Gestrandet : Mallorca Forever

Es sollte ein Kurztrip in die Sonne werden. Doch dann darf unser Mitarbeiter nicht zurück. Und auch im Paradies geht irgendwann das Waschmittel aus.

Die Engpässe sind nicht bedeutend, aber sie nehmen zu und werden spürbar. In der Drogerie Müller, mitten in der Altstadt von Palma de Mallorca, gibt es keine einzige dieser praktischen Tuben mit Waschmittel mehr. Rei, Saptil, Burti? Der Geschäftsführer winkt ab, mehr als die Preisschilder ist im Regal nicht mehr zu finden. Die Hotelgäste hängen nun offenbar ihre Hotelbalkons mit nasser Wäsche voll. Geld indessen ist verfügbar, die Geldautomaten geben her, was immer man von ihnen haben will, und manches Konto wird sich nur schwer von den Folgen des unfreiwillig verlängerten Urlaubs erholen.

Es gibt Probleme, die ernster sind als der Mangel an Waschmittel. Da sind die Just-in-Time-Touristen, die auf Medikamente angewiesen sind und nur geradeso viel auf die Reise mitgenommen haben, wie sie zu brauchen meinten. Blutdruckmedikamente, die Pille, solche Dinge. Doch die Apothekerin in dem kleinen Laden am Plaza Juan Carlos I. bleibt ruhig, sie vergleicht Inhaltsstoffe, berät, nimmt die Rezeptpflicht unbürokratisch und macht unerwartete Umsätze. „Das hat seit Montag stark zugenommen“, sagt sie, „wer glaubt schon, dass er von Mallorca nicht pünktlich nach Hause kommt?“

Zentralstelle fürs pünktliche Nachhausekommen ist, theoretisch, der Flughafen von Palma. Doch dort ist es gespenstisch ruhig, die Abflughalle ist geschlossen. Der Bustransfer zur Innenstadt und zu den großen Hotels ist eingestellt, die Reiseunternehmen haben ihre Gäste einfach wieder in die Hotels geschafft. Draußen an den Schaltern von Air Berlin und anderen Ferienfliegern stehen ein paar Dutzend Menschen geduldig in der Schlange, um nur nichts zu verpassen, falls es urplötzlich doch losgehen sollte. Die Mitarbeiterinnen sagen ihnen mit Engelsgeduld das Erwartbare: Nichts sei sicher, man wisse nicht, mal sehen.

Doch übernachten muss hier draußen niemand, das zeigt sich auch an den lebhaft frequentierten Schaltern der Autoverleiher. Die haben zwar kein Neugeschäft, weil kein Gast von draußen hereingeflogen kommt, aber dafür wollen viele Gäste verlängern. Wie lange? Kunde und Mitarbeiter grinsen sich an: ja, wer weiß das schon? Es ist diese etwas hilflose Kumpanei, die die sonst hier übliche flinke Geschäftigkeit ersetzt hat, alle Verabredungen werden nur noch auf Verdacht und Sicht getroffen.

Auch die Privatreisenden in den Luxushotels wissen ja nicht, wann sie hier wieder wegkommen. Sie holen sich jeden Morgen nach dem Frühstück die verlängerte Zimmerkarte ab, packen mit lustvollem Seufzen den Golfsack und entschwinden auf erneute 18 Löcher. Wenn die dämliche Aschewolke schon die Geschäfte kaputt macht, so lässt sich doch wenigstens etwas für das Handicap und gegen den schlechten Schwung tun.

Glücklich, wer einen geschmeidigen Concierge-Service im Hintergrund hat, der ständig die Lage im Luftraum abfragt und den Hotelgast auf dem Laufenden hält. Denn auch das gibt es: Urlauber, die von ihrem Reiseveranstalter angehalten sind, das Hotel nicht zu verlassen, um gegebenenfalls sofort in den Bus verfrachtet und zum Flieger transportiert zu werden. Die Reiseleiter haben es aufgegeben, noch Rundfahrten, Besichtigungen und andere Lustbarkeiten zu organisieren. Stattdessen telefonieren sie herum, um das Schlimmste zu verhindern, um unsinnige Gerüchte zu dementieren, zusätzliche Verpflegung aufzutreiben, um nachts reisebereite Gäste wieder in ihre Zimmer zu schicken. Flüge nach Barcelona gingen eine Zeitlang noch.

Auch die Möglichkeit einer Fährfahrt zum spanischen Festland wird von einigen erwogen. Aber wie dann weiter? Alle machen sich ohnehin Sorgen wegen der zusätzlichen Kosten. Wer wird die übernehmen?

Es ist nicht besonders viel los in Mallorca dieser Tage. Insgesamt hätte es schlimmer kommen können. 35 000 Urlauber, so meint die spanische Luftfahrtbehörde, seien von den Flugausfällen auf Mallorca betroffen.

Das Wetter hat sich nach dem schroffen Winter gerade erst so weit gemildert, dass eine Art Hochfrühling eingezogen ist zwischen dem Hafen und den Bergen der Tramuntana. Angesichts der sich ausbreitenden Langeweile kreisen viele Gespräche um die Frage, ob der Hotelpool nicht doch zwei oder drei Grad mehr gebrauchen könnte. Den Händlern in der Altstadt von Palma ist die Sache gerade recht, sie machen gute Umsätze, die Einheimischen und die Deutschen und die Engländer sitzen einträchtig in den Straßencafés – ungewöhnlich scheint allenfalls, dass hier doch mehr Notebooks und Blackberries in Betrieb sind als zu gewöhnlichen Urlaubszeiten; wer nichts anderes hat, herrscht seine Mitarbeiter eben per Handy an.

Überhaupt ist dies eine Art postmodernes Chaos, dessen Folgen durch den Einsatz der Medienvielfalt in Grenzen gehalten werden. Früher hätte eine solche Situation Empörung über nicht vorhandene Informationen provoziert und eine Welle der schlechten Laune über die Insel geschickt. Heute wird die allgemeine Unwissenheit per Internet so demokratisiert, dass niemand mehr einen hilflosen Airline-Mitarbeiter anbrüllen muss, um dann doch nichts Neues zu erfahren. Wer nicht ins Netz kann, der hat doch zumindest im Hotelzimmer Zugriff auf so rückständige Medien wie den Videotext, der die Basisinformationen ebenfalls liefert.

Am Montagnachmittag sprach sich deshalb rasch herum, dass eine Air-Berlin-Maschine in Richtung München entkommen war, und dass deshalb bald etwas gehen würde. Gottseidank, sagten viele, das normale Leben scheint weiter zu gehen. Und dann mit einem sehsüchtigen Blick zum aufklarenden Himmel: Eigentlich schade, wenn es jetzt vorbei wäre.

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