Zeitung Heute : Gestraft bis zum Tod

So etwas Menschenverachtendes habe er noch nicht erlebt, sagt der Richter. Lebenslang lautet sein Urteil für die beiden Mörder von Sonja und Tom. Für die Forderung nach der Todesstrafe hat er kein Verständnis. Damit würde sich die Justiz auf die primitive Ebene der Täter hinablassen.

Marianne Quoirin[Aachen]

KINDERMÖRDER – WEGSPERREN FÜR IMMER?

Die Verurteilung zu lebenslanger Freiheitsstrafe überraschte die Zuhörer im Schwurgerichtssaal des Aachener Landgerichts nicht. Zweifacher Mord in Tateinheit mit Freiheitsberaubung mit Todesfolge sowie sexueller Missbrauch und sexuelle Nötigung – so lautete die Anklage. Zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest, die der 34-jährige Markus Lewendel und sein 28-jähriger Komplize Markus Wirtz durch die Verbrechen an den beiden Kindern Sonja und Tom aus Eschweiler auf sich geladen haben. Dennoch beeindruckte die Urteilsbegründung viele im Saal so nachhaltig, dass sie ihn später ohne die üblichen Kommentare zum Thema Rache und Vergeltung verließen.

In der Beschreibung des strahlend schönen Frühlingssonntags, an dem die neunjährige Sonja und ihr zwei Jahre älterer Bruder Tom auf dem Zechengelände in der Nähe ihres Elternhauses verschwanden und das Unheil seinen Lauf nahm, lässt der Vorsitzende Richter Gerd Nohl noch einmal allen bewusst werden, welch unvorstellbares Schicksal über die Kinder und ihre Eltern hereinbrach: Am 31. März wurde Tom ermordet aufgefunden, am 4. April seine Schwester Sonja. Die Qual für die Familie hat nicht aufgehört, als den Entführern und Mördern ihrer Kinder der Prozess gemacht wurde. Dass ein solches Verfahren nicht verhandelt werden kann wie jedes andere, sondern ein besonderes Einfühlungsvermögen und Takt verlangt, hat der Vorsitzende Richter während des Verfahrens bewiesen – und nun auch bei der Urteilsbegründung. Der Jurist, der auf Erfahrungen mit mehr als 100 Schwurgerichtsverfahren zurückgreifen kann, verzichtete auf die Schilderung des Verbrechens mit all den entsetzlichen Details und bekannte: „Ich habe bislang in keinem Verfahren, an dem ich beteiligt war, etwas Kaltherzigeres, Grausameres, Menschenverachtenderes und Unbegreiflicheres gehört oder gesehen als in diesem Prozess. Es ist etwas so Furchtbares geschehen, für das es Vergebung nicht gibt."

Er erinnert daran, dass sich die beiden jungen Männer auf die Suche „nach kleinen Mädchen" begeben hätten „mit den Babyschuhen von Wirtz vor der Windschutzscheibe und den Mordwerkzeugen im Kofferraum". Richter Nohl gibt zu, bis zur Urteilsbegründung überlegt zu haben, ob er „wegen der Stimmen auf der Straße, am Stammtisch und im Bus" das Urteil tatsächlich „im Namen des Volkes“ verkünden soll. „Ich habe es getan in der Hoffnung, dass die Mehrheit des Volkes unser Urteil versteht", sagte er.

Zum Auftakt des Prozesses hatte es Demonstrationen zur Wiedereinführung der Todesstrafe gegeben, auch das Gericht ist mit solchen Forderungen überhäuft worden. „Mit der Todesstrafe", sagte Nohl, „würden wir uns auf dieselbe primitive Ebene herablassen, auf der der Mörder sich bewegt." Der Richter sagt aber auch: „Ich gehe davon aus, dass das, was die beiden in den folgenden Jahren erwartet, schlimmer sein wird als der Tod. Sie werden im Gefängnis als Kindermörder und Kinderschänder auf der untersten Stufe stehen und werden sich lange Zeit im Gefängnis nicht gefahrlos bewegen können."

Bei der nur 40 Minuten dauernden Begründung des Urteils schaute Markus Lewendel Kaugummi kauend aus dem Fenster, Markus Wirtz weinte vor sich hin. Eine Einstufung der Morde als besonders heimtückisch und grausam, wie es die Nebenklage forderte, lehnte die Strafkammer ab. Nohl betonte, dass diese Qualifikation für die Bemessung des Strafmaßes keine Rolle gespielt hat. Auch eine Sicherheitsverwahrung nach Verbüßen der lebenslangen Freiheitsstrafe hat das Gericht für überflüssig befunden. Zu gegebener Zeit würden ohnehin die Bedingungen für eine mögliche Sicherheitsverwahrung geprüft.

Nohl erinnerte daran, dass in Nordrhein-Westfalen zu lebenslanger Haft verurteilte im Durchschnitt 20 Jahre und zwei Monate hinter Gittern bleiben. Und wenn ein Gericht die besondere Schwere der Schuld festgestellt habe, werde in NRW frühestens nach 18 Jahren geprüft, ob Umstände für eine vorzeitige Entlassung vorliegen. „Man kann sagen", sagte Richter Nohl, „dass in diesem Fall eine Entlassung sehr weit jenseits der 18 Jahre liegen wird." Noch einmal sprach der Richter über die beiden ermordeten Kinder: Die Geschwister Tom und Sonja hätten sehr aneinander gehangen. Er erinnerte an Polizeibeamte und Nachbarn, die im Zeugenstand um Fassung gerungen hatten. Und er dachte an die Eltern von Tom und Sonja, an die Verwandten und Freunde, die „die Bürde ein Leben lang mit sich tragen werden“. „Ich hoffe, dass bei den Eltern eine relative Ruhe einkehren wird und ich hoffe, dass sie allein und schweigend das Grab ihrer Kinder besuchen können, ohne dass sie Fragen beantworten müssen“, sagte Gerd Nohl.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar