Zeitung Heute : Gespenster der Geschichte

Ulrich Matthes spielt Goebbels und versteckt die Hakenkreuzbinde unter einem Bademantel. Wegen der alten Frauen auf der Straße, sagt er. In St.Petersburg wird „Der Untergang“ gedreht, ein Film über die letzten Tage des Dritten Reiches. Bericht aus einer belagerten Stadt.

Christiane Peitz[St.Petersburg]

Von Christiane Peitz,

St.Petersburg

Die Uniform steht ihm gut. Der Komparse mit dem kantigen Gesicht hat gerade Drehpause. Bereitwillig erklärt uns der junge Russe aus St.Petersburg seine Sympathie für die Nationalsozialisten, mit knappen Sätzen und weichen Gesten. Er ist gelernter Kulturologe – das Fach ersetzt an der Uni den Marxismus-Leninismus –, und er spricht von Mystik und Stammeskultur, vom gescheiterten Projekt Freiheit und vom Menschen, der Ordnung braucht wie eine Wand, an die er sich lehnen kann. Seine Halsschlagader tritt scharf hervor, aber der Feuerschein von den Häuserwänden flackert mild über seine Wangen.

Dies ist eine Gespenstergeschichte. Sie spielt im September 2003 und im Frühling 1945. Sie findet in St.Petersburg statt, dem Venedig des Nordens, das Peter der Große vor 300 Jahren dem Newa-Delta abtrotzte und das sich vor lauter Vergangenheit in der Gegenwart nicht zurechtfinden mag. Und sie spielt in Berlin, während der letzten Tage des Dritten Reichs, dessen Führer vor lauter Zukunftswahn die Gegenwart in den Untergang riss.

So hat es Joachim Fest in „Der Untergang“ beschrieben, und so soll es nun auf die Leinwand: Für 14 Millionen Euro produziert Bernd Eichinger den aufwändigsten deutschen Film seit „Das Boot“, gedreht wird in St.Petersburg und den Münchner Bavaria-Studios. Jetzt steht Eichinger vor der Pochtamsky-Brücke über die Mojka, die heute Nacht die Rolle der Spree übernehmen wird, und erklärt, warum er selbst das Drehbuch geschrieben hat. Seit 20 Jahren treibt ihn die Frage um, warum so schnell hintereinander zwei Weltkriege stattfinden konnten. Aus so einer Frage kann man keinen Film machen, sehr wohl aber aus Fests historischer Skizze, in der die Wahnwelt des Kriegs in zehn Tagen kulminiert. Und aus der Perspektive einer jungen Frau, der Hitler-Sekretärin Traudl Junge, die mit 23 den Zusammenbruch der Zivilisation erlebte. Ihre Aufzeichnungen „Bis zur letzten Stunde“ wurden 2002 veröffentlicht, kurz vor ihrem Tod.

Eichinger schickte das Drehbuch an Joachim Fest, bat um dessen Okay, engagierte den Schauspielstar Bruno Ganz für die Hitler-Rolle und Oliver Hirschbiegel für die Regie. Seit „Das Experiment“ ist Hirschbiegel Experte für Menschen in Extremsituationen. „Wir drehen keinen Hitlerfilm, keinen Kriegsfilm, keinen Actionfilm“, betont Eichinger im Abendlicht von St.Petersburg, diesem unwirklichen, poetischen Licht, das allmählich der Nacht weicht. Einer Kriegsfilmnacht. „Ich wollte wissen: Warum machen die Leute weiter, selbst als Hitler schon tot ist? Welche Autosuggestion führt dazu, dass keiner Stopp sagt?“ Eichinger nennt es vorausschauende Lethargie. Eine Art Untot-Sein angesichts des Wahnsinns. Gespensterdasein. Ja doch, er will die Generation seiner Eltern begreifen. „Der Untergang“, ein 68er-Film? Der Poduzent lacht.

Ruhe bitte, wir drehen. Autowracks brennen rund um die ramponierte Berliner U-Bahnstation, Tore und Fenster sind mit Sandsäcken verbarrikadiert, Stacheldraht und Rotarmisten versperren den Zugang zur Brücke. Ein paar Wehrmachtssoldaten rennen im Schutz der Dunkelheit von der U-Bahn über den Spreesteg und werden beschossen. Darunter ist auch der letzte Trupp aus Hitlers Bunker: Traudl Junge und ihre Kollegin, ein Adjutant und der Reichskanzleiarzt Schenck sowie SS-Gruppenführer Mohnke.

