Zeitung Heute : Gesucht : ein kompetenter Strahlemann

Der Tagesspiegel

Von Gerd Appenzeller

Reinhard Höppner wurde in Sachsen-Anhalt abgewählt, weil er ein farbloser Ministerpräsident war. Stimmt, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Sein Gegenkandidat Wolfgang Böhmer von der CDU taugt auch nicht als Shootingstar, aber die Wähler trauten ihm eher als Höppner Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit zu. Helmut Kohl wurde 1998 abgewählt, weil die Wähler ihn nicht mehr sehen wollten. Stimmt, aber da kam noch etwas hinzu. Gerhard Schröder verkörpert zwar eine andere, aufregendere Welt als Kohl. Aber Kohl musste auch gehen, weil die Wähler ihm eine unsoziale Politik vorwarfen.

Führende Meinungsforschungsinstitute sind sich einig: Weder ausschließlich mit Personen noch allein mit Themen gewinnt man Wahlen. Ein populärer Politiker ohne wirkungsmächtige Themen wird genauso scheitern wie der Fachmann ohne Ausstrahlung. Ausstrahlung: In der Mediengesellschaft ist das schon Programm. „Schröder verkörperte 1998 alles, was man bei Kohl vermisste“, sagt Richard Hilmer von Infratest dimap. „Schröder ist einfach spannender“, ergänzt Matthias Jung (Forschungsgruppe Wahlen).

Beide aber sind sich einig: Zu der Entschlossenheit der Wählermehrheit, ein anderes Gesicht an die Regierungsspitze setzen zu wollen, kam das Unbehagen an der Politik der christlich-liberalen Koalition, das sich an Kohl festmachte. Durch die Streichungen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und die Zuzahlungen bei Medikamenten, um zwei Beispiele zu nennen, hatte Kohl sich den Ruf der sozialen Kälte eingehandelt. Lafontaine intonierte das Thema konsequent.

Was von beidem aber dominierenden Einfluss hatte, ist umstritten. Renate Köcher vom Institut für Demoskopie in Allensbach misst den Sachthemen im 1998er Wahlkampf ein größeres Gewicht zu. Lafontaines Vorwurf, ob berechtigt oder nicht, sei eben haften geblieben. Anders Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen: „Die Alten wollten den Alten nicht mehr sehen“, bringt er es auf den Punkt, dass Kohl selbst in der Gruppe der Älteren eine deutliche Mehrheit gegen sich hatte.

Ist Schröder klug beraten, wenn er einen stark personalisierten Wahlkampf führt? Ja, sagen die Vertreter aller drei Institute. Nicht nur für Renate Köcher ist Schröder „immer noch sehr populär“. „Auf der persönlichen Ebene läuft alles für Schröder“, stellt Richard Hilmer fest, und für Matthias Jung zählt außerdem, dass die Menschen auch „ein bisschen Glanz, Glamour und Persönlichkeit wollen“.

Sobald es aber um die Sachkompetenz geht, wird es für Schröder eng. Eine Mehrheit der Befragten glaubt, dass Stoiber in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik mehr zuzutrauen sei als dem Sozialdemokraten - und diese Themen werden in den kommenden Wochen immer wichtiger werden. Da kann die CDU mit ihrer Rote-Laterne-Kampagne entscheidende Punkte machen, da sind sich die Institute wieder einig. „Die Deutschen wollen nicht Letzter in Europa sein“, beschreibt Jung die Befindlichkeit. “

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