Zeitung Heute : Gesundheit: Das motivierende Quartett

Deike Diening

Wetterfühlig? Lahme Beine? Generell viel schlaffer als gewünscht? Wenn solche Fragen in Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen verhandelt werden, kommen die "Gesundheitspäpste" zum Zuge. Alltagsleiden, das allgemeine Wohlbefinden und gesunde Lebensführung sind ihre Themen. Doch wer sind diese Leute, und was hat sie dazu gemacht?

Wir haben vier ausgewählt: Ulrich Strunz, Hademar Bankhofer, Willi Dungl und Michael Spitzbart, die wir hier stellvertretend vorstellen. Jeder, so scheint es, vertritt einen ganz eigenen Ansatz, mit dessen Hilfe man durch Gesundheit glücklich wird.

Ulrich Strunz, wohl der bekannteste des Quartetts, hat über zwei Millionen Bücher verkauft. Bei Massenveranstaltungen tritt er nach eigenen Angaben vor bis zu 12000 Zuschauern auf. Seine Botschaft lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Laufe, laufe, laufe, iss mehr lebendige - also nicht verarbeitete - Kost, denke stressfrei und öffne dein Unterbewusstsein. Der Medizinjournalist Hademar Bankhofer hat über Jahre Rezepte der Naturapotheke gesammelt. Schon als Student in Wien soll er mit seinem Motorrad von Bauernhof zu Bauernhof gefahren sein, um die alten natürlichen Rezepte der Bauern zu erfahren. Die Ergebnisse seiner Recherchen verbindet er in seinen Ratgebern mit neuen Erkenntnissen, so wie in seinem Buch "Die Naturheilkunde der Seefahrer". Der Österreicher Willi Dungl ist eigentlich Masseur und hat jahrelang Sportler betreut. Mit denen hat er Höhentrainings unternommen und sich dann ein Trainingshotel eingerichtet. Dabei und in seinen Ratgebern hat er so oft auf chinesische Medizin zurückgegriffen, dass es dort jetzt sogar ein eigenes Chinazentrum gibt. Michael Spitzbart schließlich hat bei der Blutanalyse erfolgreicher Menschen so genannte "Siegesstoffe" in deren Blut gefunden und daraus das "Bluttuning" entwickelt.

Das Leben als Cluburlaub

Schaut man genauer hin, so entdeckt man jede Menge Ähnlichkeiten hinter unterschiedlicher Verpackung: alle verweisen auf die drei Säulen Bewegung, Ernährung und Mentaltechniken, die in Kombination zu einem gesunden Menschen führen sollen. Alle streben eine längere Jugend an. Auffällig auch die Ähnlichkeiten im Auftritt: Logisch, dass alle regelmäßig in Büchern publizieren, Vorträge oder Seminare halten und sich auf die Beratung Prominenter berufen. Überraschend das Vokabular, das man eher in Wirtschaftskreisen vermutet hätte. Willi Dungl zum Beispiel will mit seiner Marketingfirma "Produkte entwickeln" und "eine Marke aufbauen", Michael Spitzbart nennt seine Firma "Medical Consultants" - die medizinischen Berater. In horizontaler Produktintegration ist Willi Dungl auf dem bes-ten Wege, zu einem hoch diversifizierten Unternehmen mit imperialem Charakter zu werden (eigenes Trainingshotel, Säfte und Teesorten). Bei Bankhofer und Strunz kann man auf der Homepage Clubmitglied werden, Shops sind angeschlossen.

So gesehen wirken die Verkünder von Glück und Gesundheit nicht wie "Päpste" des einen, wahren Glaubens, sondern wie direkte Konkurrenten auf einem engen Markt, deren Publikationsprodukte mit Namen wie "Fit for fun", "Fit forever" oder "Forever young" sich zum Verwechseln ähneln. Da klingt Bankhofer mit seiner "Naturapotheke" (erscheint im April) fast schon altmodisch. Und ebenfalls allen gemein ist das Versprechen, die eigene Botschaft unterhaltsam unters Volk zu bringen.

Mit den Experten hört gesunde Lebensweise auf, mühselig zu sein. Vorsorge macht jetzt Spaß, Spaß, Spaß. Strunz erinnert denn auch an einen Animateur aus dem Cluburlaub, wie er mit immergleichem Grinsen dem Betrachter den Zeigefinger zwischen die Augen bohrt, und Bankhofer trägt die Aura eines Rudi Carrell mit sich herum. Allein Willi Dungl schaut in größerem Ernst von seiner Homepage.

Ein Cocktail aus Medizin und Spaß

Vom Hausarzt erwartet man anderes. Ein Medizinstudium zum Beispiel. Das haben nicht alle unserer Ratgeber absolviert. Man könnte sie also durchaus der Unterhaltungsbranche zuordnen, sozusagen dem vergleichsweise neuen Feld des Meditainment. Aber immerhin haben sie damit unbestreitbar Verdienste auf einem noch nicht systematisch erschlossenen Gebiet erlangt: der Präventivmedizin.

Ihr gemeinsamer Rat zu mehr Bewegung und gesünderer Ernährung kann so falsch nicht sein. Es ist das, was auch Schulmediziner schon lange flächendeckend aber einigermaßen erfolglos fordern. Denn die Deutschen essen immer noch zu fett und sitzen zu lange. Den Gesundheitspäpsten aber geht es darum, dass die Leute gar nicht erst krank werden und sich bei kleinen Alltagsbeschwerden mit natürlichen Mitteln kurieren. Sie wollen Lebenshilfe leisten und empfehlen Gesundheit als Voraussetzung für Glück und Erfolg. Womöglich gelingt ihnen das mit ihrer Methode, die auf gewinnbringende Weise Medizin und Unterhaltung mischt, besser als dem Hausarzt. Und vielleicht brauchen wir ihn, den Animateur. So lange er nicht verspricht, den Arzt ersetzen zu können.

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