Realistisch soll es sein. Viel Nacht, viel Handkamera, keine Special Effects. Und trotzdem kein klassisches Erzählkino, erklärt Eichinger in der nächsten Drehpause. Schließlich kommen nur Täter vor, nur die „Bösen“. Also nichts Menschelndes, von wegen Hitler mit Hund Blondi? Ein nüchterner, kühler, quasi-dokumentarischer Film vom Mainstream-Produzenten Eichinger? Solches Misstrauen pariert der Münchner mit der Parole vom Kino der Faszination, das das Kino der Identifikation ablösen werde. Aber er gesteht freimütig, dass Krieg filmen trotzdem immer ein bisschen wie Krieg führen ist.

Große Jungs mit teurem Spielzeug, so sieht es auch vor der Pochtamsky-Brücke aus. Dutzende Komparsen in Wehrmachts- und RoteArmee-Uniformen mit blutverkrusteten Gesichtern werden per Megaphon instruiert, darunter auch unser Kulturologe. Gasflaschen versorgen die Flammenherde. Regisseur Hirschbiegel lässt die flackernden Feuerscheinwerfer am Ende des Mojka-Kais höher einstellen. Der Wind wirbelt den Staub zu Nebelwolken auf, und der Regieassistent ruft nach ein paar zusätzlichen Leichen.

Und bitte nochmal: ab über die Brücke.

Man kann sie kaum erkennen. Alexandra Maria Lara, die fröhliche Frau aus Doris Dörries „Nackt“, spielt Traudl Junge, Birgit Minichmayr aus „Liegen Lernen“ ist dabei und André Hennicke aus „Der alte Affe Angst“. Lauter Schattenwesen, Weltkriegsgeister. Und weil es ein Kinokrieg ist, findet die Flucht ohne Detonationen statt. Der Gefechtslärm kommt später, über die Tonspur. Jetzt klappern nur die Tornister, Pistolen und Feldflaschen an den Uniform-Gürteln. Keine Frage, es spukt.

Schließlich ist St.Petersburg die Stadt der Sümpfe, der Moorgötter, der Sinnestäuschung. Hier, wo Dostojewskis „Doppelgänger“ durch die Gassen huschte, kann man prima Berlin 1945 spielen. Prag ist zu alt, Warschau zu neu, aber die Architektur der Prachtstraßen und die klassizistischen Häuserfluchten noch in der kleinsten Gasse bieten eine perfekte Berlin-Kulisse. Dabei ist der Drehort logistisch nicht einfach zu handhaben. Da die Newa-Brücken, die die mehr als 40 Inseln der Stadt miteinander verbinden, um zwei Uhr morgens für die Ozeandampfer hochgezogen werden, müssen die Statisten bei den Nachtdrehs am Set campieren. Aber der Aufwand lohnt sich, denn hier ist alles Fassade: Die Stadt der weißen Nächte und schwarzen Tage entstand wie auf dem Reißbrett, noch dazu mit deutschen Baumeistern, Leo von Klenze zum Beispiel und Andreas Schlüter, dem Architekten des Berliner Schlosses. Damals, als St.Petersburg noch St.Petersburg hieß und die Deutschen noch Freunde waren.

Später hieß es Leningrad und wurde von den Nazis belagert. 900 Tage lang: Mehr als eine Million Menschen kamen ums Leben, ermordet, verhungert, erfroren. Wer sich der Stadt vom Flughafen Pulkowo nähert, passiert ein bombastisches Denkmal, das an die Toten von damals erinnert. Und nun, 60 Jahre später, belagert ein deutsches Filmteam erneut St. Petersburg, sperrt Straßenzüge ab und steckt Hunderte von Russen in Wehrmachtsuniformen. Deshalb hat das Team das Gespräch mit den Bewohnern gesucht. Mit Erfolg: Am Ende störte sich die örtliche Presse nur daran, dass ausgerechnet die ruinöse Seite der Zarenstadt nun auf Zelluloid gebannt werden soll.

