Zeitung Heute : Gesund gepflegt

Vivantes stand kurz vor der Pleite, die Mitarbeiter mussten auf Gehalt verzichten – doch dann begann vor fünf Jahren die Erfolgsgeschichte der Klinikkette

Ingo Bach

Rot. Jahrelang war das die vorherrschende Farbe in den Bilanzen von Deutschlands größter kommunaler Klinikkette. 2004, drei Jahre nachdem zehn städtische Krankenhäuser Berlins zum Vivantes-Konzern verschweißt worden waren, stand das Unternehmen sogar kurz vor der Pleite. Der Senat, der die Altschulden übernahm, und die Beschäftigten, die Geheltseinbußen akzeptierten, bewahrten den Konzern damals vor dem Aus.

Beides ist nun Geschichte, eine Erfolgsgeschichte: 2008 schloss Vivantes mit schwarzen Zahlen ab, das fünfte Jahr in Folge. Die offizielle Bilanz für das Geschäftsjahr 2008 liegt zwar noch nicht vor, aber nach Tagesspiegel-Informationen wird der Gewinn wenig über der Marge von 2007 liegen, als der Konzern 2,1 Millionen Euro erwirtschaftete. Im Jahr zuvor waren das allerdings noch 7,1 Millionen Euro.

Joachim Bovelet, seit 2007 Chef der inzwischen neun Vivantes-Kliniken, will auch weiterhin verdienen. „Schwarze Zahlen sind für ein Unternehmen kein Kann, sondern ein Muss.“ Auch für 2009 peile man ein einstelliges Plus an.

Nach Jahren der Einschränkung – seit der Beinahe-Pleite 2004 verzichten die Mitarbeiter unter anderem auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld – kann sich nun auch das Personal über persönliche schwarze Zahlen freuen. Am 1. Januar gab es eine Gehaltssteigerung um 1,6 Prozent plus monatlich 50 Euro. Ein Jahr später folgt eine weitere Erhöhung von 4,3 Prozent und eine Einmalzahlung von 225 Euro. Auch die Ärzte, die separat verhandelten, erhalten mehr Geld.

Selbst Gewerkschaftsvertreter attestieren Vivantes, damit die Stimmung unter den Beschäftigten wesentlich verbessert zu haben. „Wir waren hochzufrieden mit dem Abschluss, und die Motivation der Mitarbeiter erhöhte sich spürbar“, sagt etwa Verdi-Verhandlungsführerin Heike Spies. Allerdings drohe die Geschäftsführung dieses neu gewonnene Vertrauen in das Unternehmen derzeit wieder zu verspielen. Die Umkleidezeit und der Weg vom Umkleideraum zum Arbeitsplatz soll nicht mehr als Arbeitszeit gelten. Dies sei auf Bundesebene aber schon seit 2005 üblich, hält die Geschäftsführung dagegen. Vivantes ziehe hier nur nach.

Um trotz der Mehrausgaben in den schwarzen Zahlen zu bleiben, benötigt der Konzern höhere Einnahmen, sprich mehr und schwerer kranke Patienten. Um bis zu fünf Prozent sollen die Fallzahlen in diesem Jahr wachsen. 2007 versorgte das Unternehmen 434 000 Patienten ambulant und stationär. Der Zuwachs wird sich nicht allein durch den demografischen Wandel – mehr ältere Menschen und damit auch mehr kranke – erreichen lassen. Vivantes wird anderen Kliniken Patienten abjagen müssen.

Der Eigentümer, das Land Berlin, ist verhalten zufrieden mit seinem Konzern. Es sei gelungen, die Personalkosten gegenüber dem Jahr 2000 um ein Viertel zu senken, die Sachkosten um 13 Prozent, heißt es aus der Senatsfinanzverwaltung. Gleichzeitig habe man das Leistungsspektrum von Vivantes erweitert, um ambulante Behandlungen zum Beispiel oder Reha-Angebote.

Einiges aber sei noch zu tun. Der Verkauf von überflüssigen Immobilien laufe zu schleppend. Und die Schwerpunktbildung der Konzern-Kliniken auf unterschiedliche Behandlungsspektren, um so teure Doppelangebote zu reduzieren, sei noch ausbaufähig.

13 000 Menschen arbeiten für den Konzern. Ein Personalabbau sei für 2009 nicht geplant, sagt Vivantes-Chef Bovelet. Im Gegenteil: Man werde Ärzte, Pflege- und Funktionspersonal – etwa Anästhesiehilfen – einstellen. „Wir können in diesem Jahr zum Beispiel alle Schüler aus der Pflegeschule übernehmen.“

Sämtliche Gewinne würden wieder in das Unternehmen investiert. Allein für die Sanierung des maroden Standortes in Hellersdorf gibt Vivantes 23 Millionen Euro aus – ohne Förderung vom Land. Darüber hinaus kann der Konzern in diesem und dem kommenden Jahr zusätzliches öffentliches Geld in Sanierung und Unterhalt der Gebäude stecken. Zum einen machte das Land im vorigen Jahr 40 Millionen Euro Investitionsförderung locker, zum anderen wird Vivantes auch vom Konjunkturpaket der Bundesregierung profitieren. Rund 13 Millionen Euro könne man daraus wohl erwarten, sagt Bovelet. Insgesamt werde Vivantes im Jahr 2009 rund 68 Millionen Euro investieren. Im Klinikum Friedrichshain etwa werde der OP-Trakt modernisiert, das Klinikum am Urban etagenweise saniert und im Klinikum Neukölln eine neue Privatstation eingerichtet.

Auch die zwölf Pflegeheime, die zum Konzern gehören, seien auf gutem Wege. Erstmals hätten die Häuser 2008 zum positiven Jahresabschluss beigetragen, so der Vivantes-Chef. Vor zwei Jahren bei seiner Amtsübernahme hatte Bovelet das „Forum für Senioren“ noch als Sorgenkind bezeichnet. Bei allen Häusern bestand damals ein „Instandhaltungsrückstau“ von 20 Millionen Euro. Dieser werde nun schrittweise abgebaut. In Wilmersdorf saniert Vivantes derzeit die erste Pflegeeinrichtung mit Unterstützung des Landes für rund zehn Millionen Euro. In Alt-Wittenau wird ab Mai ein neues Demenz- und Betreuungszentrum mit 180 vollstationären Pflegeplätzen errichtet und dafür – nach Ende der Bauarbeiten – das Heim in der Reinickendorfer Teichstraße 50 aufgegeben. Die Sanierung der übrigen zehn Häuser soll dann in den Jahren 2010 bis 2012 folgen.

„Schwarze Zahlen sind für ein Unternehmen kein Kann sondern ein Muss. Aber wir schreiben schwarze Zahlen. Ein Personalbabbau ist bei uns kein Thema. Im Gegenteil: Wir werden Ärzte, Pflege- und Funktionspersonal – zum Beispiel Anästhesiehilfen – einstellen. Wir können in diesem Jahr zum Beispiel alle Schüler aus der Pflegeschule übernehmen.“

Joachim Bovelet, Chef der Vivantes-Kliniken

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