Gespräch mit Lars Eidinger über "Tartuffe" : Wahrheit als Maskerade

SCHAUBÜHNE Lars Eidinger spielt den Betrüger und Heuchler in Michael Thalheimers zugespitzter Version von Molières „Tartuffe“.

PATRICK WILDERMANN

Wem soll man hier glauben? Tartuffe sicher nicht. Der wird schließlich schon im Stücktitel „Betrüger“ genannt. Und wenige Seiten später als Heuchler, Frömmler, Fresssack eingeführt. „Rebhühner gab's, er hat sich zwei genommen. Und ließ sich dann noch eine Hammelkeule kommen“, echauffiert sich die resolute Dorine über die Frühstückvöllerei des sauberen Herrn. „Vielleicht hat er ja auch nur einen Kaffee getrunken und das war's“, hält Lars Eidinger dagegen. "Wenn Figuren über andere Figuren reden, geht man interessanterweise nie davon aus, dass sie lügen“, gibt er zu bedenken. „Auch als Schauspieler fällt man gerne darauf herein.“ Was aber, wenn man Tartuffe einfach mal genau zuhöre? Der sage doch freimütig über sich selbst: „Ich bin ein Sünder, durch und durch verdorben. In mir ist jedes Scham- und Ehrgefühl gestorben.“ Womöglich, kehrt Eidinger die gängige Lesart von Molières Blenderkomödie um, „ist in einer Welt, die auf Lug und Trug gebaut ist, Wahrheit die beste Maskerade.“

Für Eidinger ist es eine Wiederbegegnung mit Molière unter neuen Vorzeichen. Er hat schon den radikalen Aufrichtigkeits-Apostel Alceste im „Menschenfeind“ gespielt. Jetzt gibt er den vermeintlichen Familienverführer, der sich beim braven Orgon einzeckt und ihn um Haus und Frau zu bringen versucht. Und das im Namen des Herrn. Ein Motiv, das Eidinger durchaus nicht überkommen erscheint. „Gerade was Bigotterie und Doppelmoral angeht, finde ich das Stück sehr spannend.“ Erst unlängst war er auf Gastspielreise mit „Hedda Gabler“ in Rom. Eidinger, Atheist und Jürgen-Drewermann-Fan, besuchte auch den Petersdom. „Vor der Tür liegen die Bettler und Geistliche im Talar steigen über sie hinweg, drinnen klebt das Gold an der Decke.“ Nicht fern in seinen Augen von der verlogenen Gesellschaft, die Molière beschreibt.

Dieser „Tartuffe“ ist die erste Zusammenarbeit von Lars Eidinger und Michael Thalheimer. Was man sich nur als Clash der Naturelle vorstellen kann: hier der formstrenge Regie-Extremist, dort der entfesselungsfreudige Freigeist. Für Eidinger liegt gerade darin der Reiz: „Mir war klar, dass mich die Arbeit als Schauspieler neu fordert, dass es eine fremde Welt ist.“ Er sei es gewohnt von der Arbeit mit Thomas Ostermeier, aus dem spielerischen Moment zu schöpfen, viel zu improvisieren. Ein Beispiel: Gleich in der ersten „Hamlet“-Probe wagte er sich an den legendären „Sein oder Nichtsein“-Monolog. Um bloß keine falsche Ehrfurcht aufkommen zu lassen. „Bei Thalheimer sitzt man dagegen sehr lange am Tisch und durchdringt die Figuren, bis man den Schritt auf die Bühne wagt.“ Willkommenes Neuland. Sie stehen noch ganz am Anfang der Proben, aber Eidinger schwärmt schon vom hohen Niveau der Auseinandersetzung: „Thalheimer ist wahnsinnig intelligent, sehr scharf und präzise im Denken.“

Man muss an dieser Stelle keine Liebedienerei befürchten. Dass Eidinger im Zweifelsfall kein Blatt vor den Mund nimmt, hat er gerade erst wieder in einem grandios-provokationslustigen Interview mit dem „Sonntag“ des Tagesspiegels bewiesen. Über Frauenfußball als Fall für die Paralympics ließ er sich aus, über sein vermeintlich gewaltiges Bühnen-Ego, Erektionen vor der Kamera – bei genauem Lesen aber war es ein sehr reflektiertes Sinnieren über die eigenen Wirkmechanismen und die seiner Zunft. Das schönste Kompliment kam danach vom Kollegen Felix Römer. „Der sagte, es hätte ihn an Thomas Bernhard erinnert“, lächelt Eidinger. Und setzt hinzu: „Das Einzige, was ich nicht sein will, ist gefällig oder konform.“ Warum diese allgemeine Verzagtheit, wovor die Angst, „warum gehen viele nicht offensiver mit ihrer Haltung um?“ Das fragt er sich oft.

Was ihn zurück auf Molière bringt. Solche Themen werden im Stück schließlich auch angestoßen. „Tartuffe“, sagt Eidinger, „ist ja ein Spiegel. Er konfrontiert die Menschen mit ihren eigenen Sehnsüchten.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere am 20.12., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 21., 25. und 27.12., jeweils 20 Uhr

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