Der Berliner Schauspieler Ulrich Matthes spielt Joseph Goebbels. Er steht am Rande des Sets an der Bolschaja-Morskaja-Straße und stellt sich bereitwillig unseren Fragen. Goebbels spielen, in St.Petersburg, geht das? Ja, sagt Matthes, mit Stolz und Scham. Stolz, bei diesem Projekt mitwirken zu dürfen, und Scham darüber, dass es einen wie Goebbels überhaupt gegeben hat. Er hat dessen Tagebücher gelesen, 1500 Seiten, und dazu die von Victor Klemperer: den Täter im Kopf, das Opfer im Herzen. „Man begreift schon etwas von Goebbels’ Tricks, seiner Obsession, seiner Boshaftigkeit – und trotzdem bleibt es mir ein Rätsel, wie einem Menschen jegliche Empathie fehlen kann. Diese Kälte wird mir fremd bleiben.“

Trotzdem versucht er, Goebbels nahe zu kommen. Bloß beschützen kann er ihn nicht. Sonst tut er das mit all seinen Figuren, und er wird es wohl auch mit dem KZ-Häftling tun, den er in Volker Schlöndorffs neuem Film spielen wird, zwei Wochen nach Drehschluss. Absurd, so ein Schauspielerleben, sagt Matthes. Zwei Mal hintereinander spielt er Nazi-Zeit, erst einen Täter, dann ein Opfer. Für den Täter hat er Goebbels’ Humpeln gelernt, sich den rheinischen Dialekt antrainiert und den charakteristischen Goebbels-Sound. Und er hat sich am Vortag, als ein paar Häuser weiter in der früheren deutschen Botschaft Hitlers Geburtstag gedreht wurde, die Hakenkreuzbinde übergestreift. Er war in den mit NS-Emblemen ausstaffierten Saal in der Bolschaja Morskaja Nr. 41 getreten, hatte dem abergläubischen Hitler das Horoskop überbracht, nachdem Albert Speer das Modell seiner gigantischen Germania-Halle präsentierte. Aber auf dem kurzen Weg vom Wohnwagen zum Set hatte Matthes seine Unifrom doch lieber unter einem Bademantel versteckt. Wegen der alten Frauen auf der Straße.

Absurd, sagt Ulrich Matthes noch einmal. Und meint die literarischen Geister. Von wegen Filmstadt: St.Petersburg ist die Stadt der Dichter! Tolstoi, Puschkin, Gogol, Achmatova, Mandelstam: Keine andere junge Metropole hat so viel Literatur über sich selbst hervorgebracht. Erinnerung, sprich: 50 Meter weiter, Hausnummer 47, steht das Geburtshaus von Vladimir Nabokov, den Matthes verehrt. Um die Ecke schrieb Dostojewski seine Erzählungen, neben der Botschaft lebte Diderot, gegenüber steht das Hotel Astoria. Dort hatte Hitler die Siegesfeier für die Eroberung von St. Petersburg geplant; die Einladungskarten für den 21. Juli 1941 waren schon gedruckt. Und hier, im Astoria am Isaaksplatz, wo berittene Gendarmen während der Dezemberrevolution 1905 Kinder von den Bäumen schossen, wohnt das Filmteam: neben Eichinger und den anderen auch Juliane Köhler als Hitler-Geliebte Eva Braun.

Am Morgen hatte sie sich entschuldigt, weil sie noch üben möchte für ihren Tanz auf dem Tisch bei der Geburtstagsfeier. Und Bruno Ganz hatte im Foyer gestanden, mit Hitler-Bart und hinter dem Rücken verschränkten Händen.

Am nächsten Tag spaziert Ganz durch die Eremitage, ein Gespenst der Geschichte im schönsten Museum der Welt. Derweil beten die Mütterchen im Halbdunkel der St.-Nikolaus-Kathedrale. Sie bekreuzigen sich mit krummem Rücken, küssen die Ikonen und sind winzig klein. Damals, bei der Belagerung, waren sie junge, schöne Mädchen. Und der Herbst wirft sein melancholisches Licht auf die melancholische Stadt am Rande Europas.

In der Nacht hatte der junge Kulturologe gesagt, sein marodes Land sei ein guter Drehort für den „Untergang“. Er hatte dabei nichts Zackiges an sich. Ulrich Matthes, der Propagandaminister, war darüber trotzdem ziemlich erschrocken.

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