Zeitung Heute : Gespenster verjagen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Ein Schrei durchschneidet die nächtliche Stille. Ich springe aus dem Bett, hinüber ins Zimmer meiner Tochter. Emma steht kerzengerade und schweißnass vor mir. „Da war ein Gespenst.“ Sie zeigt auf die Wand, vor der das Schaukelpferd das hereinfallende Straßenlicht zu Schattengestalten bricht. Ich versuche sie zu beruhigen. „Es gibt keine Gespenster, Emma.“

Wozu das Kind mit der Wahrheit beunruhigen, dazu noch mitten in der Nacht? Es ist schon seltsam mit uns Erwachsenen: Da erzählen wir unseren Kindern Märchen und erschrecken sie mit mädchenfressenden Wölfen und bösen Hexen, und kaum ist ihre Phantasie angeregt, tun wir alles als Hirngespinste ab. Dabei wissen wir doch, wie lebendig Kopfgeburten sein können. Natürlich gibt es Gespenster! Man muss keinen Pilztee aus spitzkegeligen Kahlköpfen trinken, um sie zu Gesicht zu bekommen: Junge Glatzen-Zombies, auferstanden aus dem Dritten Reich, greise Stasi-Poltergeister, die in Geschichtsvereinen ihre ehemaligen Gefangenen verhöhnen, oder mutierte Schriftsteller, die als deutsche Serbenführer herumspuken. In Berlin lauern überall Gespenster. Verdrängte Plagegeister hausen in den Zwischenwelten unbewältigter Vergangenheit. Huuuahhh – echt gruselig! Die Monster der Gegenwart, zum Beispiel das Ungeheuer der Nettoneuverschuldung, wirken dagegen lächerlich.

Emma wird früh genug von ihnen erfahren. Fürs Erste wiege ich sie in der Illusion, dass die Schattenwesen nur nächtliche Traumgebilde sind, die verpuffen, sobald man sich die Augen richtig reibt. Ein hübsches schwedisches Kinderbuch hilft dabei. Darin entpuppen sich die vermeintlichen Gespenster bei Licht betrachtet als harmlose Wäsche auf einer Leine, die der Wind bewegt.

Gunilla Bergström: „Du siehst Gespenster, Willi Wiberg“ gibt es als Buch nur auszuleihen, zum Beispiel in der Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg. Ein Gruselkabinett für Erwachsene finden Sie in Hohenschönhausen: die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis (Genslerstr. 66). Informationen über geführte Rundgänge unter Tel. 9860 8230.

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