Zeitung Heute : Gespaltenes Urteil

In Schweden führte ein Kurzschluss fast zur Katastrophe – in Deutschland soll das nach Ansicht der Akw-Betreiber nicht möglich sein

Anselm Waldermann

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat die Reaktion der deutschen Akw-Betreiber auf den Störfall im schwedischen Atommeiler Forsmark kritisiert. Inwieweit wäre ein ähnlicher Unfall auch in einem deutschen Atomkraftwerk möglich?


Genau kann das derzeit noch niemand sagen. Zumindest eine „vorläufige Einschätzung“ könne man aber geben, sagt Wolfgang Renneberg, Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium. Demnach soll ein Störfall wie im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark in Deutschland nicht möglich sein. Nach einer vorläufigen Analyse habe sich der Verdacht, dass deutsche Atomkraftwerke ähnlich reagieren könnten wie in Schweden, nicht erhärtet. Noch am Sonntag hatte dagegen Wolfram König, Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, die Akw-Betreiber gerügt, sie hätten zu schnell Entwarnung gegeben.

In Forsmark waren am 25. Juli zwei der vier Notstromaggregate ausgefallen. Aus Sicherheitsgründen waren daraufhin mehrere Atommeiler in Schweden abgeschaltet worden. Grund für den Ausfall war ein Kurzschluss, dessen Ursache unklar ist. „Der Fehler lag im Übertragungsnetz von außen“, sagt Martin May vom schwedischen Betreiberkonzern Vattenfall.

Nachdem der reguläre Strom ausfiel, hätten alle vier Dieselaggregate für die Notstromversorgung anspringen müssen – doch nur zwei taten ihren Dienst. „Das reichte aber völlig für 100 Prozent der Stromversorgung“, sagt May. Vorwürfe, der Reaktor sei nur sieben Minuten von einer Kernschmelze entfernt gewesen, seien abwegig. Selbst beim Ausfall eines weiteren Notstromaggregats wäre die Versorgung des Kraftwerks gesichert gewesen – zum Beispiel über das regionale Stromnetz.

Am Wochenende hat Vattenfall den Störfall in einer Simulation noch einmal nachgespielt. Dabei kam es zum gleichen Fehlerverlauf wie zuvor in der Realität. Nun will der Konzern einen Bericht an die schwedischen Aufsichtsbehörden übermitteln. Details nannte May nicht.

Allerdings mehren sich die Hinweise, dass das Problem bei einem sogenannten Wechselgleichrichter gelegen hat. Dieses Gerät wandelt den Netzstrom von außen in Gleichstrom für die Kontrollgeräte um. Offenbar fiel durch den Kurzschluss mindestens ein Wechselgleichrichter aus – und setzte damit die Fehlerkette in Gang. Das Gerät soll von der deutschen Firma AEG stammen, deren Kraftwerksparte inzwischen zum französischen Alstom-Konzern gehört.

Nach Angaben aller deutschen Akw-Betreiber sind solche Wechselgleichrichter in deutschen Kraftwerken nicht im Einsatz. Sprecher von RWE, EnBW und Eon betonten: „Wir haben keine solchen Geräte.“ Das Bundesamt für Strahlenschutz hat darüber allerdings keine Erkenntnisse. Vattenfall wiederum benutzt Wechselgleichrichter von AEG, allerdings aus einer anderen Baugruppe als in Schweden.

Experten halten diese Frage aber ohnehin für nebensächlich. „Keiner kann sagen, ob ein Gerät von Siemens besser gewesen wäre als eines von AEG“, erklärt Michael Sailer vom Ökoinstitut. Entscheidend sei die Frage, „ob in deutschen Kraftwerken die gleiche Schaltlogik besteht wie in Forsmark“. So dürften sich Schwankungen in der Netzspannung von außen nicht nach innen auswirken; außerdem müsse gewährleistet sein, dass Notstromaggregate auch dann anzuschalten sind, wenn der Wechselgleichrichter ausfällt. „Für welche Kraftwerke in Deutschland das gilt und für welche nicht, muss noch geprüft werden“, sagt Sailer. Bei Vattenfall heißt es, dass in deutschen Kraftwerken – anders als in Schweden – ein Überspannungsschutz eingebaut sei.

Deutlich skeptischer sieht das die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW. In den vergangenen 30 Jahren habe es in Deutschland mindestens neun ähnliche Störfälle wie in Schweden gegeben. So sei 1977 ein externer Kurzschluss nach einem Blitzeinschlag Ursache für einen Totalschaden am Block A des Reaktors Gundremmingen in Bayern gewesen.

Das Umweltministerium betont hingegen, dass noch nicht alle Fragen geklärt seien. An diesem Dienstag sollen die Bundesländer Berichte zur Sicherheit der deutschen Kraftwerke abgeben. Sollte es Zweifel geben, will Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) den Druck erhöhen: Dann müssten die Anlagen notfalls außer Betrieb gesetzt werden, fordert er.

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