Zeitung Heute : Gesunde Götterspeise

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Schokolade, fast eine Arznei

Hartmut Wewetzer

Es gibt diesen Augenblick, wenn die Schneidezähne die oberste Schicht durchdringen. Zunächst das Kakaopuder, dann die Hülle aus Schokolade. Schließlich die weiche, schmelzende Füllung. Rasch füllt sich die Nase mit dem Aroma der Trüffelpraline. Die Schokolade zerfließt, der bittersüße Geschmack füllt die Mundhöhle ganz aus.

Für manche gehören solche Momente zu den größten Genüssen. Schokolade macht sie selig. Der schwedische Botaniker Carl von Linné sprach von der Kakaopflanze als der „Speise der Götter“. Und immer mehr stellt sich heraus, dass Kakao auch ganz handfeste gesundheitliche Vorzüge hat. Jüngstes Beispiel ist eine Untersuchung niederländischer Forscher, deren Ergebnisse nun im Fachblatt „Archives of Internal Medicine“ veröffentlicht wurden.

Die Forscher untersuchten und befragten 470 Männer im Alter zwischen 65 und 84 und teilten sie in drei Gruppen ein. Die eine aß gar keine, die zweite ein wenig und die dritte viel Kakaoprodukte (meistens Schokoladentafeln oder Schokoriegel). 15 Jahre lang blieben die Wissenschaftler den Männern auf den Fersen, und am Ende stand fest: je mehr Schokolade die Männer aßen, umso geringer war ihr Blutdruck und das Risiko, an einem Herz-Kreislaufleiden zu sterben. Männer, die viel Schokolade naschten, hatten sogar ein um die Hälfte geringeres Risiko als Kakao-Verächter.

Also auf in den Supermarkt, Richtung Süßwarenabteilung? Das wäre verfrüht. Denn zum einen kann es sein, dass das günstige Ergebnis der Kakao-Studie teilweise durch Begleitumstände mitbewirkt wurde, sich die Schokoladenfreunde zum Beispiel allgemein besser ernährten und gesünder lebten. Für eine Lizenz zum Schokoladeessen ist es auch deshalb noch nicht an der Zeit, weil diese bekanntlich viel Fett und Zucker enthält. Zu viel Schokolade macht dick, was wiederum nicht gut für Herz und Gefäße ist.

Schokolade bleibt also bis auf weiteres ein Genussmittel und kann nicht in den Rang einer Medizin erhoben werden. Aber wer sie in Maßen konsumiert, braucht dabei kein schlechtes Gewissen zu haben und kann gleichsam nebenbei nicht nur seinem Gaumen, sondern auch seinem Körper etwas Gutes tun. Das ist doch immerhin etwas.

Vermutlich sind es Flavanole, die die Kakaobohne gesund machen. Sie gehören zu der großen Gruppe der Flavonoide, die in vielen Pflanzen als Farb- oder Abwehrstoffe vorkommen. Unter den Flavanolen ist es besonders ein Stoff namens Epicatechin, dem günstige Wirkungen zugeschrieben werden.

Nach einer vor kurzem im Fachblatt „PNAS“ veröffentlichten Studie deutscher und amerikanischer Forscher fördert Epicatechin die Entspannung der Blutgefäße und auf diese Weise auch die Durchblutung. Flavonoide tendieren jedoch dazu, bitter zu schmecken, und werden bei der Kakaoherstellung zum Teil entfernt. Es gilt die Faustregel: je mehr Kakao Schokolade enthält, umso gesünder ist sie – und umso bitterer. Was uns wieder der Medizin näher bringt.

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