Zeitung Heute : Gesundheit: Dicke Luft?

Claudia Aldenhoven

Die Abriss-Parole ist erstmal geplatzt. Doch auch wenn Wowereit mit seiner Interview-Äußerung vom Rot-Roten-Senat gestoppt wurde: Viel bleibt vom ehemals stolzen, bei der Wende auf eine Milliarde Mark geschätzten "Palast der Republik" nicht übrig: Nach vollendeter Asbestsanierung im September wird er nur aus der Stahlkonstruktion, Rohdecken und einer erneuerungsbedürftigen Fassade bestehen.

Wohl kein anderer Giftstoff - Asbest schädigt die Lungen und gilt als krebserregend - führte in den letzten Jahren zu so umfangreichen Sanierungsmaßnahmen öffentlicher Gebäude. Denn das hitze- und korrosionsbeständige Mineral war in den siebziger Jahren ein gefragter Baustoff. Um die Risiken abzuschätzen, die von ihm ausgehen, muss man zwischen fest- und schwach gebundenem Asbest unterscheiden. Asbest-Zement-Produkte, bekannt unter dem Namen Eternit, bestehen zu zehn bis 15 Prozent aus Asbestfasern. Fest im Zement gebunden sind sie unbedenklich, solange sie nicht mechanisch bearbeitet werden, Risse bekommen oder verwittern. Schwach gebundene Produkte wie Spritzasbest bestehen bis zu 90 Prozent aus Asbest. Man verwendete ihn beim "Palast der Republik" zur Ummantelung von Stahlträgern und beim ICC-Gebäude für die Kabelschächte. Hier genügen bereits nicht vollständig abgedichtete Stellen, damit die giftigen Fasern ins Freie gelangen.

Gefährliches Mittelmaß

Als die damalige DDR-Regierung den Palast am 19. September 1990 schließen ließ, war nach Aussage des damaligen Asbest-Gutachters Professor Heinrich Tepasse Gefahr in Vollzug: "Vor allem über die Bühnentechnik im großen Saal rieselte ein Asbest-Zement-Gemisch auf die Köpfe der Besucher." Ursache seien Risse in den zwei bis vier Zentimeter dicken Asbest-Zement- Schichten gewesen.

Die verhängnisvolle Wirkung hängt nicht von der chemischen Zusammensetzung der Fasern ab, sondern von ihrer Form. Sehr dünne oder sehr dicke Fasern lagern sich nur in den oberen Atemwegen ab, wo sie die Flimmerhärchen in den Rachenraum zurücktransportieren. Hier wird der Asbestschleim verschluckt und über den Magen-Darmtrakt entsorgt. Mitteldicke Fasern zwischen 0,3 und einem Mikrometer Durchmesser stoßen dagegen bis in die Lungenbläschen vor. Jede einzelne Faser muss durch eine Fresszelle aufgenommen und entsorgt werden. Diese Asbestsanierung in der Lunge dauert Monate bis Jahre.

Lange Fasern ragen dabei aus den Fresszellen hervor und provozieren das Immunsystem: Es setzt Giftstoffe frei. Sie schädigen statt der vermeintlichen Eindringlinge aber das eigene Lungengewebe. Nicht erfasste Faser reichern sich an den Randgebieten der Lungen an. Hier kann eine sehr seltene Krebsform entstehen, das Mesothelium. Durch Entzündungen ausgelöste narbige Verdickungen und Verkalkungen verhärten schließlich das elastische Lungengewebe und behindern die Atmung. Abhängig von der eingeatmeten Menge entwickelt sich nach zehn Jahren eine Asbeststaublunge oder Asbestose. Nach 15 bis maximal 40 Jahren lösen längere, dünne Fasern Krebs der Atemwege, der Lunge oder des Rippenfells aus. Rauchen erhöht dabei das Risiko um ein Vielfaches.

Todesursache Nummer eins

Neben Palastbesuchern und Mitarbeitern atmeten vor allem die Bauarbeiter die Fasern ein, die Anfang der 70er Jahre den Spritzasbest auf das Stahlskelett auftrugen. Asbest ist heute die häufigste Todesursache bei Berufskrankheiten. Allein im Jahr 2000 starben nach Aussage der gewerblichen Berufsgenossenschaften 957 Menschen an den Folgen der aggressiven Mineralfasern. Fast die Hälfte entfiel auf die besonders bösartige Krebserkrankung des Rippen- oder Bauchfells, dem Mesothelium, kaum weniger auf Lungenkrebs. Ein kleiner Teil starb an Asbeststaublunge (Asbestose). Bei 3124 Menschen wurde im Jahr 2000 eine asbestverursachte Berufskrankheit festgestellt. Obwohl die Herstellung von Asbest seit 1993 in Deutschland verboten ist, werden die Todeszahlen wegen der langen Latenzzeit der Krankheiten voraussichtlich noch bis zum Jahr 2015 ansteigen.

Im Palast sind 82 Prozent der Asbestsanierung nach Aussage von Helmut John, Pressesprecher der Bundesvermögensverwaltung abgeschlossen. Außenstehende dürfen die Baustelle nicht betreten. Entsorgt wird neben flüchtigem Spritzasbest und kontaminiertem Material auch gebundener Asbestzement, insgesamt 4000-5000 Tonnen. Beim großen Reinemachen entpuppte sich der Palast als stärker belastet als angenommen. Die Kosten stiegen von 75 auf 105 Millionen DM.

Kosten sind es auch, die einer Zwischennutzung nach der Sanierung im Wege stehen: Um das Gebäude allein begehbar zu machen, müssen 3,24 Millionen investiert werden. Toiletten oder Stromanschluss sind dabei noch nicht mit inbegriffen. Ungenutzt aber wird der Gebäuderest verfallen. Denn bis die Vorschläge des demnächst vorliegenden Abschlussberichts der Schlossplatzkommission zur Nutzung und Finanzierung des Schlossplatzes geprüft, entschieden und vor allem umgesetzt worden sind, vergehen noch Jahre, vielleicht sogar ein weiteres Jahrzehnt.

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