Zeitung Heute : Gesunde Ansicht

Rund 700 Politiker, Wissenschaftler und Industrielle treffen sich in Berlin, um die Weltgesundheit zu retten. Aber nicht alle finden das gut und organisieren Gegenveranstaltungen. Was bringt das alles?

Adelheid Müller-Lissner

In Berlin steht in diesen Tagen nichts Geringeres als die Gesundheit der gesamten Menschheit auf der Tagesordnung. Ein ehrgeiziges Programm. Zum Auftakt des Weltgesundheitsgipfels, der noch bis zum Sonntag unter Schirmherrschaft des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel stattfindet, wird vor allem über „Geopolitische Strategien für globale gesundheitliche Fragen“ gesprochen. Ein Thema dabei waren Impfungen. Um die möglichen Risiken der Schweinegrippe-Impfungen ging es nicht, dafür um das Tempo, mit dem die Stoffe bereitgestellt werden. Davon müsse man lernen, sagte Rino Rappuoli, bei Novartis für die Impfstoffforschung zuständig. „Wenn das im Notfall geht, müsste es doch auch im Normalfall gehen.“ Für eine drastische Senkung der Impfstoffpreise setzte sich die Menschenrechtlerin und frühere UN-Hochkommissarin Mary Robinson ein. Vehement fordert sie größere Anstrengungen der reicheren Länder und der Pharmaindustrie. „Impfungen sind ein öffentliches Gut, es gibt ein Menschenrecht auf kostengünstige Impfungen.“

Der Engländer Peter Piot, Direktor des Instituts für Global Health am Imperial College in London, nannte die Impfung gegen das Humane Papillomavirus (HPV) als Beispiel: „Eine fantastische Möglichkeit, um Frauen vor Gebärmutterhalskrebs zu schützen, doch sie ist bisher entschieden zu teuer für die Länder, in denen sie besonders dringend gebraucht wird.“ In ärmeren Staaten sterben mehr Frauen an dieser Krankheit, weil dort oft die Früherkennungsmöglichkeiten fehlen. Gegen die Tuberkulose, der in jedem Jahr zwei Millionen Menschen zum Opfer fallen, gibt es zwar wirkungsvolle Therapien, doch auch sie kommen nicht dort an, wo sie gebraucht werden. „Jeden Tag sterben Tausende von Menschen an Krankheiten, gegen die es medizinische Hilfe gibt“, sagte Paul Sommerfeld von der Organisation TB Alert. Seine Schlussfolgerung: „Gute Gesundheit ist nie nur eine Sache guter Medizin.“ Zivilgesellschaftliches Engagement sei ausgesprochen wichtig, um hier auf die Politik mehr Druck ausüben zu können, sagte auch Robinson, die von 1990 bis 1997 erste Staatspräsidentin Irlands war.

Robinson monierte zugleich, dass auf dem erstmals organisierten Weltgesundheitsgipfel in Berlin überwiegend Wissenschaftler und Politiker aus den privilegierten Ländern der Erde zu sehen seien. Auch dieser Weltgesundheitsgipfel, auf dem so viel von Entwicklung die Rede ist, müsse sich erst entwickeln, man werde aus den Erfahrungen lernen, versprach Charité-Mediziner Detlev Ganten, der sich mit seinem französischen Kollegen Axel Kahn von der Université Descartes in Paris die Gipfel-Präsidentschaft teilt.

So lange wollten Kritiker der Konferenz nicht warten, die gestern in unmittelbarer Nähe der Charité die Alternativkonferenz „Open Eye“ veranstalteten. „Dieser Gesundheitsgipfel ist nicht geeignet, weltweite Gesundheitsprobleme anzugehen“, heißt es in einer Erklärung, die unter anderem Medico International, der Evangelische Entwicklungsdienst, die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs und einige Gewerkschafter unterzeichnet haben. Sie habe vor allem deshalb große Vorbehalte, weil dem Weltgesundheitsgipfel eine demokratische Legitimation fehle, sagte Annelie Buntenbach, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Eine solche Legitimation kann nach Ansicht der Kritiker nur von der WHO kommen.

Die WHO allerdings ist auf der offiziellen Konferenz in verschiedenen Sitzungen stark vertreten. Richard Horton, Chefredakteur der Medizinerzeitschrift „The Lancet“, hofft, dass beim nächsten Mal auch mehr Afrikaner und Südamerikaner dabei sein werden. „Vorerst ist für mich nicht das Wichtigste, ob es sich wirklich um einen Weltgipfel handelt. Wichtig finde ich, dass das Treffen in Deutschland stattfindet. Denn Deutschland war lange Zeit viel zu still, was Medizin und Weltgesundheit betrifft.“ Das sei vor 150 Jahren anders gewesen, als der Berliner Arzt Rudolf Virchow die berühmte Formulierung prägte, Medizin sei eine soziale Wissenschaft.

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