Zeitung Heute : Gesund durch Viren

DR. WEWETZER

Hartmut Wewetzer

DR. WEWETZER

Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde. Diese Regel könnte auch in der Medizin nützlich sein – nämlich beim Kampf gegen wild gewordene Mikroben. Gegen Bakterien also, bei denen auch die modernste Medizin die Waffen strecken muss. Dabei geht es um ein Mittel, das direkt aus dem Biolabor von Mutter Natur stammt: Bakterienfresser!

Medizinisch-vornehm ausgedrückt heißen diese winzigen Mikrobenkiller Bakteriophagen. Das sind Viren, die sich auf Bakterien als Wirte spezialisiert haben. Für jedes Bakterium auf diesem Globus existiert seit Urzeiten eine ganze Legion Bakteriophagen. Die Phagen (aus dem griechischen für „fressen“ abgeleitet) sehen aus wie Geschöpfe aus einem Science-Fiction-Film. Sie landen gleich Raumkapseln mit elastisch federnden Beinen auf der Mikrobe, docken an und spritzen ihr Erbgut in den Bazillus.

Nun geht alles sehr schnell. Binnen 30 Minuten hat die zur Virus-Fabrik umfunktionierte Mikrobe neue Phagen hergestellt. Dann löst sie sich auf und gibt Hunderte von Bakterienkillern frei. Und schon beginnt die Invasion von neuem.

Die sich abzeichnende Krise bei der Bekämpfung von Infektionen – immer mehr Erreger trotzen Antibiotika – könnte nun der Phagenbehandlung zur Renaissance verhelfen. Ihre breite Erprobung geht kurioserweise auf den Sowjetdiktator Stalin zurück, der die Phagenforschung im georgischen Eliava-Institut förderte. Die dortigen Wissenschaftler und Ärzte können von vielen Erfolgen durch die Phagenbehandlung berichten – etwa bei vereiterten Brandwunden. Inzwischen beschäftigen sich auch westliche Biotechnik-Firmen mit Phagenmedizin. „Ein viel versprechender Ansatz“, sagt Norbert Suttorp, Infektions-Experte an der Berliner Charité.

Aber es gibt noch einige Hindernisse. Da sind zunächst die strengen Auflagen der Arzneibehörden. Sie verlangen sorgfältige, durch Tierversuche abgesicherte Studien mit genau festgelegten Inhaltsstoffen. Ein Cocktail aus etlichen verschiedenen Phagen, wie er in Georgien eingesetzt wird, ist hier zu Lande kaum denkbar. Problem Nummer zwei: Phagen-Arzneien lassen sich schlecht patentieren und damit vor Nachahmern schützen. Das bremst den Elan der Pharmahersteller. Immerhin: eine erste Studie nach westlichen Maßstäben ist abgeschlossen, weitere geplant. Ein später Triumph Stalins?

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