Zeitung Heute : Gesucht und gefunden

Walter Pfaeffle[New York] Corinna Visser[Berl]

Der Internetkonzern Google steigt mit einer Milliarde Dollar bei AOL ein. Wie unabhängig ist die Suchmaschine damit noch?


Wer sucht, der googelt – vor allem in Deutschland: Hier ist die Suchmaschine die meistbesuchte Seite im Netz überhaupt. Nach einer Marktforschung von Nielsen-Netrating steuerten allein im vergangenen Monat 65,7 Prozent aller deutschen Internetnutzer die Google-Seite an, erst weit dahinter folgen Microsoft und Ebay. Google wirbt mit dem Wahlspruch „Don’t be evil – sei nicht böse“. Das Unternehmen ist gerade auch deshalb so populär, weil es eine dieser fantastischen Geschichten verkörpert, die nur das Internet hervorbringen kann: Zwei Studenten entwickeln eine Technologie, die die Internettechnik intelligent einsetzt – zum Nutzen aller. Und einige Jahre später legt das Unternehmen dann einen Börsengang für 1,67 Milliarden Dollar hin.

Und jetzt erwirbt Google für eine Milliarde Dollar (833 Millionen Euro) fünf Prozent am weltgrößten Onlinedienst AOL. Auch bisher schon waren AOL und Google Geschäftspartner, der Onlinedienst ist der größte Kunde von Google, denn AOL setzt bereits die Suchtechnologie auf seinen Seiten ein. Künftig sollen AOL-Inhalte auch Google-Nutzern zugänglich gemacht und die bisher nicht kompatiblen Chatprogramme beider Unternehmen aufeinander abgestimmt werden. Es geht um AOLs „Instant Messenger“ und Googles „Talk“. Google hat damit dem weltgrößten Softwarekonzern Microsoft, der ebenfalls an einem Einstieg bei AOL interessiert war, ein Schnippchen geschlagen.

Der Erfolg von Google hängt aber nicht nur mit dem Image des sympathischen Unternehmens zusammen. Die Suchmaschine bringt ihren Kunden in der Regel auch gute Suchergebnisse. Google macht noch immer ein großes Geheimnis daraus, wie es zu der Reihenfolge seiner Suchergebnisse kommt. Jeder will bei Google oben in der Liste stehen. Längst gibt es eine Vielzahl von Firmen, die versuchen, die Suchmaschine auszutricksen, um ihre Kunden nach vorne zu bringen. Bisher ist es Google gelungen, seine Glaubwürdigkeit zu verteidigen. Auch wenn Google das „Image des sympathischen Herausforderers“ schon lange nicht mehr hat. „Das ist spätestens seit dem Börsengang vorbei“, sagt Martin Fabel von der Beratungsgesellschaft AT Kearney.

Doch nun wird sich nicht nur optisch einiges ändern: Googles bisher grafisch eher spartanischer Auftritt wird bunter. AOL darf auf der Google-Seite in Zukunft Werbung in Bildform platzieren. Die beiden Firmen wollen außerdem bei der Videosuche kooperieren und bei der Digitalisierung von Time-Warners-Filmen, Fernsehprogrammen und anderen Inhalten für das Web enger zusammenarbeiten.

Dass Google nun wegen seiner Verbindung mit einem anderen Konzern seine Unabhängigkeit und seine Attraktivität verlieren könnte, glaubt Fabel nicht. „Auch bisher gibt es bei Google neben der freien Suche platzierte und damit bezahlte Links. Die Nutzer können das sehr gut unterscheiden.“

Beide Konzerne, sagt Fabel, bereiteten sich mit ihrer Zusammenarbeit auf die Zukunft des Internets vor: „Das Internet kommt ins Wohnzimmer“, sagt er. „Das Netz wird audiovisueller – wir werden immer mehr Filme und Musik online beziehen.“ Bisher kann bei Google vor allem nach Textinhalten gesucht werden, in Zukunft wird es vermehrt darum gehen, nach Inhalten von Filmen und Musikstücken zu fahnden. „Die Nutzer werden einen verlässlichen Partner brauchen, um sich in den immer umfangreicheren Unterhaltungsangeboten zu orientieren“, sagt Fabel. „Dafür haben sich Google und AOL jetzt stark gemacht.“

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