Zeitung Heute : Gesucht und nicht gefunden

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„Zeigen heißt Verschweigen,“ so lautet die Überzeugung von Reinhart Koselleck. Am Beispiel des Denkmals für die ermordeten Juden zeigte der Bielefelder Historiker als Gast der Humboldt-Universität, dass im Herausgreifen einer Opfergruppe das Leiden anderer Menschen geradezu „verdrängt“ werde. Die Weigerung der Deutschen, allen von ihnen ermordeten Menschen ein Denkmal zu schaffen, sei ein Zeichen ihrer Hilflosigkeit angesichts der „Last der Sinnlosigkeit, die uns durch unsere Geschichte aufgebürdet ist.“

Koselleck, der im Rahmen der „Mosse-Lectures“ über die „Versinnbildlichung des gewaltsamen Todes in den Denkmälern seit der französischen Revolution“ sprach, ist bekannt für seine unbequemen Meinungen. Anhand einer Reihe von Kriegerdenkmälern beschrieb er, wie im 19. und 20. Jahrhundert versucht wurde, der Darstellung des gewaltsamen Todes beizukommen. Das Problem sei dabei für die Künstler gewesen: Angesichts der mit den Kriegen wachsenden Opferzahlen konnten sie das Sterben immer weniger als sinnvoll ausweisen.

Im 19. Jahrhundert war das Koselleck zufolge noch nicht so: Es schien sich noch zu lohnen, für Kaiser und Vaterland zu sterben. Nach der Niederlage von 1918 entfällt dieser Sinn. „Er wird gesucht, aber nicht mehr gefunden“, so Koselleck. Eben dies lasse sich an den Denkmälern ablesen, wie etwa an dem, das Käthe Kollwitz 1932 für ihren im Krieg gefallenen Sohn Peter auf dem Soldatenfriedhof von Roggevelde in Belgien errichtete. Der Tote selbst ist verschwunden, man sieht nur noch die sinnenden Eltern, die vergeblich versuchen, dem Tod ihres Kindes einen Sinn zuzuweisen.

Mit den Bombenkriegen und Konzentrationslagern des Zweiten Weltkrieges verschärft sich die Situation nochmals. Jede Sinnsuche sieht sich nun geradezu der Sinnverweigerung ausgesetzt. Eine Folge für die Denkmalsä sthetik sei, so formuliert Koselleck, dass die „Sinnverweigerung zur Entsinnlichung“ der Bauwerke führt: die Denkmalkunst flüchtet ins Abstrakte.

Dass der Weg in die Abstraktion allein allerdings keine Gewähr für eine ästhetisch überzeugende Lösung biete, legte Kosellecks Kritik an Eisenmanns Stelenfeld nahe, das „erstarrte Trauer zeige, die keine Trauer vermitteln könne“. Als Indiz für die mangelnde ästhetische Sicherheit des Künstlers wertete Koselleck zudem das Gerangel um das am Denkmal für die ermordeten Juden verwendete Material.

Koselleck ließ es sich nicht nehmen einige Punkte seiner Kritik an der „aufgewulsteten“ Pieta in der Neuen Wache, ursprünglich eine Kleinplastik von Käthe Kollwitz, zu wiederholen. Nicht allein, dass sie als Überlebende eine Mutter zeige, sei verfehlt angesichts des Umstandes, dass mehr als die Hälfte der Opfer Frauen und Kinder gewesen seien. Zudem ändere der Topos der Pieta an diesem Ort seinen Status. Indem er den Mord des Gottessohnes anklingen lasse, schwinge hier eine „antijüdische“ Note mit. Kurz: „Je mehr man darüber nachdenkt, desto geschmackloser wird das Ganze.“

Anatol Schneider

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