grundwertekommission der SPD gedrängt, weil sie gegen die unkritische Haltung zu den kommunistischen Regimen rebelliert hatte. Schwan, Tochter eines Lehrers aus Reinickendorf, gilt eher als konservativ. Ihre Eltern gehörten im Nationalsozialismus dem sozialistischen und protestantischen Widerstand an, im letzten Kriegsjahr hatten sie eine Jüdin versteckt. Die Tochter bekannte sich später zum Katholizismus, später studierte sie in Warschau und Krakau – auch weil sie sich zu den in der NS-Zeit verfemten polnischen Nachbarn hingezogen fühlte.

Trotz aller Eingenwilligkeit hat sich Gesine Schwan von ihrer Partei aber nie weit entfernt. Seit 1996 ist sie wieder in der Grundsatzkommission. 2004 schließlich wurde sie Kandidatin von SPD und Grünen für das Amt der Bundespräsidentin.

Es ist schon auffällig, dass in Uni- und Politikbetrieb und auch in den Medien nur wenige Kritiker der Gesine Schwan zu finden sind. Sie lasse sich „wahnsinnig intensiv auf andere Menschen ein“, was auch anstrengend sei, sagt sie von sich selbst – und hat offenbar Erfolg. Wohl umso mehr, als ihr Politikstil alles andere als angepasst ist. Ihre wilde Lache irritiert, trippelnd fegt sie auf hohen Absätzen durch die Gegend, und ihre exzentrische Hochfrisur trägt sie unbeirrt vom Spott. In den Reihen der Berufspolitiker wirkt sie erfrischend. Auch gegen den oft gehemmt wirkenden Horst Köhler.

Als Gesine Schwan das erste Mal gegen Köhler antrat, hatte sie das „Vertrauen“ zu ihrem Thema gemacht, hatte für mehr Vertrauen in Politik und die Politiker geworben. In der „Zeit“ stand damals, Schwans Erfolg habe „gezeigt, dass die wesentliche Voraussetzung für das Vertrauen in Institutionen immer noch das schlichte Vertrauen in einzelne Personen ist. Man bringt es ihr entgegen, weil sie meint, was sie sagt; weil sie ihr Gegenüber erkennbar ernst nimmt.“ Und weil sie ohne Vorbehalt spreche. Also mitunter ziemlich frech.

Dass diese Kandidatur scheitern würde, war wegen der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung früh klar. Doch Schwan nutzte kühl ihre Chance, um sich politisch zu profilieren – und ihre Uni gleich mit ins Rampenlicht zu ziehen. „Das war eine Win-Win-Situation“, sagt Schwan heute. Immerhin: Unmittelbar nach Köhlers Wahl kam Kanzler Schröders Zusage für die 50-Millionen-Wissenschaftsstiftung. Schwan wurde außerdem Polen-Beauftragten der Bundesregierung.

Wenn sie jetzt wieder kandidiert, könnte das erneut eine „Win-Win-Situation“ werden – für ihr nächstes Projekt. Im Herbst nimmt in Berlin die Humboldt Viadrina School of Governance den Betrieb auf, die Führungskräfte für Politik, Verwaltung und NGOs ausbilden will, und Schwan möchte dort lehren; ob sie auch Chefin wird, ist noch unklar. Auch diese Institution braucht noch viel Werbung.

Sie will dort auch mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein neues Modell für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aushandeln. „Es geht um Entschleunigung“, sagt Schwan. Sie setzt sich dafür ein, dass junge Mütter und Väter flexible Arbeitszeiten bekommen, um sich ihrer Familie zu widmen und mit Mitte, Ende 40 beruflich noch einmal durchstarten zu können. Sie selbst hatte mit ihrem ersten Mann, dem 1989 verstorbenen Politikwissenschaftler Alexander Schwan, und zwei Kindern eine aufreibende Doppelbelastung gelebt. Heute ist sie mit Peter Eigen verheiratet, dem Mitbegründer von Transparency International.

Bevor die Gerüchte um ihre Kandidatur in der Welt waren, hat sie mal gesagt, sie freue sich darauf, „bald auch mal vier Tage frei zu machen“. In den nächsten Wochen wird das wohl nicht gehen.

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